"Grundschule weiblichen Denkens"

Hannelore Schlaffer über die "intellektuelle Ehe"

Mit dem Umbruch in die Moderne haben sich auch die Bedingungen des ehelichen Zusammenlebens geändert. Was früher einem Paar wie Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre vorbehalten blieb (nämlich eine Form des Zusammenlebens, die sich von Tradition und Religion weitgehend emanzipiert hat) wurde zum allgemeinen Lebensentwurf für die Gegenwart. Mit dem Unterschied allerdings, dass man heutzutage das Glück peu á peu mit wechselnden Lebensabschnittspartnern sucht, während die lebenslustigen Franzosen noch versuchten, die Wonnen und Mühen des ehelichen Zusammenlebens mitsamt den dazugehörenden Geliebten unter ein Dach zu bekommen. Ein Gespräch mit der Literaturwissenschaftlerin und Buchautorin Hannelore Schlaffer.

Frau Schlaffer, was ist überhaupt eine "intellektuelle Ehe"?
Hannelore Schlaffer: Ich halte den Begriff, den ich gewählt habe "Die intellektuelle Ehe", für etwas abschreckend für den normalen Leser, weil er sich üblicherweise unter den Intellektuellen eine bestimmte Schicht vorstellt, die sich nur mit Schrift, Kunst und Philosophie beschäftigt. Auf diese Personengruppe aber will ich das, was die intellektuelle Ehe sein soll, nicht beschränkt wissen. Ich nehme diesen Begriff wörtlich und stelle mir eine Ehe vor, die aus dem Kopf, aus dem Intellekt entworfen ist, also nicht aus irgendwelchen traditionellen Verpflichtungen oder emotionalen Träumen heraus geschlossen wird. Die "intellektuelle Ehe" ist ein Konzept, in dem die Paare selbst die Bedingungen ihrer Beziehung, ihre Ziele, ihr Glück durchdacht und vorweg definieren haben. Es ist eine Beziehung, in der die Neigung sich mit Bewusstsein, mit Verstand vereinigt, so dass beide Partner von ihrer Zukunft, was sie wollen - nicht nur, was sie träumen.
War diese Art von Zusammenleben im 19. Jahrhundert den "happy few" vorbehalten oder konnte auch die Arbeiterklasse an solchen Formen partizipieren?
Hannelore Schlaffer: Natürlich war die Entwicklung zu dieser neuen Form von Beziehung, wie jede kulturelle Entwicklung, erst einmal eine Errungenschaft der Oberschicht, kam also tatsächlich bei jenen Personen vor, die an jenen geistigen Umwälzungen teilnahmen, die durch die in der Französischen Revolution angestoßen worden waren. Damals wurden religiöse Grundsätze in Frage gestellt, der Gedanke von der Gleichheit aller Menschen wurde zu einem politischen Programm. Auch die Frauen sollten von dieser Gleichheit profitieren und sollten von nun an bei der Eheschließung mitbestimmen dürfen. Insofern ist die gegenwärtige Art von Partnerschaft, die ich "intellektuelle Ehe" nenne, ein Fortschritt, der sich erst einmal bei Gebildeten durchsetzte, bis endlich die intellektuelle Entscheidung über Lieben und Leben auch von breiteren Schichten der Bevölkerung übernommen wurde.
Wenn Sie nun fragen, ob die Arbeiter an dieser Entwicklung teilnahmen, muss ich entgegnen: Nein. Die Arbeiterschaft war in einer ganz anderen Lage; sie lebte unter Bedingungen, die ihre Liebes- und Eheverhältnisse anders gestalteten als die des Bürgertums. Wenn man zum Beispiel Zolas "Germinal" liest, bekommt man einen Eindruck davon, wie in dieser Schicht mit Ehen und Kindern umgegangen wurde. Die Männer lieferten sich zwar, falls sie gemeinsam um eine Frau warben, handgreifliche Auseinandersetzungen, dennoch mussten sie sich nicht unbedingt zur Ehe entschließen, auch dann nicht, wenn ein uneheliches Kind geboren wurde. Das war kein Skandal. Kinder waren einfach da, ja sie waren sogar willkommen, denn im Zeitalter der Kinderarbeit trugen sie früh schon zum Einkommen der Familie bei. Die Ehe spielte also in der Arbeiterschaft keine große Rolle.
In meinen Buch zeige ich nun, wie die Frauen des Bürgertums durch die Lektüre von August Bebels "Die Frau und der Sozialismus " - in seiner Zeit ein Bestseller - ein Bild davon bekamen, wie das Zusammenleben von Mann und Frau in anderen Schichten ganz anders vor sich gehen kann. Durch die Lektüre begannen auch bürgerliche Frauen, die Institution Ehe in Zweifel zu ziehen. Die Arbeiterschaft hatte also mit dem Bürgertum wenig zu tun, sie unterminierte aber, indem verschiedener Philosophen und Soziologen ihre Lebensverhältnisse beschrieben, die Gültigkeit der traditionellen Ehe.
