Guerilla Open Access und Robin-Hood-PR gegen Marktversagen

Sci-Hub als größte wissenschaftliche Bibliothek der Welt?

Sci-Hubs Dokumentkorpus ist beachtlich, es können via Sci-Hub mehr als 48 Millionen Texte bezogen werden, sicher mehr als in den IP-Ranges der bestausgestatteten Universität.

Sucht ein Nutzer in Sci-Hub nach einem Dokument, kann dies meist aus Sci-Hub- oder LibGen-Servern geladen werden, andernfalls findet im Hintergrund eine Verfügbarkeitsrecherche in offiziellen Verlagsdatenbanken ab. Findet der Dienst dort das Dokument, legt er automatisch eine Kopie in LibGen ab, so dass es zukünftig direkt ohne Zugriff auf den Verlagsserver abgerufen werden kann, und liefert die Datei dem Suchenden aus.

Diese Verfügbarkeitsrecherche gelingt nur, weil Wissenschaftler ihre Zugangsdaten zu den Verlagsdiensten den Sci-Hub-Betreibern mitteilen. Die beachtliche Zahl verfügbarer Dokumente deutet folglich auf einen nicht unbedingt kleinen Unterstützerkreis hin.

Spenden sichern den Betrieb

Anders als andere Schattenbibliotheken, die teils geringe Gebühren im Flat-Modell zur Sicherung ihrer Kosten einstreichen oder eine solche Finanzierung überdenken, verfolgt Sci-Hub konsequent das Spendenmodell und gibt sich als soziales Projekt: Da eine Flat oder eine andere Gebühr Nutzer aus finanziell schlecht ausgestatten Regionen oder Standorten - zwar in wesentlich geringerem Maß, jedoch prinzipiell vergleichbar den durch Wissenschaftsverlage erhobenen Nutzungsentgelten - benachteilige, setzt man darauf, dass User, die Geld erübrigen können, für Sci-Hub spenden.

Diese Spenden können übrigens nur mittels Bitcoins getätigt werden, allerdings kann man sicher auch das Weiterreichen von Login-Daten zu Zeitschriftenhosts als willkommene Spende erachten.

Storytelling zugunsten der Aktivisten

Beachtet man die Tonlage der Berichte zu Sci-Hub wird deutlich, dass diese mit einer Sympathie für die Aktivisten gefärbt sind, wohingegen die Wissenschaftsverlage meist eher schlecht wegkommen und bisweilen als raffgierige Konzerne erscheinen, die dem Wissenschaftssystem Geld entziehen ohne nennenswerte Gegenleistungen zu erbringen.

Die kommerziellen Verlagen riskieren dabei achtlos eine weitere Verschlechterung ihres Images, wenn sie wie Elsevier verkünden, pro illegal bereitgestelltem Werk entstünde dem Haus ein Schaden von 750 bis 150.000 US-$ - eine Summe, bei der sich, eingedenk der beschriebenen Produktionsbedingungen der Texte, die Frage aufdrängt, warum Elsevier derart gut an mit öffentlichen Mitteln finanzierten Texten verdienen solle.

Genau diese mediale Darstellung könnte für Elsevier und andere Verlage riskant werden, denn die Verluste durch Sci-Hub dürften zwar relevant sein, mehr schmerzen und dauerhaft schädigender könnte jedoch die Diskussion über das Geschäftsmodell der Verlage sein.

Damit wäre die Situation vergleichbar mit dem medialen Echo auf den Elsevierboykott (Mobilmachung gegen Elsevier?): 2012 riefen die Mathematiker Timothy Gowers und Tyler Neylon Wissenschaftler dazu auf den Verlag Elsevier zu boykottieren, indem sie bei Elsevier zukünftig weder Artikel einreichen, noch als Reviewer oder Herausgeber für den Verlag tätig werden. Auf der Website thecostofknowlegde.com unterzeichneten bislang weiter über 15.000 Wissenschaftler den Aufruf.

Der Verlust an potentiellen Reviewern, Herausgebern und Autoren dürfte aber, verglichen mit dem erlittenen Imageschaden durch den Boykottaufruf, glimpflich gewesen sein, denn damals wie heute war das mediale Echo beeindruckend (s. u.a. Süddeutsche oder Spiegel online).