Grünen-Verkehrspolitiker empfiehlt "Autofasten"

Pieter Bruegel der Ältere: Der Kampf zwischen Fasching und Fasten (1559)

Stephan Kühn möchte, dass man bis Ostern nur noch Busse und Bahnen benutzt

Der Grünen-Verkehrspolitiker Stephan Kühn empfiehlt, während der Fastenzeit nicht mit dem Auto zu fahren, sondern stattdessen Busse und Bahnen zu benutzen. Unterstützt wird er dabei vom Umweltbundesamt, dessen aktuelle Präsidentin Maria Krautzberger im Januar damit Aufsehen erregte, dass sie eine höhere Besteuerung nichtveganer Lebensmittel anregte (vgl. Umweltbundesamtspräsidentin (SPD) fordert höhere Besteuerung nichtveganer Lebensmittel).

Die Fastenzeit ist die Zeit zwischen Fasching und Ostern. Erst dauerte sie nur zwei Tage, dann wurde sie im 4. Jahrhundert analog zur Fastendauer Jesu in der Wüste auf 40 Tage angehoben, an denen kein Fleisch gegessen werden durfte. Während Katholiken über die Jahrhunderte so gute Umgehungsmechanismen entwickelten, dass Fastenspeisen wie Starkbier und Steckerlfisch häufig besser munden als das Alltagsessen, gingen Protestanten den gegenteiligen Weg und verlagerten die Verantwortung auf das Individuum, das in Ermangelung einer klaren Regel selbst entscheiden soll, wie sehr es gottgefällig "verzichtet" (was eine Tendenz zur Übertreibung in sich birgt, wie dieser Black-Adder-Sketch mit Puritanern illustriert).

Eitle Bescheidenheit

Der puritanische Verzichtswettbewerb lieferte seinen Anhängern aber auch ein Genießen zweiter Ordnung - durch Distinktion und "Virtue Signaling", wie bei Magersüchtigen, denen nicht das Essen, sondern das Nichtessen ein gutes Gefühl gibt (vgl. Masochismus und Verzichtsideologie). Die aktuelle Emanation dieser Verzichtsideologie findet sich in Deutschland nicht nur bei Kaltduschern wie Thilo Sarrazin, sondern vor allem bei den Grünen:

Früher galten die Grünen einmal als Anti-Atomkraft- und als Friedenspartei. Dann beteiligten sie sich unter Außenminister Joseph Fischer maßgeblich am ersten deutschen Angriffskrieg nach 1945 und eine Koalition aus CDU, CSU und FDP beschloss einen Atomausstieg. Auf der Suche nach einem neuen Profil fördert die Partei seitdem immer wieder neue Verbotsideen zutage:

Zum Beispiel die eines wöchentlichen "Veggie Day" (vgl. Grüne bekräftigen Forderung nach fleischfreiem Tag), die eines Verbots von "Billigwerbung" und Fleisch-Sonderangeboten (vgl. Grüne wollen "Billigwerbung" und Fleisch-Sonderangebote verbieten), von E-Zigaretten (vgl. E-Zigaretten können weiter frei verkauft werden), von "sexistischer Werbung", von "Hate-Speech" (vgl. Deutschland im Zensurtaumel) oder von Benzin- und Dieselautos (vgl. Grüne schärfen ihr Profil als Verbotspartei).

Politpietisten

Problematisch an solchen Verbotsforderungen ist unter anderem, dass sie ein Paradoxon mit sich bringen: Man fordert den Verzicht zwar meist als Wir-Imperativ für die gesamte Menschheit ("Wir müssen" - weniger heizen, weniger Fleisch essen, weniger Technologie einsetzen et cetera), distinguiert sich aber gleichzeitig mit ihm - weshalb man immer neue Verbotsforderungen erfinden muss, wenn die alten "Mainstream" geworden sind, wie der französische Soziologe Pierre Bourdieu in seinem Hauptwerk Die feinen Unterschiede darlegt (vgl. Kostüme und "kulturelle Aneignung").

Hinzu kommt eine teilweise fanatische Ablehnung des Individualverkehrs, die in Slogans wie "Autofahren ist heilbar" zum Ausdruck kommt. Wo Anhänger dieser Ideologie mitregieren, geht es ihnen in der Verkehrsplanung manchmal nicht in erster Linie darum, dass Bürger möglichst schnell und ohne Stress von einem Ort zum anderen kommen, sondern um eine Benachteiligung des Autoverkehrs gegenüber Bussen, Bahnen und Fahrrädern. Besonders deutlich wird das aktuell in Berlin, wo man plant, Hauptverkehrsstraßen auf eine Autospur zu verengen, damit "Platz für andere" geschaffen wird. (Peter Mühlbauer)