Guantanamo: Sehnsucht nach Freiheit

Seit vierzehn Jahren ist Mohamedou Ould Slahi wie viele andere in US-Gefangenschaft, nur weil ein Profil passte

Seit vierzehn Jahren sitzt Mohamedou Ould Slahi im Gefängnis. Es ist nicht irgendein Gefängnis, sondern das berühmteste der Welt. Jenes, in dem die Insassen grelle, orange Uniformen tragen und tagtäglich aufs Neue gedemütigt werden - Guantanamo. Die Folterzentrale auf jenem Teil Kubas, den die US-Amerikaner seit über einem halben Jahrhundert besetzen, ist mittlerweile zum Sinnbild für Ungerechtigkeit geworden. Für Mohamedou ist Guantanamo - oder kurz: GTMO - so etwas wie ein Zuhause. Ein Ort, den er gut kennt und der ihm mit all seinem Horror vertraut ist.

In GTMO wurde Mohamedou zum Autor. Irgendwann wollte er das Erlebte festhalten und schildern. Er wollte den Menschen außerhalb seiner kleinen Welt deutlich machen, was für eine Ungerechtigkeit ihm und den anderen Insassen jeden Tag aufs Neue widerfährt - ohne die Hoffnung, je entlassen zu werden.

Mit einem Kugelschreiber und einigen Bögen Papier begann er zu schreiben. Die Sprache, für die er sich entschied, war weder seine Muttersprache Arabisch noch Deutsch, welches er während seinen Jahren in Deutschland gelernt hat. Stattdessen wählte er Englisch, die Sprache seiner Peiniger. Er erlernte sie während seiner Gefangenschaft.

Mohamedou Ould Slahi in Guantanmo. Bild: ICRC/CC-BY-3.0

Mohamedou beschrieb in seinem Guantanamo Diary, wie er einige Jahre gemeinsam mit vielen anderen arabischen Kämpfern die von Moskau gesteuerte afghanische Regierung bekämpfte. Es waren jene Zeiten, in denen viele junge Männer aus aller Welt nach Afghanistan reisten, um die afghanischen Mudschaheddin bei ihrem Freiheitskampf zu unterstützen. All das geschah unter der Obhut Washingtons.

Wer nach Pakistan kam und ins Grenzgebiet reiste, wurde bewaffnet und ausgebildet. Unter den ausländischen Kämpfern befanden sich Menschen verschiedenster Couleur - Ärzte, Ingenieure, Großunternehmer, Analphabeten. Nicht jeder von ihnen war ein religiöser Fanatiker. Viele wollten den Afghanen einfach nur helfen, ähnlich etwa wie einst jene Linken, die in den 1930ern nach Spanien reisten, um den dortigen Faschismus zu bekämpfen.

Auch der junge Mohamedou hatte gute Absichten. Nachdem ihm die Realitäten vor Ort bewusst wurden und er sah, wie die verschiedenen Rebellenfraktionen nach dem Fall des Eisernen Vorhanges begannen, einander zu bekämpfen, legte er seine Waffe ab und reiste zurück in seine Heimat. Das Kapital Afghanistan war für ihn abgeschlossen, so dachte er es zumindest.

Lange holte ihn seine Vergangenheit nicht ein. Mohamedou nahm sein Ingenieurswissenschaftsstudium in Deutschland wieder auf und eröffnete sein eigenes Elektrogeschäft. Einige Zeit später immigrierte Mohamedou aus beruflichen Gründen nach Kanada, bevor er im Jahr 2000 in seine Heimat Mauretanien zurückkehrte. Sein Bruder Yahdih hingegen, der ebenfalls in Deutschland sein Studium absolvierte, hatte dort seine neue Heimat gefunden.

Kurz nach den Anschlägen des 11. Septembers begann Amerikas "Krieg gegen den Terror". Die Paranoia des Weißen Hauses machte vor allem vor jungen arabischen Männern nicht halt. Jene, die man einst großzügig ermutigte, in den Kampf zu ziehen, waren plötzlich der Feind. Mohamedou war einer von ihnen. Sein Profil passte: Ein arabischer Muslim, der etwas Technisches studiert und in Afghanistan gekämpft hatte. So wiederholten es immer wieder jene Agenten, die ihn in den darauffolgenden Jahren verhörten.

Mohamedou, damals 30, hatte eine reine Weste. Das bestätigten selbst jene beiden westlichen Staaten, in denen er gelebt hatte: Deutschland und Kanada. Ähnlich verhielt es sich mit den mauretanischen Beamten, die ihn immer wieder verhörten. Mohamedou war mit ihnen per Du, man kannte sich. Niemand nahm anfangs die Verdächtigungen der Amerikaner ernst. Der Gang zum Revier wurde für Mohamedou zur Routine. "Ich komme gleich wieder", waren seine letzten Worte an seine Mutter. Er sah sie nie wieder. Mittlerweile ist sie verstorben.

