Guter Marx, schlechter Marx

Jenny Marx beklagte Strümpfestopfen als Los der Frauen. Und Mützenstricken? Bild: Peter Dörfler

Eine Dokumentation wirft ein Licht auf Karl Marx und seine Erben

"Je länger ich an der Wall Street bin, desto stärker wird meine Überzeugung, dass Marx Recht hatte", versicherte schon Ende der 90er Jahre ein Investmentbanker dem "New Yorker".1 Die folgerichtig ins (Banken-)Haus stehende Finanzkrise von 2007ff. vernichtete weltweit Kapital, und die Globalisierung vernichtet ungerührt von Krisen oder Aufschwung schlecht gesicherte Arbeitsplätze durch noch schlechtere anderswo. Wenn auch Marx, der intime "Kenner des Kapitalismus", Konjunktur hat, haben sich seine linken Erben in die Diaspora zerstreut, als wären sie selbst der Beweis dafür, dass der Kapitalismus über Krisen hinweg endgültig gesiegt habe.

Den Spuren, die "Marx und seine Erben" hinterließen, folgt die gleichnamige Dokumentation von Peter Dörfler, die ab 28. April auf ARTE und in der ARD läuft. Das umfasst eine riesige Zeitspanne, wird doch in diesem Jahr der zweihundertste Geburtstag des Altmeisters des "wissenschaftlichen Kommunismus" begangen.

Der Film verbindet geschickt und auf das Wesentliche reduziert verschiedene Stränge: die Lebensstationen und der Bildungsgang von Marx werden ergänzt um Kommentare von linken Politikern wie Sarah Wagenknecht und Yanis Varoufakis sowie von Historikern und Publizisten. Schlaglichter werden auf die linken Bewegungen und Erhebungen geworfen, die das 20. Jahrhundert von der Oktoberrevolution an durchzogen. An den wechselnden Orten des Geschehens kommen Passanten zu Wort. Die Etappen im Leben und Schreiben des Karl Marx werden in Rückblenden eingeschoben. Das Bild rundet sich.

Marx vor der Abreise aus Peking nach Trier. Links der Bildhauer, rechts der Trierer Baudezernent. Bild: Peter Dörfler

Aber wieso verfehlten alle sich auf den Marxismus berufenden Bewegungen mit wachsendem Abstand das "Reich der Freiheit"? Einen ersten Hinweis gibt der Historiker Stephen A. Smith:.https://www.asc.ox.ac.uk/person/2157. Während Marx die inneren Widersprüche des Kapitalismus durch dessen eigene Produktivkräfte zugespitzt sah, sodass er über sich selbst hinaustreibt, sofern nur die Arbeiter an diesem Punkt das Heft in die Hand nehmen, glaubte Lenin nicht an diese quasi automatische Dynamik. Das russische Proletariat war zu schwach. Da der Kapitalismus die Revolution nicht allein und nicht streng nach "Drehbuch" hervorbringt, setzten die Bolschewiki Berufsrevolutionäre ein, als Stellvertreter des Proletariats. Dieses Stellvertreter-Syndrom bildete neue Herrschaftsstrukturen aus, die direkt in den Stalinismus führten.

Auf eine ähnliche Situation stieß Mao im bäuerlich geprägten China. Die Ressourcen für den Weg aus der Rückständigkeit waren knapp. Sie mussten den Bauern und Arbeitern selbst abgepresst werden. Dazu unterwarf Mao das Land dem Willen der Kommunisten.

China beruft sich bis heute auf den Marxismus. Der Film gibt ein Beispiel, wie Marx in den Medien zum Pop-Star verklärt wird. Die Realität ist jedoch ein knallharter Kapitalismus von Gnaden des Staates. Der Marxismus dient zur Rationalisierung einer Realität, die ungeschminkt kaum auszuhalten ist. Er gleicht, wie sich eine chinesische Dozentin ausdrückt, den Mangel an Werten aus. Dem Journalisten Mathias Greffrath sind solche Idolisierungen grundsätzlich verdächtig. Es ist stets ein Hinweis auf eine schlechte Realität sozialistischer Systeme, wenn Marx als Prophet oder als Erlöser verherrlicht wird.

