Günther Jauch und sein unartiges Studiopersonal

Öffentlich-rechtliche Lotterielose werden per Telefon-Spam beworben

Wer einmal auf der Liste von Adressmarketern gelandet ist, hat an Telefon, Fax und Mail nicht mehr viel Freude: In der Mail stapelt sich der Müll, das Fax entwickelt sich zum Papier- und Tintenvernichter und am Telefon nerven Call-Center. Schön, wenn es dann ausnahmsweise etwas Berufliches ist und es "nicht darum geht, etwas zu verkaufen". Wer's glaubt...

Los ging der ganze Ärger mit einem Pamphlet namens Ebay Yahoo Tipps und (miese?) Tricks, das eigentlich erst dadurch bekannt wurde, dass Ebay sich eben jene miesen Tricks nicht bieten lassen wollte. Das Buch kannte jedoch niemand und es wurde deshalb immer wieder gefragt, ob es denn überhaupt empfehlenswert sei. Um dies zu klären und es gegebenenfalls für Telepolis zu besprechen, wurde per Email an eine T-Online-Adresse ein Rezensionsexemplar angefordert.

Im Zug klingelte dann plötzlich das Handy und ein Herr von Adressmarketing.net wollte ganz genau wissen, mit wem er es denn zu tun habe, ob der auch tatsächlich Journalist sei und wirklich für Telepolis schreibe. Anschließend wollte er die Adresse aufnehmen - was zum Zusenden des Buches zugegeben unvermeidlich war. Stutzig machte jedoch, dass auch völlig irrelevante Daten wie die Faxnummer abgefragt wurden - bei einer Firma, die Adressmarketing.net heißt, lässt das nichts Gutes vermuten. Doch da wurde der Herr wie auch schon im Heise-Forum geschehen ziemlich ungehalten, wie man denn nur so was von ihm denken könne, so was würde man ja niiiie tun....

Statt miesen Ebay-Tricks fiese Adressvermarktung

Einige Tage später kam Post von Adressmarketing.net. Doch nicht das Buch, sondern nur eine Rechnung für dasselbe. Zu dieser gesellten sich noch weitere, allein, das Buch ließ sich nicht blicken. Dafür begann das Faxgerät bald, noch mehr Unsinn auszuspucken als zuvor. Und in der speziellen, ansonsten nur für Ebay-Kontakte benutzten Email fanden sich plötzlich haufenweise deutsche Spams zu Gewinnspielen, Schnäppchen, Esoterik und Ramsch - nicht wie üblich mit gefälschtem Absender, sondern von regulären deutschen Absendern. Auf deshalb ausnahmsweise getätigte Rückfrage gaben dann alle Mailversender an, diese Adresse ganz legal bei Adressmarketing.net erworben zu haben - und zwar als "Kontakte, die an Gewinnspielen interessiert seien und sich dazu aktiv auf einer Website eingetragen hätten".

Natürlich wurde sofort und mehrfach bei Adressmarketing.net protestiert. Trotzdem verticken die bis heute weiter fleißig meine Daten inklusive aller Telefonnummern auf ihrer CD und weigern sich hartnäckig, mich aus ihrer Datenbank zu nehmen. Ebenso erging es übrigens dem Ebay-Spezialist Axel Gronen, der seinerzeit auch an dem Tipps & Tricks-Buch interessiert war und erst mit teurer Anwaltshilfe seine Adresse wieder aus der Datenbank bekam. Immerhin erhielt er allerdings auch das dubiose Buch - "eine rund 24-seitige kopierte Broschüre" in teils ziemlich radebrechenden Deutsch. Gronen revanchierte sich postwendend als Verfasser eines nun zwar ebenso reißerisch betitelten, doch mit 320 Seiten bei Data Becker offiziell verlegten und absolut soliden, umfassenden und für jeden E-Bayer lesenswerten Werks zum Thema Dirty Ebay-Tricks.

Später fiel Adressmarketing.net alias Weserverlag.de noch durch dubiose spontane Löschungsmitteilungen auf, die zwar auf den ersten Blick unsinnig waren, doch in Wahrheit dazu dienten, das vorliegende Adressmaterial auf Gültigkeit zu prüfen: Alles, was nicht mit Fehlermeldung zurückkam, konnte nun als gültige Adresse noch teurer verkauft werden. Die Spam-Mails nahmen zu.

Ebenso erwachte das Telefon regelmäßig zum Feierabend - ab 18 Uhr ging es rund, von Eismann bis zur allerdings leicht abzuwimmelnden WKV-Versicherung ("Interessant...Schicken Sie mir bitte den Tarif für Arbeitslose?" - "Äh, öh, Tschuldigung" - klick!) erzeugten die Telefonverkäufer bald amerikanische Verhältnisse, von ständigen computergewählten Anrufen von Marktforschern ganz zu schweigen, die wissen wollen, wie man denn das Fernsehprogramm findet ("mangels Fernseher höchstens beim Nachbarn...").

