Habibi.Works: Ein Schatz für Geflüchtete in Nordgriechenland

Das Küchenteam in der Habibi.Kitchen. Bild: P. Oehler

Zur Flüchtlingssituation in Griechenland und Deutschland

Anfangs war es der Name, über den ich gestolpert bin: Habibi.Works, ein Flüchtlingsprojekt in der Nähe von Ioánnina. Später erfuhr ich, dass das Wort "Habibi" aus dem Arabischen kommt und so viel wie Schatz oder Liebling bedeutet. Und erst dann wurde mir bewusst, dass im Nordwesten Griechenlands auch reichlich Flüchtlinge leben. In der Region Epirus sind es zirka 3.000 Flüchtlinge. Und so reifte in mir der Entschluss, auf meiner diesjährigen Griechenlandreise auch einige Zeit in dieser Region zu verbringen. Das Flüchtlingscamp Katsikas liegt am Rande von Katsikas, einer Stadt, sechs Kilometer von Ioánnina entfernt, in einer Anordnung von überwiegend grauen, alten Hangars. Dieses ehemalige Militärlager hat immer noch den Status eines Militärgebiets. Dieses Flüchtlingscamp mit zirka 900 Flüchtlingen wird vom ASB im Auftrag des griechischen Staats geleitet, mit Unterstützung des UNHCR.

In unmittelbarer Nähe zum Flüchtlingscamp Katsikas, nämlich auf der gegenüberliegenden Seite der Landstraße, befindet sich in einer ehemaligen Lagerhalle Habibi.Works, ein Flüchtlingsprojekt des deutschen Vereins "Soup & Socks". Es versteht sich nach eigenen Angaben als interkultureller "Makerspace". Es stellt den Flüchtlingen (aber auch lokalen Griechen) eine Plattform für Bildung, Empowerment und Begegnungen zur Verfügung, da sie ansonsten kaum Zugriff auf Bildung, psychologische Betreuung, den Arbeitsmarkt, würdevolle Lebensbedingungen oder die griechische Gesellschaft haben.

Das Hauptgebäude (ehemalige Lagerhalle) von Habibi.Works. Bild: P. Oehler

Mittels verschiedener Workshops sollen ihnen Perspektiven geschaffen werden. Zum Beispiel gibt es eine Holzwerkstatt, eine metallverarbeitende Werkstatt, eine Schneiderei, eine Fahrradwerkstatt, ein Media Lab mit IT-Bereich, 3D-Drucker und Laser-Cutter sowie einen im Freien gelegenen umzäunten Bereich für Gymnastik. Hier begegnet man den Flüchtlingen auf Augenhöhe. Denn man möchte in ihnen nicht hilflose Opfer sehen, sondern ihre Talente und Expertisen erkennen und fördern. Bildung und Betätigung - etwas selber tun - stehen also im Vordergrund. Zusätzlich gibt es ein gemeinsames Mittagessen für die zirka 60 bis teilweise 100 Gäste, die an fünf Tagen in der Woche kommen. Es wird in der Habibi.Kitchen von einigen Freiwilligen und Flüchtlingen gemeinsam gekocht.

Habibi.Works sieht sich als lebendiges Beispiel für Werte wie Respekt, Solidarität und Gleichheit, die man gerne in der ganzen Gesellschaft gelebt sehen möchte. Habibi.Works wird überwiegend von jüngeren Menschen auf freiwilliger Basis betrieben, zum einen Langzeit-Freiwillige, die stellenweise schon über Jahre hier in Vollzeit arbeiten, zum anderen Kurzzeit-Freiwillige für drei Wochen und mehr. Dabei ist es allen Beteiligten wichtig, dass Habibi.Works unabhängig ist von allen staatlichen Geldern, sich deshalb nur über Spenden finanziert.

Sechzig Kilometer südlich von Ioánnina gibt es ein weiteres Flüchtlingscamp: Filippiada in der Nähe von Arta, mit zirka 300 Flüchtlingen. Da es dort keine entsprechenden Angebote gibt, werden interessierte Flüchtlinge zweimal die Woche mit Bussen zu Habibi.Works gefahren.

Flüchtlinge beim Mittagessen in Habibi.Works. Bild: P. Oehler

In Habibi.Works habe ich zwei Wochen lang einen Repair (Café) Workshop angeboten. Also die gemeinsame Reparatur von kaputten Elektro- und Elektronikgeräten. Die Resonanz bei den Flüchtlingen war sehr gut. Ich war trotzdem überrascht, dass es sich bei den kaputten Geräten fast ausschließlich um Smartphones und deren Zubehör gehandelt hat. Aber das liegt auf der Hand, da Geflüchtete in Massenunterkünften keinen eigenen Hausstand besitzen. Manches konnten wir reparieren, aber vieles auch nicht, da die Ersatzteilbeschaffung schwierig war (Displays und µ-USB-Buchsen vor allem). Obwohl ich ja anfangs fremd für die Flüchtlinge gewesen bin, haben viele von ihnen mit mir das Gespräch gesucht (meist in gebrochenem Englisch). Und mir ist erst nach und nach klar geworden, dass dieser persönliche Austausch sogar wichtiger ist als ein repariertes Handy.