Kann Marx neue Wirkung entfalten? Wagenknecht, Varoufakis und Greffrath verweisen auf zunehmende Monopolbildungen und mahnen eine Umverteilung sowie genossenschaftliche Organisationsformen an. Die Vorschläge hätte Marx für hausbacken gehalten. Verteilungsfragen handelte er auf der Ebene der Distributionssphäre ab, die lediglich eine Erscheinungsform der Produktion des Mehrwerts als dem Wesenskern der Ausbeutung ist. Die Umverteilung der Werte verfehlt die Umwertung der Werte.

Wie die Befragungen des Filmteams ergeben, scheint das Allgemeinwissen zu Marx heute unterentwickelt. In Chemnitz druckst ein junger Passant herum, bis ihm einfällt: "Es war kein schlechter Mensch." Seine beiden Begleiterinnen sind erheitert. Oder war Marx doch ein schlechter Mensch? Der Schriftsteller Peter Schneider geht auf die 68er-Bewegung zurück, an der er selbst teilnahm. Zwei Impulse drängten nach Schneider die Studentenbewegung ziemlich rasch in eine Richtung, aus der militante, streng autoritär organisierte Gruppen und die RAF hervorgingen.

1. Linke Studenten gingen in die Betriebe, um die Arbeiter zu revolutionieren. Diese warteten jedoch keineswegs auf ihre Erlösung durch die Agitatoren. Sie zeigten zumindest in Deutschland den Studenten die kalte Schulter. Bei den Jung-Intellektuellen kam die Rätselfrage auf: Wer ist denn nun das "revolutionäre Subjekt"? An dieser Stelle bildet sich wieder das Stellvertreter-Syndrom heraus, anderen sagen zu wollen, was deren eigentliche Bedürfnisse sind. - 2. In dem Maß, wie die Studentenbewegung zerfaserte, importierten einige Gruppen Revolutionsmodelle wie das der lateinamerikanischen "Stadtguerilla" nach Europa. Schneider: Musste es unbedingt der bewaffnete, heroische Kampf sein? Weiter Schneider:

Es gibt im ganzen Marxschen Gebäude keinen Satz von dieser Einfachheit: Du sollst nicht töten. Es gibt kein Prinzip, das es Dir verbieten würde, im Namen der Revolution eine beliebige Anzahl von Menschen zu töten. Dieses Fehlen jeglicher Ethik ist ein furchtbarer Makel, der dem ganzen Gebäude innewohnt und es immer wieder zum Einsturz bringt.

Das liest sich wie ein Schlusspunkt. Doch hängt die Menschheit an ihre Geschichte immer wieder Marginalien an. So oft, wie das Fünfte Gebot ausgesprochen wurde, ist es wahrscheinlich schon gebrochen worden. Der Verstoß gegen Appelle liegt schon im Charakter des Appells. In Kriegen wird das Gebot ganz offiziell suspendiert, obwohl es meist nur um Territorialgewinne geht. Der Krieg, von dem Marx handelt, ist ein permanenter der Herrschenden gegen die Verdammten dieser Erde. Abstrahiert das fünfte Gebot nicht von Täter und Opfer und verwechselt sie damit?

In der Linken kursiert demgegenüber das Geflügelte Wort, dass die Konterrevolution stets mehr Tote produziert als die Revolution. Das wird durch Marx gestützt etwa in seiner Beschreibung des Untergangs der Pariser Kommune. Es hört sich nach Aufrechnung der Toten an. Das ist kein gutes Zahlenspiel. Die Zahlenspiegeleien potenzierten sich im 20. Jahrhundert.

Dörflers Dokumentation überlässt dem Zuschauer die Interpretation. Der Film bietet viele weitere Facetten zum Thema. Er ist ein sehr guter und kurzweilig anzuschauender Einstieg ins revolutionäre und postrevolutionäre Geschehen. Zu empfehlen auch für die Schule.

Was dachte Marx selber zu seinem Erbe? Als er 1867 seinen Freund Kugelmann in Hannover besuchte, scherzte dessen Frau, sie könne sich Herrn Marx "nicht in einer nivellierenden Zeit denken, da er durchaus aristokratische Neigungen und Gewohnheiten habe. 'Ich auch nicht', antwortete Marx. 'Diese Zeiten werden kommen, aber wir müssen dann fort sein.'"2

Sendetermine:
28.4. um 21.45 Uhr auf ARTE
30.4. um 23.30 Uhr in DAS ERSTE
und weitere

(Bernhard Wiens)

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