Welche Rolle spielten die Geliebten in solchen Ehen?
Hannelore Schlaffer: Auffällig ist, dass zu Anfang des 20. Jahrhunderts und also in der Epoche des Experiments mit der Ehe, das Problem, ob und wie andere Frauen und Männer in die partnerschaftliche Beziehung aufgenommen werden sollten, eine große Rolle spielt. In einer "intellektuellen Ehe" soll jeder das Recht haben zu entscheiden, welchen Beruf er wählt, aber auch welche erotischen Freiheiten er sich nimmt. Nun ist allerdings die Sexualität eine sehr emotionsgeladene Erfahrung des Menschen, so dass die Frage, wie weit die Freiheit eines Partners gehen kann, zum Prüfstein der "intellektuellen Ehe" wird. Die Geliebte wird zum Indikator für die Haltbarkeit des Verhältnisses, zum Beweis dafür, wie ernst der Entschluss ist, zusammen zu bleiben.
Dieser Umgang mit außerehelichen Beziehungen unterscheidet sich vollkommen von dem des 19. Jahrhunderts. Damals konnte jeder Mann nebenher eine Freundin haben, die Frau hatte dieses Verhältnis zu dulden. In der neuen Ehe duldet sie die Geliebte nicht mehr, vielmehr bemüht sie sich sogar, sich mit ihr anzufreunden, wie der Mann es auch tut. In der "intellektuellen Ehe" liebt der Partner an seinem Partner auch die Liebe zu einem andern. Das ist ein ungemein anstrengender Lebensentwurf, den zu verwirklichen am perfektesten Sartre und Simone de Beauvoir gelang.
In dem Kapitel "Sexualität und Intelligenz" schreiben Sie über den Zusammenhang von Seitensprung und Intellektualisierung der Frau. Inwieweit hängt dies im frühen 20. Jahrhundert zusammen?
Hannelore Schlaffer: Wenn, wie bei Marianne und Max Weber, eine junge Frau eine Ehe einging, musste sich von da an ihr Denken mit den Grundverhältnissen der menschlichen Gesellschaft auseinandersetzen, denn diese wurden durch die neue Art ihrer Ehegestaltung in Frage gestellt. Auch die Geliebte, die in dieses Verhältnis eindringen konnte, musste über ihre Beziehungen zu dem Paar nachdenken und mit dem Paar über die Situation debattieren: Das neue Verhältnis und die Geliebte als Eindringling kann nur durch Sprache bewältigt werden. Die Frauen traten also in solch einer Situation aus der Intimität heraus, die sie nur an den einen Mann band, und diskutierten über ihre Neigungen, über die Qualität ihrer Verbindung, über ihre Stellung in der gegenwärtigen Gesellschaft.
Diese Diskussionen, die zwischen dem Paar und seinen Freunden stattfand, wurden zur Grundschule des weiblichen Denkens. Die Frauen, die auf dem Feld der Künste und Wissenschaften damals noch aus dem Gespräch weitgehend ausgeschlossen waren, konnten im Bereich des Alltagslebens mitreden und haben hier ihre ersten Erfahrung gemacht, wie man sich im Dialog durchsetzen kann.
Sie schreiben, dass die "intellektuelle Ehe" gewissermaßen eine Art Vorreiterfunktion für die "serielle Monogamie" in den modernen Gesellschaften von heute gehabt habe. Welchen Vorteil bietet diese Form des vom Bewusstsein gesteuerten Zusammenlebens den Menschen im Gegensatz zur "alten" Ehe? Passt diese Form von Zusammenleben besser in die gegenwärtige kapitalistische Ökonomie?
Hannelore Schlaffer: Die heutigen Paare zehren von den Anstrengungen, die die intellektuellen Paare mit ihrer Libertinage gemacht haben. Allerdings unterwerfen sich diese Erben einer revolutionären Generation nicht mehr denselben Anstrengungen wie ihre Vorgänger, die ein Leben lang ihre Erfahrungen gemeinsam zu diskutierten und ihren Lebensstil dauernd gemeinsam auf neue Erfahrungen abzustimmen suchten. Die Feststellung, dass man sich für mehrere Partner interessiert kann, dass es mehrere Lebensmodelle gibt, mündet heute schnell in die Auflösung der Verbindung. Ist der erste Versuch gescheitert, probiert man den nächsten.
