Haben Sie endlich weniger Mitleid mit Flüchtlingen!

Eine Kurzrezension konservativer Meinungen über Migration und Menschenrecht

Willkommenskultur für Flüchtlinge? Seien Sie nicht so naiv! In zwei Meinungsbeiträgen erklären uns Vertreter des konservativen Lagers, was es mit der massiv wachsenden Zuwanderung tatsächlich auf sich hat und wie damit umzugehen ist.

Die Texte im "Handelsblatt" und im Springer-Blatt "Die Welt" lesen sich lustig - wenn sie denn als Glossen gemeint wären. Sind sie aber nicht. Wolfram Weimer ("Bezeichnet sich selbst als wertkonservativ") und Henryk Broder ("Es ist unser Recht und unsere Pflicht, beim Schutz unserer Identität, unserer Kultur und unserer nationalen Souveränität vor der Islamisierung mitzuwirken") meinen es ernst, was sie schreiben. Sie bieten damit Einblick in ein Weltbild, in dem Wahn und Wahrheit ebenso verschwimmen wie Fakten und Verschwörungstheorien, echte Probleme und rassistische Vorurteile.

Beispiel Weimer. Der ehemalige Chefredakteur von Welt, Focus und Cicero versucht in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt, mit einer "naiven Politik der offenen Tore" abzurechnen. "Das totale Asylrecht war ein Freibrief für gutes Gewissen", so Weimer in seinem Text "weniger Herz, mehr Verstand". Offene Tore? Weimar, so scheint es, hat noch nie etwas vom Dublin-II-Abkommen gehört und von der Regelung der EU, nach der Flüchtlinge im ersten "sicheren" Land der EU bleiben müssen. In der Regel sind das Staaten wie Zypern, Griechenland, Italien. Das passt freilich schlecht ins Bild vom überfüllten Deutschland.

Dann wird es ganz wild beim Wertkonservativen: "Die Wahrheit ist, dass Deutschland mehr Flüchtlinge aufnimmt als die meisten anderen EU-Staaten zusammen." Das ist eine statistisch skurrile Behauptung, weil der klare Vergleichswert ("die meisten anderen EU-Staaten") fehlt. Tatsche ist: In Relation zur Gesamtbevölkerung nimmt Schweden die meisten Flüchtlinge auf.

Weimer ist das egal. Er hat sich in Rage geschrieben und packt nun die Verschwörungstheorien aus: Die Türkei fördert "die Massenflucht von Muslimen nach Europa aus politischem Kalkül" und auch Saudi-Arabien benutzt die Fluchtbewegungen als "Migrationswaffe". Das Ziel: die Zerstörung Deutschlands. Ganz ernsthaft, das stand gerade im "Handelsblatt".

Bei Weimer wie bei Broder werden Fakten und Probleme derart mit kruden Theorien vermengt, dass Chemtrail-Fans vor Neid die Tränen in die Augen steigen dürften. So weist Broder in der "Welt" durchaus zu Recht auf mögliche Probleme bei der Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt hin, der seit den Hartz-IV-Maßnahmen von einem Heer von Billigjobbern geflutet worden ist. Statt sich aber über Lösungen Gedanken zu machen, nimmt der Autor Ausländer und Humanisten, die helfen wollen, ins Visier.

"Wer nur Mitleid empfindet, hat keinen Verstand", schreibt Broder in beachtlicher Übereinstimmung mit Weimer, um dann vom Leder zu ziehen. Der Zustrom nach Deutschland habe eine Flüchtlingsindustrie geschaffen, weil der Bedarf an Zelten und Schlafsäcken gestiegen sei. Derweil würden jugendliche Flüchtlinge, wie könnte es anders sein, ihr Taschengeld in Prepaid-Karten und Zigaretten umsetzen.

Wie Weimer biegt sich Broder die Argumente zurecht. "Kein Mensch wird sich, nur um seine Fremdenfreundlichkeit zu demonstrieren, den Blinddarm oder die Mandeln von einem Arzt rausnehmen lassen, mit dem er sich nicht in einer Sprache unterhalten kann, die beiden geläufig ist", schreibt er über Ärzte aus Syrien. Offenbar war Broder noch nie in einem Krankenhaus der ostdeutschen Provinz. Dort wäre die Versorgung ohne ein Heer von Medizinern aus Afrika, aus arabischen Staaten und Südeuropa schon längst zusammengebrochen. Die Ärztekammern bauen seit geraumer Zeit Sprachausbildungs- und Fortbildungsprogramme aus.

Broder wäre nicht Broder, wenn er nicht am Ende in Demagogie verfallen würde, die vom rechten Rand stammen könnte:

Und weil all das nicht reicht, lassen die Medien immer öfter Migranten zu Wort kommen, die nicht dankbar, sondern enttäuscht sind. So habe er sich Deutschland nicht vorgestellt, klagte vor Kurzem ein Syrer bei der "Welt", der kein Wort Deutsch und nur sehr gebrochen Englisch sprach. Wie dann, ist man versucht zu fragen, wie dann? Ein Paradies, in dem Milch und Honig fließen, die Menschen ihr Geld im Schlaf verdienen und nur darauf warten, ihren Wohlstand mit Millionen von Flüchtlingen zu teilen?

Broder

Das Video ist daneben verlinkt. Der Mann spricht - offensichtlich traumatisiert - über die Trennung von seiner Familie. Er ist sein zehn Tagen in Deutschland und harrt auf einem Gelände des Berliner Landesamtes für Gesundheit und Soziales aus. Dort waren in der Sommerhitze hunderte Flüchtlinge gestrandet - ohne hinreichende Versorgung und Wasser. "Menschenunwürdige Bedingungen" hatten Behörden und Presse konstatiert. Nicht wegen des Mangels an Milch und Honig, sondern wegen des Mangels an Trinkwasser und Sanitäranlagen.

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