Im Gespräch mit den zahlreichen Flüchtlingen konnte ich "live" nachvollziehen, was sich gerade in Griechenland bezüglich Flüchtlingsströmen abspielt. Dass nämlich die wieder verstärkte Ankunft von Flüchtlingen auf den ostägäischen Inseln diesen Sommer dazu geführt hat, dass auch vermehrt Flüchtlinge von dort aufs Festland von Griechenland gebracht werden (mussten). Anders als bei den im Mittelmeer zwischen Libyen und Italien aufgegriffenen Flüchtlingsbooten, denen die Einfahrt in italienische oder maltesische Häfen verweigert wurde, was zu einer Diskussion über die Verteilung der betroffenen Flüchtlinge auf ganz Europa geführt hat, wird Griechenland mit "seinen" Flüchtlingen doch von der EU ziemlich alleine gelassen.

Ein Flüchtling wässert im Gemüsegarten von Habibi.Works. Bild: P. Oehler

Bleibeperspektive ist in Griechenland sehr gering

Ich habe dabei fast ausschließlich mit Afghanen gesprochen. Und von denen war fast jeder für gewisse Zeit in dem Hotspot Moria auf Lesbos untergebracht gewesen. Viele waren erst seit zehn Tagen oder einem Monat von Lesbos hierher gebracht worden. Mir wurde berichtet von Verwandten, die von den Taliban umgebracht worden sind. Das hat dazu geführt, dass eine ganze afghanische Familie in den Iran geflüchtet ist. Aber der Iran ist schlecht für Afghanen. Denn sie dürfen weder ein Haus, noch ein Auto kaufen. Das wurde mir von einem anderen Afghanen bestätigt: Sie dürften dort noch nicht einmal eine SIM-Karte kaufen. Sie bräuchten dafür einen Iraner als Mittelsmann. Und so ist es nicht verwunderlich, dass sich viele der Afghanen, die zunächst nur in den Iran geflüchtet sind, weiterziehen über die Türkei nach Griechenland, Europa.

Öfter habe ich von den Flüchtlingen gehört, dass Griechenland zwar ein wunderschönes Land sei. Aber nur für die Touristen, um hier Urlaub zu machen, mit der vielen Sonne und den langen Sommern. Da es aber kaum Arbeit gibt - selbst für die Griechen nicht -, ist es für sie absolut unattraktiv, hier zu leben, hier zu bleiben. Deswegen lernt hier auch so gut wie kein Flüchtling Griechisch. Englischkurse sind dagegen begehrt, aber es werden gar nicht so viele Kurse hierfür angeboten. Wunschländer sind neben Deutschland auch Frankreich oder andere Länder im Norden.

Da ich auch seit Jahren in Frankfurt am Main in der Flüchtlingshilfe tätig bin, konnte ich des Weiteren sehr schön die ganz unterschiedlichen Perspektiven wahrnehmen, die Flüchtlinge in Griechenland oder eben in Deutschland haben, was einen maßgebliche Einfluss auf deren Integration hat. In beiden Ländern werden die Flüchtlinge immer möglichst peripher untergebracht bzw. "abgelagert", gerne auch in die Schmuddelecken einer Stadt, in gammelige Gewerbegebiete oder an verwahrloste Stadtränder. Das erschwert es nicht nur den Flüchtlingen, am sozialen und kulturellen Leben einer Stadt, einer Region teilzunehmen, sondern auch deren Integration. Denn sie sind im Stadtbild, im Zentrum einer Stadt, nur selten sichtbar: Kontakte unerwünscht!

Der Wunsch, sich zu integrieren, wird aber maßgeblich durch die Bleibeperspektive geprägt. Und die ist in Griechenland bei den Flüchtlingen äußerst gering. Bezüglich der Idee, Flüchtlinge mittels Fahrrädern mobiler zu machen, gibt es große Unterschiede zwischen beiden Ländern. In Deutschland ist es nach wie vor (und das seit der "Willkommenskultur" im Herbst 2015) üblich, dass diverse Flüchtlingsprojekte von der Bevölkerung gespendete Fahrräder reparieren und verkehrstüchtig machen, um sie dann an Flüchtlinge zu verschenken. Bei Habibi.Works können zwar Flüchtlinge mit ihren kaputten Fahrrädern kommen, um ihnen bei der Reparatur zu helfen. Aber ansonsten werden Fahrräder nur an sie verliehen.

Während in Deutschland das Bemühen besteht, insbesondere jüngere Flüchtlinge über eine Einstiegsqualifizierung bzw. ein Praktikum in eine Ausbildung zu bekommen, wird bei NGOs in Griechenland eher diskutiert, wie man Flüchtlinge unterstützen kann, sich selbständig zu machen. NGOs könnten dabei als Arbeitgeber auftreten, um Geflüchtete als Subunternehmer mit ihren kleinen Geschäften wie eine Bäckerei zu beschäftigen und zu bezahlen. Eine durchaus kritische Idee, da Flüchtlings-NGOs "non Profit" arbeiten: Das passt nicht recht zusammen. Auch stellt sich die Frage, ob man auf solche Weise mit viel Aufwand wenigen Flüchtlingen auf die Beine hilft, oder ob es nicht besser sei, wie gehabt viele Flüchtlinge ein wenig zu unterstützen.

Seit der Flüchtlingskrise in 2015 habe ich schätzungsweise mit zirka 200 Flüchtlingen gesprochen, und zwar sowohl in Deutschland, als auch in Griechenland. Ich stelle mir die Frage, wie viele Deutsche sich denn wenigstens mit einem einzigen Flüchtling mal unterhalten haben? Ob es dazu Untersuchungen gibt? Denn meine Vermutung ist, dass der überwiegende Teil der "schweigenden" Bevölkerung bisher keinerlei Kontakte zu Flüchtlingen gehabt hat, und sie auch nicht suchen. Aber auch das ist ein wichtiger Teil von Integration, denn das ist keine einseitige Angelegenheit.

(Peter Oehler)