Gut aussehen und lässig bleiben

Coolness ohne Nostalgie: "Good Night, And Good Luck"

Kühl und formal brillant, dabei voller Engagement mit heißem Herzen: Das ist "Good Night, And Good Luck", die zweite Regiearbeit von George Clooney, die beim Festival von Venedig gleich dreimal ausgezeichnet wurde, mit Regie- und Darstellerpreis, sowie dem Preis der Internationalen Filmkritik, die sechsmal für den Oscar nominiert war. Der Film erzählt die Geschichte der Nachrichtenikone Edward R. Murrow, ein Mann der ersten TV-Stunde, der mutig den Einschüchterungen des rechtskonservativen Hexenjägers McCarthy widerstand - ein journalistisches Vorbild und eine Parabel auf derzeitige US-Verhältnisse. Zugleich ein lustvoller Film, der zeigt, dass Intelligenz und moralische Position auch sexy aussehen kann.

Stil ist alles in diesem Film. Ganz zu Beginn gleitet die Kamera sanft durch eine Dinnerparty, ein hocheleganter, dichter und zugleich verspielter Anfang. So wird es weitergehen; "Good Night, and Good Luck" ist komplett in Schwarzweiß gedreht, die Graustufen sind satt, und die Kontraste scharf. Karg und darin ungemein reich sieht das aus, weit geht es über bloße Nostalgie hinaus. Erzählt wird in schnelle Schritten, aber der Schnitt entwickelt einen Rhythmus, der der Handlung immer wieder Ruhepausen gönnt, Entspannungsmomente, die ihm eine Gelassenheit geben, die seine Wirkung nur unterstreichen. Dies ist ein Film, wie er in Deutschland völlig undenkbar ist, und nicht weil das Geld fehlt - teuer war es mit 7,5 Millionen nämlich überhaupt nicht.

Aber Regisseur George Clooney zeigt, wie engagiertes Kino über die Vergangenheit auch aussehen kann: Ohne Deckel drauf und Affe tot, sondern als Vergangenheit, die etwas zur Gegenwart zu sagen hat, und das Vergangene als Herausforderung, als Forderung auch, offen hält. Und voller Stilgefühl. Bilder können etwas ernst meinen und trotzdem gestaltet daherkommen, sexy und nicht als braune Pfütze. Wer also in Filmen wie "Das Leben der Anderen" das Herz und das Risiko vermisst, wem die Vergangenheit im Kino oft zu glatt und zu disneymäßig (Mundgerecht konsumierbare Vergangenheit) aussieht, der sollte sich "Good Night, And Good Luck" auf jeden Fall angucken. Geschichte ist hier nicht gerade so einfach und konsumierbar, dass man nicht mehr viel nachdenken muss, kein kühl kalkuliertes mainstreamiges Industriekino.

"Fakten statt Mutmaßungen"

Moral ist alles in diesem Film. Hier geht es um eine Geschichte, die wahrer ist, als die neue Sonate vom guten DDR-Menschen. Clooney, selbst Sohn eines bekannten TV-Journalisten, verfasste auch das Drehbuch und erzählt darin von dem legendären Edward R. Murrow, der in den 50er Jahren mit seiner täglichen eigenen CBS-Sendung "See it now" und dem Motto "Fakten statt Mutmaßungen" zum Fernsehstar und zur Legende des investigativen Journalismus wurde. Es war zur Zeit des ebenso einflussreichen wie berüchtigten rechtskonservativen Senators McCarthy und dessen Hexenjagd auf das liberale Amerika. Leidenschaftlich kämpfte Murrow gegen diese Machenschaften und die öffentlichen Verhöre, die manche schon seinerzeit an Schauprozesse in Diktaturen erinnerte.

Zunächst war das ein einsamer Kampf, Murrow musste sich gegen den Vorwurf wehren, "unpatriotisch" zu sein, kommunistische Sympathien zu haben. McCarthy und die US-Rechte überzog ihn und seine Mitarbeiter mit einer Schmutzkampagne. Doch Murrow blieb "dran". In aufsehenerregenden Beiträgen wies er McCarthy schließlich verschiedene Manipulationen und Verfassungsbruch nach, zeigte, dass er Existenzen zerstörte und hatte damit wesentlichen Anteil an dessen Sturz. Die Hauptrollen spielt neben David Strathairn als Murrow, Clooney selbst als dessen Redaktionsleiter und ein wunderbarer Robert Downey Jr. als Journalistenkollege. "Botschaften sollte man mit der Post verschicken", behaupten heute in Deutschland besonders ausgerechnet einige falsche Freunde des Autorenfilms. Aber sie variieren nur das verächtliche Statement eines berühmten Hollywood-Bosses: "If you want to sent a message, call Western Union."

George Clooney stellt sich da lieber in die Tradition der "Message-Movies" seit den 30er-Jahren, seit Chaplin und Capra. "Section Eight" nannten er und sein Freund Steven Soderbergh die gemeinsame Produktionsfirma nach jenem Armeeparagraphen, der eine Entlassung von Soldaten wegen "psychologischer Unfitness" oder "unerwünschter Charakterzüge" erlaubt. Wie Clooney und seine letzten Filme, etwa "Syriana" (vgl. Die offene Sprache der Macht), haben zunehmend auch andere in Hollywood solche "unerwünschten Charakterzüge": Co-Produzent von "Good Night, And Good Luck" ist Participant Productions, gegründet von Jeff Skoll, dem ebay-Gründer und Dollarmilliardär - auch manche Reiche in Amerika bekennen sich zu linksliberalem Gedankengut. Hollywood schlägt zurück.

