Grünen-Stadtrat will freies WLAN abschaffen

… und LTE verbieten

Wolfratshausen war bisher vor allem als Heimatstadt des ehemaligen Bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber bekannt. Nun macht die Ortschaft mit einem Grünen-Stadtrat Schlagzeilen, der nicht nur das unlängst eingeführte freie WLAN in der Innenstadt abschaffen, sondern auch den schnellen Mobilfunkstandard LTE verbieten lassen will - und zwar nicht nur in Wolfratshausen, sondern bundesweit.

Dazu hat der promovierte Psychotherapeut Hans Schmidt (den man nicht mit dem Link auf http://www.heise.de/tp/autor/hansschmid/6.html ähnlichen Namens verwechseln sollte) eine Petition aufgesetzt, die mit etwa 90 Unterschriften allerdings weit davon entfernt ist, dass man ihren Initiator persönlich vor dem Petitionsausschuss des Bundestages sprechen lässt. Seinen offenen Brief an Bürgermeister Klaus Heilinglechner (Bürgervereinigung Wolfratshausen), in dem er erklärt, bis zur Wiederabschaffung des freien WLAN-Angebots nicht mehr in der Wolfratshauser Innenstadt einzukaufen, haben 47 Personen mitgezeichnet. Davon kommen 36 aus Wolfratshausen selbst. Vier sind aus dem 23 Kilometer entfernten Penzberg, zwei aus der achteinhalb Kilometer entfernten Sudetendeutschensiedlung Geretsried und jeweils einer aus Berg, Farchach, Holzhausen und München (von wo aus man wahrscheinlich eher seltener zum Einkaufen in den 18.000-Einwohner-Ort fährt).

Trotzdem sieht Dr. Schmidt seinen Brief als Anlass dafür, dass "dieser 'Kollateralschaden' des öffentlichen WLAN [...] allen Verantwortlichen zu denken geben" sollte. Beim Verein Lebendige Altstadt Wolfratshausen (LAW) und beim Werbekreises Einkaufsstadt Wolfratshausen, wo man sich für das freie WLAN einsetzte, um eine Möglichkeit anzubieten, sich schneller und einfacher über Sehenswürdigkeiten und Einkaufsmöglichkeiten zu informieren und den fortschreitenden Leerstand aufzuhalten, hat man zwar keine Zahlen dazu, wie viele Touristen und Einheimischen in der Innenstadt einkaufen - aber man ist sich sicher, dass die 47 Unterzeichner von Schmidts Brief nur ein verschwindend geringer Teil davon sind.

LTE-Modem. Foto: Holger Motzkau 2010, Wikipedia/Wikimedia Commons (cc-by-sa-3.0)

Der Grund, warum der Grünen-Stadtrat das freie WLAN abschaffen und dafür sorgen will, dass Smartphones künftig bundesweit nur noch G, 3G, H oder H+, aber nicht mehr 4G anzeigen, liegt in seiner Angst vor "Elektrosmog". Er glaubt, dass Mobilfunkstrahlung "potenziell" Krebs erzeugt. Von zwei für diesen Glauben häufig zitierten Studien an der Medizinischen Universität Wien (MUW) kam jedoch bereits 2008 heraus, dass die Ergebnisse (die nahelegten, dass niederfrequente magnetische und hochfrequente elektromagnetische Felder von Mobiltelefonen und Stromleitungen unterhalb von Grenzwerten menschliche DNS schädigen können) nicht korrekt produziert waren (vgl. Wie "offensichtlich inkorrekte" Daten weiter Schaden anrichten). Allerdings stellte das Landgericht Hamburg 2013 fest, dass die in einer Publikation aufgestellte Behauptung, "die Studie konnte nicht von anderen Labors reproduziert werden", in dieser Form falsch sei. Für eine Stellungnahme dazu, warum Dr. Schmidt nicht gleich den gesamten Mobilfunk verbieten will, wenn er an solche Wirkungen glaubt, war der anscheinende Elektrogerätevermeider nicht erreichbar.

Darüber hinaus ist Schmidt der Überzeugung, dass fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung "elektrosensibel" sind und dass es sich bei bei dem in der Serie Better Call Saul eindrucksvoll dargestellten Phänomen nicht um eine strahlungsunabhängige psychische Erkrankung, sondern um ein physisches Phänomen handelt.

Die Fraktion der Grünen im Wolfratshauser Stadtrat hat sich Schmidts Sichtweisen teilweise zu eigen gemacht: In einem Positionspapier verweist man nicht nur auf angebliche Gesundheitsrisiken durch das freie WLAN, sondern auch auf "Hasspropaganda, harte Pornografie, Happy-Slapping-Videos und Splatter-Spiele" sowie auf die umstrittenen Thesen des Kulturpessimisten Manfred Spitzer. (Peter Mühlbauer)