Das hängt freilich auch vom Berufsleben ab, das man ebenfalls als seriell bezeichnen könnte: Wenn einer Germanistik studiert, kann er möglicherweise ein erfolgreicher Weinhändler werden, scheitert er, wird er Immobilienmakler, Kulturmanager oder was sonst. Heutzutage werden berufliche Situationen ebenso experimentell begonnen wie eheliche. Die Beweglichkeit, die im Beruf gefordert ist, findet ihre Entsprechung auch im Verhältnis zu den anderen Menschen. Die Ehe allerdings nimmt dabei noch immer eine Sonderstellung ein: mit ihr geht man ein Verhältnis auf Dauer ein.
Allerdings, und das unterscheidet die heutigen Paare von jenen, die eine "intellektuelle Ehe" durchsetzten, geht man heute, sobald die Ehe kriselt, eine neue Verbindung ein, während die intellektuellen Paare versuchten, die Krise selbst zum Teil ihres Experiments zu machen. Heutzutage lebt man nacheinander aus, was die intellektuellen Paare versuchten, in einem einzigen Lebensentwurf unterzubringen.
Früher wurde die Formen der Sexualität vorrangig als von der Religion vorgegeben, heutzutage entweder als von der Natur (konservative Interpretation) oder von der Gesellschaft bestimmt (postmoderne Interpretation) angesehen. Was ist Ihre Position?
Hannelore Schlaffer: Natürlich gibt es den biologischen Faktor Sexualität, der wie Hunger ist. Aber es ist ja schon eine Unglaublichkeit, wie wir, durch alle Jahrhunderte und Kulturen hindurch, die sexuelle Lust einer gesellschaftlichen Ordnung unterwerfen - und da beginnt das Nicht-mehr-Natürliche. Die Form, wie wir Sexualität leben, ist gesellschaftlich; wir stürzen nicht los, wenn wir sexuelle Bedürfnisse haben, wie dies ein Kater machen würde. Wir verbinden Sexualität sofort mit Ideen, von Liebe, von Treue, von Schönheit des Partners, von Familie, vom Kind. Deshalb würde ich sagen: Sexualität stellt eine Form von Energie dar, die in hohem Maße gesellschaftlich strukturiert ist, und diese Struktur kann sich historisch je nach den gesellschaftlichen Bedingungen ändern.
Wird die "intellektuelle Ehe" für die Menschen weiter prägend bleiben oder gibt es neue Formen von Partnerschaften, die in der Zukunft hegemonial werden könnten?
Hannelore Schlaffer: Hegemonial wird nichts mehr werden. Dass aber die "intellektuelle Ehe" ein Traum bleiben wird, denke ich schon, weil die Menschen, je lockerer die gesellschaftlichen und beruflichen Bindungen werden, eine Sehnsucht nach einem festen Bezug in ihrem Leben entwickeln. Es gibt eine Sehnsucht nach Stabilität. Deswegen gibt es auch so viele Singles, die Haustiere haben. Die Zunahme der Haustiere ist wie eine Antwort auf das Scheitern aller erotischen und ehelichen Beziehungen: Man sucht sich, und sollte es das kleinste Hündchen sein, einen Anker in einem lebenden Wesen, an das man glauben kann.
Kann überhaupt eine Form von privatem Zusammenleben für die Menschen etwas retten, wenn über die ökonomisch-sozialen Verhältnisse das Zusammenleben vergeigt wird, wie heutzutage?
Hannelore Schlaffer: Ich sehe die ökonomischen Verhältnisse und auch die Verhältnisse der gesamten Gesellschaft nicht so negativ. Natürlich ist es quälend mitzuerleben, wie Leute, die arbeiten, heutzutage völlig von dieser Arbeit absorbiert werden. Andererseits haben sich die ökonomischen Verhältnisse auch verbessert; viele haben Arbeit, dadurch ist eine ganz andere Gesellschaft, und zwar im positiven Sinne, entstanden: Die Gesellschaft der Beschäftigten ist mehr oder weniger und trotz der hohen Verdienstspanne eine von Gleichen, die Ökonomie und die Erfahrung, die Menschen im Beruf machen, hat religiöse und soziale Vorurteile weitgehend ausgelöscht. Auch ein Top-Manager kann sich heutzutage nicht mehr bedenkenlos über einen einfachen Angestellten erheben.
Ich finde, die Demokratisierung ist in unserer Gesellschaft weit fortgeschritten. So sehe ich nichts "vergeigt", und dementsprechend muss man auch die "intellektuelle Ehe", die ja noch an der alten Vorstellung von Treue auf Lebenszeit festhält, nicht als romantischen Traum ablehnen, sondern als eine legitime Zuflucht anerkennen. Wie man sich denken kann, dass die Arbeit im Kollektiv eine begünstigte Situation ist, so scheint auch das Zusammensein als Paar eine beglückende gesellschaftliche Möglichkeit zu sein.
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