Haben die Lockdown-Maßnahmen die Ausbreitung der Pandemie und die Zahl der Toten reduziert?

Bild: NIAID/CC BY-2.0

Wissenschaftler sagen ja, aber die Annahmen der kontrafaktischen Beweisführung können bezweifelt werden. Die Frage ist, ob die Wirkung überhaupt wissenschaftlichen bewiesen werden kann

Haben die Lockdowns tatsächlich die Coronavirus-Pandemie eingedämmt, wie Studien schon Anfang April sagten und Simulationen Millionen durch sie gerettete Menschenleben ergaben? Manche sehen trotz der weltweit bestätigten 7,7 Millionenen Infizierten und über 420.000 an oder mit Covid-19 Verstorbenen immer noch die Coronavirus-Pandemie als eine nicht schwer wiegende Infektionskrankheit mit der Folge, dass sie die massiven Maßnahmen der Kontaktbeschränkungen, Ausgehverbote und Schließungen auch angesichts der gesellschaftlichen wirtschaftlichen Folgen für überzogen halten (Vom Beginn einer Skepsis).

In Deutschland fiel die in ihrer Bedeutung weiterhin umstrittene Reproduktionszahl bereits vor dem Lockdown unter dem Eindruck der Bilder aus Italien und mit den ersten Einschränkungen für Großveranstaltungen am 9.3. bis zum 21.3 auf unter 1 (Die Corona-Wende in Deutschland). Die ab dem 23. März einsetzenden Lockdown-Maßnahmen könnten den Wiederanstieg verhindert und/oder das Zurückgehen der Pandemie beschleunigt haben. Offen bleibt, ob die Infektionsrate auch ohne die einschneidenden Verbote zurückgegangen wäre.

Während die Pandemie zumindest vorerst in Asien und Europa am Abklingen scheint, vielleicht mit der Ausnahme von Schweden und Großbritannien, ist in den USA und in Lateinamerika noch kein Ende abzusehen. Dennoch sind die Vertreter harter Lockdown-Maßnahmen unter Rechtfertigungsdruck, da nun nach und nach die wirtschaftlichen Folgen der primär gesundheitspolitisch erfolgten Entscheidungen deutlicher werden. Lässt sich nachweisen, dass die Notstandsmaßnahmen erfolgreich waren bzw. welche dies gewesen sein könnten? Steffen Roth, Michael Grothe-Hammer und Lars Clausen hatten in Telepolis auch auf eine von der WHO veröffentlichten Überblicksstudie aus dem Jahr 2019 aufmerksam gemacht, nach der sich kaum Belege für die Wirksamkeit von Eindämmungsmaßnahmen finden lassen.

Was wäre geschehen, wenn die Lockdown-Maßnahmen nicht verhängt worden wären?

Man kann die Frage, ob die Lockdown-Maßnahmen effektiv waren, auch andersherum stellen: Was wäre geschehen, wenn sie nicht verhängt worden wären? Eine am 8. Juni veröffentlichte Studie des Global Policy Laboratory an der University of California in Berkeley suchte die Auswirkung von 1717 lokal, regional und national in China, Südkorea, Italien, Iran und den USA beschlossenen Kontakreduzierungsmaßnahmen auf die Covid-19-Fallzahlen zu berechnen. Zu den Maßnahmen gehörten etwa Schulschließungen, Veranstaltungsverbote, Kirchenschließungen, Ausgangssperren oder Reiseverbote. Die Studie ist in Nature erschienen.

Vor den Maßnahmen hätten Covid-19-Infektionen exponentiell um durchschnittlich täglich 43 Prozent zugenommen (in den USA 34 Prozent, im Iran 68 Prozent). Die Maßnahmen seien nach den Berechnungen insgesamt als Paket erfolgreich gewesen, schließen die Wissenschaftler, auch wenn einzelne Maßnahme bei verschiedenen Bevölkerungen unterschiedlich wirken. Dabei berechneten sie den Verlauf ohne Maßnahmen und verglichen diesen mit dem täglichen Verlauf mit den Maßnahmen. Die Differenz ergibt die Zahl der Menschen, die ohne Maßnahmen zusätzlich infiziert worden wären..

Ohne die Maßnahmen hätten sich die Infektionen in den USA alle zwei Tage zwischen dem 3. März und dem 6. April verdoppelt, womit die Zahl der Infizierten auf 60 Millionen angewachsen wäre, davon 4,8 Millionen bestätigte Infektionen. Jetzt sind es in den USA 2,1 Millionen bestätigte Infektionen. In China wären es ohne die verhängten Maßnahmen zwischen 16. Januar und 5. März um 285 Millionen mehr Infizierte und 37 Millionen mehr bestätigte Infizierte geworden. Bislang wurden 83.000 Infizierte bestätigte. In China sind nur drei Lockdown-Maßnahmen in 116 Städten über 7 Wochen verhängt worden, weswegen sich hier am besten die Wirkung empirisch nachweisen lasse. In der ersten Woche sei die Wachstumsrate der Infektionen um -0,026, in der zweiten Woche um -0,20 und in der dritten Woche um -0,28 verringert worden. Durchschnittlich sei die Zahl der Neuinfektionen in allen sechs Ländern um -0,252 täglich zurückgegangen, in den USA nur um 0,084.

