Haben Konsumenten von Science Fiction einen Vorsprung?

Mit der prophetischen Gabe der Science Fiction ist es nicht weit her. Was nützt das Genre dann überhaupt?

Zurückgefragt: Warum sollte die Science Fiction etwas nützen? Warum sollten Leute, die sie konsumieren, die Musterschüler der Moderne sein und etwas anderes wollen als seichte Unterhaltung und immer die gleichen Märchen von Helden, Robotern und Aliens?

Es ist an sich schon ein interessantes Phänomen, dass neuerdings nicht nur der Krimi, sondern auch die Science Fiction mehr bieten soll als ein wenig Remmidemmi und Seriengedudel. Man könnte das auch für ein Symptom der totalen Verzweiflung halten: "Vielleicht wissen die Spinner mit den Raumschiffen und den Laserschwertern den Zustand der Welt noch zu deuten?" Das Christentum war Fantasy und Science Fiction zugleich für das imperiale Rom - vielleicht werden ja gerade die neuen Evangelien geschrieben?

Museum der Möglichkeiten

Wenn man nicht den freilich extrem guten Roman "Jerusalem" von Alan Moore für ein Evangelium halten will, dann ist das eher unwahrscheinlich. Aber es gibt ja die Idee, dass die Science Fiction weder Prophetie noch Ideenreservoir für die Industrie sein soll, sondern dass sie erstens das Jetzt durch Verfremdung zur Kenntlichkeit entstellt und dass sie zweitens an einem Museum der Möglichkeiten baut.

Das mit dem verfremdeten Jetzt macht sie zu einer speziellen Spielart der Satire, aber die Sache mit dem Museum der Möglichkeiten kann tatsächlich nur die Science Fiction leisten. Sie bietet ein Reservoir der Nebenrealitäten, der (noch) nicht verwirklichten Potenziale. Es geht um eine Vorratshaltung, die sich um irreale Probleme und irreale Lösungen dreht, was natürlich so lange ein völlig verrücktes Unternehmen ist, so lange keine völlig irrsinnigen Probleme auftauchen.

Zum Beispiel die Möglichkeit, mit relativ einfachen Mitteln Genmanipulationen vorzunehmen, die in kürzester Zeit ganze Tierarten umkrempeln. Oder die Frage, was wir denn tun würden, wenn wir auf dem Jupitermond Europa wirklich extraterrestrisches Leben fänden.

Man stelle sich vor, die Menschheit wäre mit dem Problem konfrontiert, dass sich die Erde aufgrund menschlicher Aktivitäten, die allerdings als unverzichtbar gelten, immer weiter aufheizt. Oder, dass wir im Erdorbit nicht ein globales Satellitennavigationssystem betreiben, sondern fünf oder sechs - einfach, weil uns das so passt.

Wenn solche unwahrscheinlichen Zustände je eines Tages eintreten sollten - wäre es dann nicht vielleicht sinnvoll, in das Museum der Zukunft zu gehen und nachzuschauen, ob sich vielleicht schon einmal jemand über solche Abstrusitäten Gedanken gemacht hat?

SecBots, die sich selbstständig machen

Sich in diesem Museum jetzt schon aufzuhalten, könnte theoretisch auf die Seltsamkeiten vorbereiten, die die Wirklichkeit bereits zu bieten hat und die sie mit großer Wahrscheinlichkeit in Zukunft bieten wird - so gesehen, könnte das Museum der Möglichkeiten auch eine Art Verwirrungsprophylaxe bieten, die Praxis des vorausgreifenden Planspiels gegen den Future Shock, der schon heute spürbar ist, und der sich noch verstärken wird.

Martha Wells zum Beispiel hat mit ihrer "Murderbot"-Serie einen spektakulär guten Beitrag zum Museum der Möglichkeiten geleistet, und als bitterböse Satire funktioniert er auch. Der "Murderbot" ist offiziell ein "SecBot", also ein hochentwickeltes, teilmenschliches Konstrukt, für das die Begriffe "Android" oder "Cyborg" eigentlich nicht ganz greifen; eher handelt es sich um eine Art Allzweckwaffe für menschliche Sicherheitsbedürfnisse in einer gefährlichen galaktischen Umwelt.

Um die SecBots, die es in verschiedenen Varianten gibt, ist eine ganze Kultur entstanden, Seifenopern, philosophische Diskussionen, kriminelle Machenschaften inklusive. "Murderbot" hat sich selbst diesen Namen gegeben, nachdem es ihm gelungen ist, sein Steuermodul zu hacken; de facto besitzt er damit freien Willen und könnte tun und lassen, was er will, aber nicht für lange: SecBots, die sich selbstständig machen, sind natürlich der Alptraum ihrer Herren und Meister.

Jetzt hätte Martha Wells daraus ein mehr oder minder gut gemachtes Beispiel für das "Rise of the machines"-Subgenre in der Science Fiction stricken können, aber nein - Ian Tregillis hat da sowieso mit seiner "Mechanical"-Trilogie etwas vorgelegt, was für einige Zeit schwer zu überbieten sein wird.