Gegen "Dekadenz und Eskapismus"

Politik ist alles in diesem Film. "Good Night, and Good Luck" ist schon deswegen überaus aktuell, weil er an die guten, selbstkritischen und liberalen Traditionen Amerikas erinnert, die man heute, in einer der McCarthy-Ära ähnlichen Situation, leicht übersieht. Und natürlich ist dieser Film auch eine frontale, trotzdem jederzeit intelligente Anklage des Bush-Regime. Im Gegensatz zu einem Michael Moore hat Clooney dabei nie Schaum vorm Mund, verliert nie seine Deckung und macht sich mit dem Gegner gemein. Was er zeigt, kennt man alles aus der aktuellen Politik: Lügen, Dementis, Schmutzkampagnen, Vorwürfe unter der Gürtellinie, und wenn das alles nichts nutzt: Drohungen. Ohne Predigerton ist Clooneys Film die scharfe Analyse und schonungslose Benennung korrupter Verhältnisse. Der Regisseur verbindet sie mit der Anklage einer Fernsehkultur, die von "Dekadenz und Eskapismus" - so Murrow im Film - dominiert ist, neudeutsch: des "Unterschichtsfernsehens" (Harald Schmidt).

Der Film ist kein Biopic. Wie "Capote" ist er nicht rund, sondern greift eine entscheidende Episode aus einem Leben heraus, dass er aus ihr erklärt - anders als "Ray," "Kinsey," "Alexander," "The Aviator," "A Beautiful Mind". Clooney erzählt mit viel Humor und Ironie, wie zum Beispiel ein Dialog wie dieser zeigt: Edward R. Murrow: "Milo Radulovich."; Fred Friendly: "Italian?"; Edward R. Murrow: "Irish."

Politik ist Moral, Integrität, ein Bliock hinter die Selbstverständlichkeiten, und der Mut sie zu benennen. So in der - originalen - Rede Murrows, die seiner Karriere schadete, und den Film einrahmt:

We are proud because from the beginning of this nation man can walk upright. No matter who he is or who she is. He can walk upright and meet his friend or his enemy. And he does not fear that because that enemy may be in a position of great power that he can be suddenly thrown in jail o rott here without charges and with no recourse to justice. We have the Habeas Corpus Act and we respect it. I began by saying that our history will be what we make it. If we go on as we are then history will take its revenge, and retribution will not limp in catching up with us. Just once in a while, let us exalt the importance of ideas and information. Let us dream to the extent of saying that on a given Sunday night the time normally occupied by Ed Sullivan is given over to a clinical survey on the state of American education.
And a week or two later, the time normally used by Steve Allen is devoted to a thorough-going study of American policy in the Middle East. Would the corporate image of their respective sponsors be damaged? Would the shareholders rise up in their wrath and complain? Would anything happen other than a few million people would have received a little illumination on subjects that may well determine the future of this country and therefore the future of the corporations? To those who say, "People wouldn't look, they wouldn't be interested... they're too complacent, indifferent and insulated" I can only reply: There is, in one reporter's opinion considerable evidence against that contention. But even if they are right, what have they got to lose? Because if they are right and this instrument is good for nothing but to entertain, amuse and insulate then the tube is flickering now and we will soon see that the whole struggle is lost.
This instrument can teach. It can illuminate and it can even inspire. But it can do so only to the extent that humans are determined to use it towards those ends. Otherwise, it is merely wiresand lights in a box. Good night, and good luck.

Hymne auf den Hedonismus

Stil ist Politik. Dass in diesem Film so viel geraucht wird, ist also nicht nur historisch exakt, und sieht gut aus, es ist auch ein politisches Statement in einer Zeit, in der Raucher schon fast zu Kriminellen gestempelt werden. Minimalistisch, voll kühler Brillanz, mit vielen Nahaufnahmen aus leichter Unterperspektive, wie sie für die 50er-Jahre typisch sind, lässt er den Betrachter auch emotional eintauchen in eine verlorene Zeit. Man sieht Männer in zeittypischen Gesten und Kleidung, die unheimlich viel rauchen und Scotch trinken - Männerbilder einer vergangenen Epoche. Nostalgisch und zeitgemäß zugleich ist die im Raum stehende Klage, dass es heute keine Persönlichkeiten mehr gebe. Der Film klagt auch die heutige Fragmentierung des Journalismus an: Im Land der zu vielen Fernsehsender kann es Figuren wie Murrow kaum noch geben.

"Good Night, and Good Luck" ist bei alldem auch eine Hymne auf den Hedonismus. "How does a Scotch sound?" - "Scotch sounds good." Mit seiner Coolness ohne Nostalgie wirkt "Good Night, and Good Luck" wie das realistische Pendant zu Soderberghs "Ocean's Eleven" und "Ocean's Twelve", in denen Clooney die Hauptrolle spielte: Auch hier ist ein "Ratpack" am Werk, eine verschworene Gemeinschaft, die für das Gute kämpft und weiß, dass man dafür immer auch gut aussehen und lässig bleiben muss. (Rüdiger Suchsland)