Grüne Lösung der Stromspeicher-Frage - oder doch eher Verwechslung?

Annalena Baerbock. Foto: Guido Sutthoff. Lizenz: CC BY-SA 4.0

Annalena Baerbock erklärte im Deutschlandfunk-Gespräch, dass das Problem der Stromspeicherung in Deutschland gelöst sei

Bislang als Methode nur vom damaligen Kanzleramtsminister Ronald Pofalla im Zusammenhang mit der NSA-Spionage bekannt (der inzwischen Infrastrukturvorstand der Deutschen Bahn wurde), scheint die gerade gewählte Vorsitzende der Bundesgrünen aus eigener Vollkommenheit die Lösung eines Problems erklären zu wollen, das die Fachwelt mitnichten als gelöst erkannt hat.

Am 21. Januar veröffentlichte der Deutschlandfunk unter dem Titel "Ich bin leidenschaftliche Europäerin" ein Gespräch von Annalena Baerbock mit Barbara Schmidt-Mattern. Im Rahmen dieses Gesprächs fielen die Sätze:

An Tagen wie diesen, wo es grau ist, da haben wir natürlich viel weniger erneuerbare Energien. Deswegen haben wir Speicher. Deswegen fungiert das Netz als Speicher. Und das ist alles ausgerechnet.

(Annalena Baerbock)

Das Stromnetz lässt sich höchstens als Sekundenreserve einsetzen, die genutzt werden kann, bis eines der schnell anlaufenden Pumpspeicherkraftwerke an- und einspringt, um eine Unterbrechung der Stromversorgung und einen Zusammenbruch des Netzes zu verhindern, bevor ein Gaskraftwerk und dann ein thermisches Kraftwerk die Versorgung sichern, falls aus den erneuerbaren Quellen nicht genügend Strom geliefert werden könnte. Als Stromspeicher zur Sicherstellung der Stromversorgung taugt das Stromnetz also nur für Sekunden. Da kann man rechnen, solange man will.

Als Speicher im Stromnetz kommen in kleinem Umfang sogenannte Unterbrechungsfreie Stromversorgungen (die zumeist mit Blei-Akkus oder teilweise auch mit Lithium-Akkus betrieben werden) oder Schwungradanlagen zum Einsatz, welche im Normalzustand von einem Elektromotor angetrieben werden, der im Notfall als Generator über einen kurzen Zeitraum die Stromversorgung sichern kann, bevor in kritischen Infrastrukturen wie Krankenhäusern der Notstromdiesel anspringt.

Hier tummeln sich inzwischen zahlreiche Anbieter auf dem Markt, die ihre Speicher auf der Basis von Lithium-Akkus oder Redox-Flow-Batterien anbieten. Aufgrund der steigenden Zahl der Anbieter gehen einige inzwischen dazu über, ihre Speicher mit anderen Angeboten zu koppeln. So wird beispielsweise die Direktvermarktung von Strom aus erneuerbaren Quellen in Kombination angeboten. Ein Modell, das darauf setzt, dass der Kunde wissen will, wo sein Strom herkommt und bereit ist, für dieses Wissen einen Aufpreis zu bezahlen.

Einen völlig anderen Weg zur Absicherung der Stromversorgung schlägt die sogenannte Sektorkopplung ein. Sie nimmt die im Bereich der kommunalen Energieversorgung vielfach übliche Idee des Querverbunds mit dem Angebot unterschiedlicher Energieträger (vom Strom über das Gas bis zur Fernwärme) auf und interpretiert sie neu. Geht man davon aus, dass im Bereich der erneuerbaren Energien wie Wind und Fotovoltaik die Kosten für die Installation der Leistung gegenüber den Kosten für die Arbeit deutlich überwiegen, ergeben sich ganz neue Möglichkeiten.

Nun stehen die Kosten für die Installation der Stromerzeugung im Wettbewerb mit den Kosten für die Speicherung. Und die Kosten der Speicherung von elektrischer Energie stehen im Wettbewerb mit einer anderweitigen Nutzung von überschüssigem Strom. Den kann man auch zur Heizung von Wasser einsetzen, wo er mit Solarthermie oder Gas konkurriert. Beide bieten deutlich kostengünstigere Speichermöglichkeiten als elektrischer Strom und lassen sich daher auch vergleichsweise leicht von einem Stromangebot verdrängen, dessen Arbeitspreis gegen Null geht.

Verknüpft man die (wenn auch langsam) wachsende Elektromobilität mit dem Stromnetz und betrachtet die Energieversorgung nicht mehr nur als eine Ansammlung von Leitungen, sondern als Gesamtsystem, so ergeben sich gerade im Zusammenhang mit der zunehmenden Digitalisierung völlig neue Möglichkeiten der Energieversorgung, die den großen Energieversorgern schon auf mittlere Sicht das Leben und damit auch das Überleben schwerer machen dürfte.

Wurde die Energieversorgung zu Zeiten der zentralisierten Großkraftwerke und der großen Übertragungsnetzbetreiber noch von großen Einheiten dominiert, wie sie derzeit auch noch im Bereich der Offshore-Windkraftparks anzutreffen sind, ist damit zu rechnen, dass die Energieversorgung dort, wo sie nahe am Kunden ist, wieder zu kleinräumigen Mustern zurückkehrt, welche das leitungsgebundene Stromangebot in seinen Anfangszeiten prägten.

Damals lag die Energieversorgung zumeist in der Hand von Gewerbebetrieben wie Mühlen und Sägewerken oder Kommunen und anderen Gebietskörperschaften. Der Trend zurück zu solchen kleinräumigen Strukturen zeichnet sich mit der Rekommunalisierung und zahlreichen Bürgerenergiegenossenschaften schon seit Jahren ab und wird inzwischen auch auf der technischen Seite durch Modelle wie Microgrids oder zelluläre Netze unterstützt.

In diesem Zusammenhang wird es künftig zahlreiche neue Spieler in der leitungsgebundenen Energieversorgung geben. Dass man das Stromnetz wie das Gasnetz als Energiespeicher nutzen kann, dürfte jedoch eine Utopie bleiben. (Christoph Jehle)

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