Haben Zeitungen in Konkurrenz mit Onlinemedien noch eine Zukunft?

Nach einer internationalen Umfrage sind die Zeitungsmacher überraschend optimistisch, aber sie verstehen sich zunehmend als Hersteller von News für unterschiedliche Kanäle

Ob Printmedien in Form von Tageszeitungen der Konkurrenz der Onlinemedien, die schneller und billiger produzieren können, langfristig standhalten können, ist umstritten. Schwerer werden sie es auf jeden Fall haben, möglicherweise wird das Printprodukt in Umkehrung der gegenwärtigen Situation zu einem Anhängsel der Online-Plattformen, die im gerade wieder einmal spürbaren Internetboom von allen Verlagen kräftig ausgebaut werden. Dass der "citizen journalism" die herkömmlichen Medien bedroht, ist vermutlich eine übertriebene Furcht bzw. Hoffnung, allerdings ist bereits bemerkbar, dass die Einbeziehung der Leser und die über scheinbar neutrale oder objektive Nachrichtendarstellung hinausgehende Berichterstattung mit kenntlichem oder auch persönlichem Standpunkten wichtiger wird.

Eine von Zogby International für das World Editors Forum und Reuters durchgeführte internationale Umfrage unter 435 Chefredakteuren und anderen leitenden Mitarbeitern von Tageszeitungen zeigt, dass diese zumindest überwiegend optimistisch sind, was die Zukunft der Tageszeitungen und damit auch die ihrer Jobs betrifft. Trotz der schnellen Veränderungen, die die Ausbreitung des Internet mit sich bringt, glauben 85 Prozent der Befragten, davon fast die Hälfte aus Europa, an die Weiterexistenz der Zeitungen. Sogar 80 Prozent derjenigen, die bei Zeitungen mit sinkender Auflage arbeiten, sind weiterhin optimistisch.

Das ist erstaunlich, wie auch Bertrand Pecquerie, der Direktor des World Editors Forum (WEF) findet, denn es wird gleichzeitig die Konkurrenz von den Online-Medien und den kostenlosen Zeitungen gesehen. 45 Prozent sind nämlich auch der Meinung, dass die wichtigste Plattform für Nachrichten die Online-Medien sein werden. 35 Prozent halten an der Überlegenheit des Printmediums fest. 10 Prozent können sich auch das Handy vorstellen, kaum einer eine Form der e-Zeitung. Für den Optimismus wird verantwortlich gemacht, dass die Zeitungsmacher den Erfolg in der Zukunft nicht direkt an der Zeitung als Printmedium binden, sondern die Herstellung von Nachrichten als zukunftssicheres Geschäft verstehen. Daher würden sich manche Zeitungen auch bereits in Medienunternehmen verwandeln, um diesem neuen Verständnis gerecht zu werden.

Online-Medien werden von 80 Prozent mittlerweile zumindest als wertvolle Ergänzung gesehen. Dabei stehen wenig überraschend die Redakteure von Zeitungen, deren Plattformen gut besucht werden, den neuen Medien positiver gegenüber. Selbst die kostenlosen Zeitungen werden nur von 29 Prozent als Bedrohung betrachtet (in Westeuropa allerdings von 42 Prozent), 34 Prozent sehen sie als willkommene Ergänzung, 28 Prozent als vernachlässigenswert. Auch der "Bürgerjournalismus" wird von 79 Prozent begrüßt, als Bedrohung wird er nur von 5 Prozent wahrgenommen. 48 Prozent sind sich noch sicher, dass die meisten Nachrichten im Print und online nur gegen Bezahlung gelesen werden können, 39 Prozent meinen, sie werden kostenlos sein. Im Hinblick auf die redaktionelle Unabhängigkeit wird vor allem der Einfluss von Werbung und Shareholders gefürchtet (54 Prozent), in Osteuropa und Afrika wird eher politischer Druck genannt.

Optimistisch sind die Zeitungsmacher, was die Qualität der Beiträge betrifft. Die Hälfte denkt, sie werde sich in den nächsten Jahren verbessern. Daran ließe sich freilich zweifeln, wozu auch 49 Prozent der Befragten neigen, zumal die Ausrichtung auf online oft mit Kosteneinsparung und höherem Zeitdruck verbunden ist. In Westeuropa ist man skeptischer, noch stärker in Osteuropa. Und bei den Zeitungen, deren Auflage vornehmlich als Folge der Online-Medien oder von kostenlosen Zeitungen gesunken ist, will man auch nicht so recht an die künftigen Verbesserungen der Qualität glauben.

Zweidrittel sind der Meinung, dass Kommentare und Analysen in den nächsten Jahren zunehmen werden. Interessanterweise sind die Befragten aus Westeuropa und Nordamerika weitaus mehr dieser Meinung als diejenigen aus Asien und Osteuropa. Hier dürfte einerseits aufgrund der Vergangenheit der Wunsch nach objektiven Nachrichten stärker sein, andererseits müssen sich in den härter umkämpften westeuropäischen und nordamerikanischen Märkten die Medien stärker unterscheiden und ein eigenständiges Profil gewinnen.

Positiv stehen sie der zunehmenden Interaktivität mit den Lesern gegenüber. 74 Prozent glauben, dass damit die journalistische Qualität verbessert wird. Allerdings setzt man dabei vor allem auf eine bessere Ausbildung der Journalisten – und auch auf die Einstellung von mehr Journalisten. Man habe verstanden, so Bertrand Pecquerie wohl ein wenig überschwänglich, wie man sich der Leserschaft des 21. Jahrhunderts anpassen und den Übergang vom Print zum Online-Journalismus ohne Minderung der redaktionellen Qualität vollziehen müsse: "Die Chefredakteure erkennen, dass der Inhalt mehr als jemals zuvor zählt und dass die Reduzierung der Ressourcen in den Nachrichtenredaktionen keine effiziente Lösung ist. Die Neugestaltung der Nachrichten wird mit den Journalisten, nicht auf Kosten von ihnen stattfinden." (Florian Rötzer)

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