Die Wissenschaftler verweisen darauf, dass der geschätzte Einfluss der Maßnahmen geringer sein könnte, wenn die Menschen selbst ihr Verhalten aufgrund der Warnungen verändert hätten. Insgesamt stehen die Schätzungen auf unsicherem Boden, da nur angenommen werden kann, dass ohne verhängte Maßnahmen das Wachstum zumindest zu Beginn konstant exponentiell weiter gegangen wäre. Wie groß die Dunkelziffer der Infektionen ist, ist nur eine Mutmaßung, während die Zahl der bestätigten Neuinfektionen auch von der Zahl der Tests abhängt. Überdies wurde angenommen, dass der Zeitpunkt der politisch beschlossenen Maßnahmen unabhängig vom Wachstum der Infektionsrate ist. Das werde von der epidemiologischen Theorie und der Empirie unterstützt. Je früher Maßnahmen verhängt werden, desto wirksamer sind sie.

Wissenschaftler müssen ihre Prognosen verteidigen

Wissenschaftler der Columbia University hatten in einer Studie, die Ende Mai veröffentlicht wurde, die Auswirkung der "nicht-pharmazeutischen Maßnahmen" in den USA abgeschätzt und neben den berichteten Fallzahlen und Todesfällen auch Mobilitätsdaten einbezogen. In den Städten haben nach der Studie die Maßnahmen signifikante Verringerungen der Reproduktionszahlen mit sich gebracht. Und wenn die Maßnahmen ein bis zwei Wochen früher eingeführt worden wären, hätten 61,6 Prozent der Infektionen bis zum 3. Mai und 55 Prozent der Todesfälle vermieden werden können. Das wären 645.000 Infektionen und 36.000 Todesfälle.

Auch am vergangenen Montag wurde die Studie von Wissenschaftlern des Imperial College London über die Auswirkungen der Lockdown-Maßnahmen in Nature veröffentlicht. Simulationen der Wissenschaftler vom Imperial College London haben im März vermutlich die britische Regierung mit beeinflusst, das Konzept der Herdenimmnität aufzugeben und doch auf Verbote zu setzen. Ohne Kontrollmaßnahmen würden in den den nächsten Monaten 80 Prozent der Bevölkerung infiziert, über eine halbe Million würde sterben. Das wollte man doch nicht riskieren.

Jetzt stehen die Wissenschaftler natürlich unter Druck, die Maßnahmen mit den schwer wiegenden Nebenwirkungen zu rechtfertigen. Und das liefern sie auch. Zuerst hatten sie Ende März versucht zu belegen, dass die Maßnahmen in europäischen Staaten Zehntausende von Todesfällen verhindert hätten. Jetzt behaupten sie, dass die im März verhängten Maßnahmen bis 4. Mai in nur 11 europäischen Ländern 11 Millionen Todesfälle vermieden hätten.

In Deutschland, wo nur 0,85 Prozent der Menschen infiziert sein sollen, seien dadurch 560.000 Menschen weniger gestorben, in Italien 690.000 (mit einer Infektionsrate von 4,6%) und in Frankreich 690.000. In den 11 Staaten seien bis Anfang Mai zwischen 3,2 und 4 Prozent der Bevölkerung infiziert worden, also zwischen 12 und 15 Millionen, weit entfernt von einer Herdenimmunität. "Große Reduktionen in der Reproduktionszahl" seien eine Folge der "kombinierten nicht-pharmazeutischen Interventionen", sagen die Wissenschaftler.

Die Beweisgänge müssen kontrafaktisch und auf der Grundlage von Annahmen erfolgen, die nicht konkret belegt werden können. Es ist damit zu rechnen, dass der Streit über die Berechtigung oder Angemessenheit der Lockdown-Maßnahmen andauern wird, was für die Regierung dramatisch werden könnte, wenn die wirtschaftlichen Folgen durchschlagen. Die Lockdown-Maßnahmen wurden aufgrund von wissenschaftlichem Rat beschlossen, es war oder ist ein Experiment, da nicht von Beginn an klar war, wie gefährlich Covid-19 wirklich ist. Die Folgen können nicht nur die Glaubwürdigkeit von Regierungen untergraben, sondern auch die der Wissenschaft. Und jenseits der Wissenschaft, die nur falsifizierbare Erkenntnisse anbieten kann, haben moderne Gesellschaften keine Instanzen für unabhängige Erkenntnisse. Wenn die Wissenschaft in Misskredit fällt, werden Ideologien oder andere Glaubenssysteme an deren Stelle treten, was sowieso schon mehr und mehr der Fall ist. (Florian Rötzer)