Januar 2002, als die "worst oft the worst" nach Guantanmo verschleppt wurden. Bild: DoD

Nach einem monatelangen Zwischenstopp in Jordanien wurde Mohamedou nach Bagram verschleppt. Er war wieder in jenem Land, mit dem er eigentlich abgeschlossen hatte. Bagram war die afghanische Folterhölle schlechthin. GTMO galt dagegen als Paradies. In Bagram sah Mohamedou das Grauen. Augenzeugenberichte zufolge wurden im Gefängnis des Luftwaffenstützpunkts sogar Kampfhunde auf Gefangene losgelassen - um diese zu vergewaltigen. "Die hätten sogar zugegeben, John F. Kennedy getötet zu haben", meinte ein ehemaliges Mitglied der Armee einmal in einem Interview.

Während einige der Gefangenen in Bagram zu Tode gefoltert wurden, nahm der Schrecken für Mohamedou kein Ende. Ein weiteres Mal wurde er an einem neuen Ort verfrachtet. Als er mit verbundenen Augen aus dem Flugzeug stieg, bemerkte er die hohe Luftfeuchtigkeit. Später erfuhr er, dass er sich auf Kuba befindet. Seitdem ist über ein Jahrzehnt vergangen.

Mittlerweile kennt die ganze Welt Mohamedou Slahi. Sein "Guantanamo-Tagebuch" wurde in zahlreichen Sprachen veröffentlicht und befand sich auf der Bestsellerliste der New York Times. Frei ist Mohamedou jedoch immer noch nicht.

Mohamedous Bruder Yahdih lebt weiterhin in Köln. Als er eine arabische Übersetzung des Tagebuchs seines Bruders erhielt, begann er zu weinen. Erst nachdem er das Werk in seiner Muttersprache gelesen hatte, konnte er all das Leid seines Bruders richtig mitfühlen. Leibhaftig hat Yahdih Mohamedou seit über fünfzehn Jahren nicht mehr gesehen. Seit wenigen Jahren ist es Mohamedou gestattet, in unregelmäßigen Abständen via Videotelefonie mit seiner Familie zu sprechen. Es sind Gespräche, bei denen viele Tränen der Trauer, aber auch der Freude fließen.

In diesen streng kontrollierten Gesprächen betont Mohamedou immer wieder, wie sehr er sich auf die Freiheit freut. Er möchte seine Verwandten umarmen und all das nachholen, was er verpasst hat. Doch es ist auch die Kontrolle über sein eigenes Leben, nach der Mohamedou lechzt. Seit über einem Jahrzehnt wird jede Handlung, die er in seinem Leben begeht, strengstens kontrolliert und beobachtet - selbst sein Gang auf die Toilette.

Mittlerweile ist Yahdih zum Freiheitsaktivisten seines Bruders avanciert. Mit den amerikanischen Anwälten Mohamedous steht er in regelmäßigen Kontakt. Das Verhältnis ist familiär. Abgesehen davon gibt er regelmäßig Interviews und reist um die Welt, um den Menschen vom Schicksal seines Bruders zu berichten.

Im vergangenen Monat wollte Yahdih in die USA reisen. Geplant waren die Teilnahme an mehreren Veranstaltungen sowie Gespräche mit Journalisten. Ihm wurde allerdings ein unerwarteter Strich durch die Rechnung gemacht. Am New Yorker JFK-Flughafen wurde Yahdih umgehend von Sicherheitskräften aufgehalten und stundenlang befragt. Es waren unangenehme Stunden voller Stress und Nervosität.

Nun wusste er zumindest ansatzweise, wie sich sein Bruder anfangs gefühlt haben muss. Während Mohamedou weiterhin unschuldig in Haft sitzt, wurde auch Yahdih für kurze Zeit wie ein Krimineller behandelt. Anschließend wurde er gezwungen, zurück nach Deutschland zu fliegen.

Die Reise in die USA war für Yahdih besonders wichtig. Er wollte sich nicht nur bei den zahlreichen amerikanischen Unterstützern Mohamedous persönlich bedanken, sondern die Geschichte seines Bruders auch dort verbreiten. Trotz des erschienenen Tagebuchs sind die Perspektiven der Familie Slahi vor allem in den USA weiterhin eine Seltenheit.

In den letzten Jahren wurden mehrere Guantanamo-Häftlinge in die Freiheit entlassen. Für die Freiheit seines Bruders will Yahdih weiterhin kämpfen. Auch sein Glaube gibt ihm dabei Kraft. Als gläubiger Muslim will er die Hoffnung auf Gerechtigkeit nicht verlieren. Er will mit Mohamedou wiedervereint sein und ihn mit seiner Familie zusammenführen. Erst dann wird sich die schwere Last, die er schon seit so vielen Jahren mit sich trägt, in Luft auflösen. (Emran Feroz)

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