Haben Faustschläge die Gesichtsformen der Männer geprägt?

Vergleich des Schädels eines Schimpansen (oben) mit vier Schädeln von Hominiden, ganz unten homo sapiens. Bild: Skulls Unlimited

Mit der Fähigkeit, eine Faust zu bilden, haben sich bei frühen Hominiden-Männern stärkere Gesichtsknochen herausgebildet - zum Schutz behaupten Evolutionsbiologen

Wie Körper, Schädel und beim Menschen Gesichter entstehen, hat viele evolutionsbiologische, physikalische und physiologische Gründe, die man anführen kann. Bei Gesichtern denkt man wohl zuerst an Erkennbarkeit und Ästhetik auf dem Marktplatz der sexuellen Selektion, aber auch an Funktionalität wie Sprechen und Mimik, Essen und Trinken, Riechen, Sehen und Hören. Irgendwie müssen die Gehirnmassen auch im Inneren des Schädels neben Mund, Rachen, Nasenhöhle, Mittel- und Innenohr etc. Platz finden. Der Biologe David Carrier und der Mediziner Michael Morgan von der University of Utah haben nun eine originelle Hypothese darüber vorgelegt, an welche Bedingungen sich das Gesichts der Hominiden angepasst haben könnte.

Es geht allerdings nur um das männliche Gesicht, das kräftiger gestaltet ist als das der Frauen. Bislang ging man davon aus, dass die "robusten" Gesichter der Gattung Australopithecus aufgrund von anatomischen Zwängen oder aufgrund der Ernährung entstanden. So könnte der überwiegende Verzehr von hartfaserigen Pflanzen (Gras und Samen) dazu geführt haben, dass die Kaumuskeln sehr kräftig und die Kauflächen der Backenzähne groß waren. Entsprechend könnten sich vor allem die Jochbeine verstärkt haben. Vor allem auf diese, darauf verweisen die Wissenschaftler, treffen auch heute noch die meisten Hiebe bei Schlägereien, wie sich aus Daten von Krankenhäusern ergibt, auf das Gesicht und hier vor allem auf das Jochbein und den Unterkiefer.

Angeblich haben die männlichen Hominiden vor Millionen von Jahren gerne einmal (Balz)Kämpfe gegeneinander aufgeführt, um von den Frauen erwählt zu werden. Dabei wurde nicht mit Waffen, beispielsweise Steinen, gekämpft, sondern mit bloßen Fäusten. Und die richteten sich oft gegen den Kopf und das Gesicht. Um letzteres vor Verletzungen besser zu schützen, könnten sich stärkere Gesichtsknochen bei den Männern entwickelt haben, behaupten die Wissenschaftler, die auch in früheren Studien davon ausgingen, dass die Bedeutung körperlicher Gewalt auch für die anatomische Evolution des Menschen bislang unterschätzt wurde. Sie haben für ihre Studie, die in den Biological Reviews erschienen ist, Fossilien der Gattungen A. afarensis, Paranthropus robustus und P. boisei untersucht, die vor etwa 3-4 Millionen gelebt haben.

Zuvor hatten die Wissenschaftler bereits die Hypothese aufgestellt, dass sich bei den Hominiden etwa in der Zeit der Entstehung des aufrechten Gangs die Fähigkeit evolutionär entwickelt hatte, eine Faust zu bilden, um aus der Hand eine gefährlichere Waffe zu machen. Wenn die Faust mitsamt den notwendigen Veränderungen der übrigen Skelettmuskeln eine wichtige Waffe geworden ist, dann sei es auch vernünftig anzunehmen, dass "das primäre Ziel, insbesondere der Kopf, eine Evolution durchläuft, die zu erhöhter Robustheit und schützender Härte führt".

Rekonstruktion des Kopfs eines Australopithecus afarensis. Bild: Reconstruktion durch John Gurche, Foto von Tim Evanson

Die Untersuchung von Hominiden-Schädeln hat nach Angaben der Wissenschaftler ihre Hypothese bestätigt, dass die Gesichtsknochen, die bei Kämpfen von modernen Menschen am ehesten verletzt werden, während der Evolution der frühen Hominiden am meisten verstärkt wurden. Es seien auch die Stellen des Gesichts, an denen sich die größten Unterschiede zwischen Frauen und Männern bei den modernen Menschen und den Australopithecus-Arten zeigen. Die Gesichtsmerkmale, die den frühen männlichen Hominiden prägen, könnten also auch zum Schutz vor Faustverletzungen entstanden sein.

Trifft die Hypothese zu, so würde dies auch zeigen, das Gewalt für die Menschheitsentwicklung eine wichtige Rolle gespielt hat, meint Carrier: "Die Diskussion, ob es eine dunkle Seite der menschlichen Natur gibt oder nicht, geht auf den französischen Philosophen Rouesseau zurück, der behauptete, dass die Menschen vor der Zivilisation edle Wilde gewesen seien. Die Zivilisation haben die Menschen verdorben und gewalttätig gemacht. Diese Vorstellung herrscht in den Sozialwissenschaften weiter vor und wurde in den letzten Jahrzehnten von einer Reihe von bekannten Evolutionsbiologen und Anthropologen bestärkt. Viele andere Evolutionsbiologen finden hingegen Hinweise darauf, dass unsere Vergangenheit nicht friedlich war."

Der aufrechte Gang, die Proportionen der Hand und die Gsoichtsform haben, so die Wissenschaftler, die kämpferische Leistung verbessert. Allerdings müsste man dann eher von einem Wettrüsten ausgehen. Je besser die Angriffsmittel bzw. die Verteidigungsmaßnahmen wurden, desto besser wurden die Verteidigungsmaßnahmen bzw. die Angriffswaffen. Deeskalierend wäre weder die eine noch die andere Version.

Gleichwohl ist auch nach den Wissenschaftlern die Robustheit der frühen Hominiden nicht weiter verstärkt worden, sondern schwächer geworden. Das hieße nach der Hypothese, dass die Männer friedlicher geworden wären. Die Robustheit des Oberkörpers nahm ab, so dass auch dei Schlagkraft geringer wurde, weswegen auch die Notwendigkeit abnahm, das Gesicht vor Faustschlägen zu schützen, schreiben die Wissenchaftler. Aber vielleicht sind nur neue Waffen mit Steinwaffen, Speeren und Pfeilen, Messern und Schwertern und schließlich Schusswaffen entstanden, gegen die stärkere Knochen keinen Schutz mehr darstellen. Man müsste also umschalten von der biologischen auf die kulturelle Evolution oder von der Verbesserung des Körpers auf die Verbesserung der Werkzeuge. (Florian Rötzer)