Günther Jauchs Fernsehstudio will was...

Doch dann wurden die lästigen Anrufe auch am Tag und am Mobiltelefon häufiger und störten somit bei der Arbeit. Logisch, wer wirklich an Gewinnspielen Interesse hat, ist vermutlich arbeitslos und auch tagsüber zu Hause. Schließlich platzte jedoch mitten in ein Telefoninterview auf der zweiten Leitung Günther Jauch. Sein RTL-Fernsehstudio sei an der Strippe. Ich mache aber nur Radio und kein Fernsehen. Nein, nicht als Macher, sondern als Gast in seine Sendung wolle man mich haben.

Nun, ich war schon vor sicher 20 Jahren in einer Fernsehsendung von Günter Jauch - Live aus dem Alabama - und hatte auch nicht mehr so großes Interesse an einer Wiederholung, seit auch Jauch unter die Abmahner gegangen ist. Noch dazu stellte sich die Sendung als die SKL-Show heraus - nicht wirklich interessant, denn wenn man tatsächlich in der Lotterie gewonnen haben sollte, muss das ja nicht auch noch jeder im Fernsehen erfahren, oder? Doch man habe 40 spezielle VIP-Lose, die den Eintritt in die tolle SKL-Show garantierten, und eins dieser Lose sei für mich persönlich reserviert.

Nach langem Rumgedruckse - "Nein, ich will Ihnen nichts verkaufen" - stellte sich heraus: Es war nicht Günther Jauch, nicht sein Fernsehstudio, nicht mal die Süddeutsche Klassenlotterie und auch keine Lotterie-Annahmestelle an der Strippe, sondern wieder mal ein Call-Center. Und oh Wunder, das Los müsse natürlich bezahlt werden. Aber es gewänne zu 100% - na ja, 99,6% - und der Eintritt in die Fernsehsendung sei mit diesem VIP-Speziallos absolut sicher. Eine Rückrufnummer wurde genannt, aber außer "Fernsehstudio von Günther Jauch" kein Firmenname. Gibt es denn rechtsverbindliche Verträge am Telefon? Nun, es solle schon noch irgendwann etwas schriftlich kommen. Man bräuchte dann nur noch meine Bankverbindung...

Zunächst randalierte am nächsten Tag jedoch das Handy: Man wollte die Richtigkeit des Wichtigsten überprüfen: der Bankverbindung. Woher man die Nummer überhaupt habe? Ja, ich hätte doch früher schon Lotto gespielt und da habe man noch auf dem Schein seine Adresse angeben müssen:

"Sie haben nie Lotto gespielt? Na dann muss jemand ohne Ihr Wissen für Sie einen Schein abgegeben haben." Ah ja, klar, ein Unbekannter spielt also in meinem Namen, aber mit seinem Geld Lotto. "Machen Ihre Freunde das für Sie eigentlich auch?". Langsam begann es albern zu werden und ich entschied, der Sache auf den Grund zu gehen.

Günther, wer war's?

Eine Nachfrage bei RTL wurde an die SKL weitergeleitet. Die wiederum fand heraus, dass ein für die staatliche Lotterie-Einnahme nein, nicht Günther, sondern Glöckle in Stuttgart tätiges Call-Center Urheber der Störung war. Und dieses Call-Center benutzte wieder einmal die CD von Adressmarketing.net. Auch kann man bei der SKL gar kein ganzes Los kaufen, sondern nur Zehntel-Lose. Das gibt dann lange Gesichter, wenn das Los 125 Euro gewonnen hat und sich nur 12,5 Euro auf dem Konto blicken lassen. Nur die Bank - beziehungsweise der Staat - gewinnt immer. Und dass öffentlich-rechtliche Anstalten scharf auf das Geld von Privatleuten sind, ist auch nichts Neues. Hier hat man aber immerhin die Wahl - ein paar Euro billiger als die GEZ ist die Lotterie immerhin und man muss auch keinen Fernseher haben, um dabei sein zu können.

Das 4/10-Los kreuzte nebst Brief von Glöckle übrigens erst Wochen später auf. Man kann dann aber immer noch kündigen oder die Abbuchung sperren. Es werden auch tatsächlich 40 Kandidaten für die Jauch-Sendung in einer speziellen Ziehung bestimmt, vorab als VIP-Los am Telefon werden diese jedoch natürlich nicht verkauft. Wegen der Häufung und Heftigkeit ähnlicher Beschwerden gibt es nun einen speziellen Menüpunkt "Telefonmarketing" auf der SKL-Website, das Call-Center wurde ermahnt und die Presseabteilung des Lotterieeinnehmers entschuldigte sich. Nur Günther Jauch wird nun wohl auf meinen Besuch verzichten müssen... (Wolf-Dieter Roth)

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