Grünes Gift

Die Politik steht der Ausbreitung von Super-Allergenen hilflos gegenüber

Die Allergiezeit beginnt wieder. Nach dem außergewöhnlich milden Winter fliegen bereits jetzt Hasel-, Erlen-, Pappel-, Weide- und Ulmenpollen und lösen Schnupfen, Bindehautentzündung, Asthma und Neurodermitis aus. Später im Jahr wird sich in vielen Gebieten Süddeutschlands ein neues Super-Allergen zu den Bekannten gesellen: Die Beifuß-Ambrosie.

Vor allem in Süddeutschland und Österreich steigt der Befall rapide. Die Öko-Bombe stellt an Gefährdungspotential so manches Chemiewerk in den Schatten: In Australien heißt das Gewächs mit dem botanischen Namen "Ambrosia artemisiifolia" im Volksmund mittlerweile "Asthma Plant". Wer mit seinen Pollen in Berührung kommt ist in hohem Maße dem Risiko ausgesetzt, Allergien zu entwickeln. Sogar die Beseitigung der Pflanze ist alles andere als ungefährlich und soll nur mit Atemmaske und Schutzhandschuhen durchgeführt werden. Sonst drohen nicht nur Abwehrreaktionen gegen die Pollen der Pflanze selbst, sondern auch zahlreiche Kreuzallergien gegen andere Stoffe.

Die Beifuß-Ambrosie stammt ursprünglich aus Nordamerika. Ihre Ausbreitung in Süddeutschland erfolgte einerseits über Pollenflug aus Frankreich und der Schweiz, wo das Gewächs längst eine Plage ist, andererseits auch durch Vogelfutter. Begünstigt wurde die Pflanze dabei durch Brachen und Baustellen - auf geschlossenen Grünflächen kann sie sich nicht so leicht ansiedeln.

Vorige Woche befasste sich der bayerische Landtag damit, was gegen die Ausbreitung des gefährlichen Gewächses getan werden kann. Jetzt sollen "Einschleppungs- und Verbreitungswege" abgeschnitten werden, bei größeren Befallsentdeckungen sollen sich Bürger an die Landratsämter wenden. In Ungarn erließ die Regierung eine regelmäßige Mähpflicht für befallene Grundstücke und die Schweizer Eidgenossenschaft führte im letzten Jahr eine mit Bußgeldern bewehrte Melde- und Bekämpfungspflicht ein. Auch unangekündigte Kontrollen soll es dort zukünftig geben.

Die bisher nur mäßigen Erfolg zeitigenden Rezepte erinnern an die Nachkriegszeit, als Kinder zum Sammeln von Kartoffelkäfern geschickt wurden. Die Ratlosigkeit mit der die Politik dem Phänomen gegenübersteht liegt nicht zuletzt in einem Mangel an fortschrittlicheren Lösungen, der sich auch aus einer verfehlten Wissenschaftspolitik ergab: Anstatt den Forschungsinstituten ausreichend Mittel zuzuweisen setzte die Politik fast überall auf Anreize durch Monopolrechte. Das führte zu einem Ausbau der Rechtsabteilungen und zu einem Anwachsen der Prozesse, aber nicht unbedingt zu einer Blüte der Forschung. Und wenn geforscht wurde, dann nicht an Projekten aus denen kein unmittelbarer Profit zu erwarten ist, wie an einem effektiven biologischen Feind der Beifuß-Ambrosie oder an einer überlebensfähigeren Variante der Pflanze mit genetisch abgeschalteter Allergen-Produktion, die im Stande wäre die bisherige Variante zu verdrängen.

Geforscht wird in dieser Richtung nur in Randbereichen: Im letzten Jahr behauptete die Firma Allerca, dass sie auf der Suche nach einem Weg, das Gen, das Katzen das Allergieprotein "Fel d 1 " produzieren lässt, abzuschalten oder zu entfernen, auf Tiere stieß, die ein Protein produzieren, auf das Menschen weitaus weniger allergisch reagieren. Diese Ergebnisse sind bisher zwar lediglich Behauptungen, Zweifel bestehen allerdings eher an der Seriosität des Firmengründers als an der grundsätzlichen Möglichkeit solch einer Züchtung. Allerca kündigte an, die Katzen ausnahmslos in sterilisiertem Zustand für 4000 $ das Tier verkaufen zu wollen. Als Begründung wurde angeführt, dass die Firma helfen wolle, die ungebremste Vermehrung von Katzen einzudämmen. Tatsächlich dürfte der Grund eher in der satten Monopolrendite liegen, die die Firma ohne Konkurrenz abschöpfen kann.

Fleißige Allergenproduzenten. Foto: Franz Kohnle

So sind allergiekranke Menschen auf absehbare Zeit noch auf die traditionellen Hilfsmittel mitsamt ihren Nachteilen angewiesen: Antihistamine machen trotz gegenteiliger Werbung von Pharmafirmen immer noch müde und Hyposensibilisierungen sind langwierig und verschaffen nur einem Bruchteil der Patienten dauerhafte Besserung.

Abhilfe gegen Pollen versprechen neben Medikamenten auch Pollenschutzgitter die vor Fenster gespannt werden. Allerdings verringern sie auch die Luftzirkulation, was wiederum die Entstehung eines anderen Allergieauslösers in der Wohnung begünstigt: Schimmel.

Eine relativ neue Möglichkeit sind HEPA-Luftreiniger, eine Art kleine Brüder jener Anlagen, wie sie in Operationsräumen und Laboratorien zum Einsatz kommen. Diese Geräte filtern Staubpartikel die größer als 0,1 - 0,3 µm sind aus der Raumluft. Nach einem Urteil des Bundessozialgerichts (3 RK 16/95) müssen die Kosten für solch ein Gerät von der gesetzlichen Krankenversicherung übernommen werden, wenn der Kranke nur mit einem solchen Filter zu einer ausreichenden Nachtruhe kommt.

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