Der "Murderbot" ist keine noch so originelle Wiederholung der Geschichten von der Befreiung oder vom Terrorregime der Maschinen. Eigentlich möchte der Murderbot mit seiner Freiheit gar nicht viel anfangen, außer zu überleben und Fernsehserien zu schauen. Danach ist er absolut süchtig, und auf den langen interstellaren Reisen, die er in seinem Transportbehälter verbringt, gibt es auch wenig andere Unterhaltung.

Durch die posthumane Gesellschaft manövrieren

Letztendlich zwingt ihn aber doch die Langeweile aus seinem selbstgewählten Schneckenhaus heraus, und er möchte wenigstens in kleinen Teilen Klarheit über vergangene Missionen und über sehr ungute Seltsamkeiten bei einem aktuellen Auftrag erhalten.

Natürlich ist es genau dieser Wunsch, der die Lawine in Bewegung setzt, und wie sich der "Murderbot" durch die posthumane Gesellschaft manövriert, wie er andere Systeme hackt und manipuliert, wie er kämpft und an den Bedürfnissen seiner leicht verletzlichen, lächerlich dummen menschlichen Zeitgenossen verzweifelt, und wie diese menschlichen Zeitgenossen aus ihm etwas machen wollen, das er nicht sein will - nämlich ein Mensch - das ist schon sehr unterhaltsam zu lesen.

Es hält auch einige Lektionen bereit. Die Seriensucht des Murderbots ist kein nebensächliches Detail, sondern sagt mehr über die Gegenwart aus, als uns genehm sein sollte. "Netflix", so hieß es jüngst in der Wochenzeitung Jungle World , "Ist Fernsehen für das unternehmerische Selbst. Der souverän über die Produkte verfügende Konsument ist eine von der Kulturindustrie geschaffene und von den Cultural Studies reproduzierte Illusion und hat mit der Realität des Medienkonsums, den eigenen eingeschlossen, nichts zu tun."

Und genau das unternehmerische Selbst am untersten Ende der Skala führt Martha Wells mit ihrem Murderbot vor, der gerade in den stressigsten Momenten des Überlebenskampfs in seine Serienwelt abrauschen will, wenn auch nur für ein paar Nanosekunden. Wenn er die "Freiheit" ernst nehmen würde, die er sich erkämpft hat, wäre er schnell tot.

"Selbstverantwortung" ist nur ein anderes Wort für das notwendige totale Misstrauen und die gesellschaftlich steinhart verfestigte Gnadenlosigkeit. "Initiative" bedeutet, die eigenen Bordwaffen schneller abfeuern zu können als der Gegner.

Schon heute bewegen wir uns alle in einer Datensphäre, die uns wie ein unsichtbares Fluidum ständig umgibt, und wer sich konkret anschauen will, wie der Kampf großer und kleiner Fische in diesen Gewässern konkret ablaufen könnte, der findet bei Martha Wells eine Menge Anschauungsmaterial.

Multikulturalität unter Bedingungen galaktischer Expansion

Selbstverständlich sind die Murderbot-Diaries nur ein Beispiel für Science Fiction, die sich um einen Platz im Museum der Möglichkeiten bewirbt. Becky Chambers arbeitet weiter an ihrem Epos über die Multikulturalität unter den Bedingungen galaktischer Expansion, das Autoren-Duo unter dem Künstlernamen "James S.A. Corey" beackert mit der Expanse-Saga das gleiche Feld

Auch deutsche Autoren sind dabei: Leif Randt zum Beispiel, der in Planet Magnon die Schrecken der verwirklichten Utopie ausgeleuchtet hat. Andreas Eschbach beschäftigt sich in seinem aktuellen Roman "NSA - Nationales Sicherheitsamt" mit der Frage, was die Nazis mit Computern und dem Internet angestellt hätten.

Schon jetzt kann ich auf zwei Veranstaltungen im Jahr 2019 hinweisen, die den Stand der Science Fiction und ihre Belastbarkeit diskutieren wollen. Einmal meinen kommenden Vortrag "Widersprüche - Was kann Science Fiction heute leisten?" im Februar und der Kongress "Next Frontiers" (Website im Aufbau) im Juni.

Haben also die Konsumenten von Science Fiction-Medien in irgendeiner Weise einen Vorsprung? Wissen sie mehr, oder können sie sich wenigstens mehr vorstellen? Der Slogan "Fans are slans", der in den Vierzigern Science Fiction-Lesern eine ähnliche Überlegenheit andichten wollte wie den Übermenschen in A.E. van Vogts "Slan"-Roman war immer lächerlich.

Tatsache ist: Das Museum der Möglichkeiten steht allen offen. Alle können es besuchen, staunen, sich wundern, sich fürchten und ihre eigenen, möglichst gut informierten Konsequenzen ziehen. Das ist und bleibt die Macht der Science Fiction.

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