Hacker leben nicht gefährlich

Der Hacker Tron, eine Einstweilige Verfügung gegen Wikipedia und die Verschwörungstheorien um seinen Tod

Der Hacker Boris F. alias "Tron" findet auch sieben Jahre nach seinem Tod am 17. Oktober 1998 keine Ruhe. Ein Amtsgericht in Berlin hat jetzt im Auftrag seiner Eltern eine Einstweilige Verfügung gegen Wikipedia durchgesetzt: Sein Realname soll nicht mehr genannt werden dürfen. Das Reizwort "Tron" ist immer noch für zahlreiche Flamewars im Internet gut. Das Thema und die Person haben ein virtuelles Eigenleben entwickelt, das mit der Realität nur noch marginal zu tun hat.

Das Amtsgericht Berlin, das sich Anfang Dezember mit dem Fall befasste, scheiterte zunächst an der Frage, wem man eine deutsche Verfügung gegen Wikipedia zustellen könnte. Unter dem Geschäftszeichen 209C 1015/05 erließ es am 14.12.2005 eine Einstweilige Verfügung "gegen die Wikimedia Foundation Inc, 200 2nd Ave. South 258, 33701-4312 St. Petersburg, Russische Föderation" - wegen besonderer Dringlichkeit ohne mündliche Verhandlung.

Der Antragsgegnerin wird untersagt, "den bürgerlichen Namen des Sohnes der Antragssteller“ Boris F. unter der Domain wikipedia.org vorzuhalten bzw. vorhalten zu lassen." Fünf Tage später wurde der Beschluss korrigiert: Jetzt wurde Wikimedia laut Beschluss durch "Herrn Jimmy Wales" vertreten, der in "St. Pertersburg" (sic), Florida, Vereinigte Staaten von Amerika" ansässig sei. Die Antragsteller, die Eltern des Verstorbenen, könnten auch in Berlin-Charlottenburg die betreffende Website aufrufen; deshalb und auch für Namensangelegenheiten sei das Amtsgericht zuständig. Man beruft sich auf § 1004 des BGB sowie auf ein Urteil des Bundesgerichtshofes.

Interessant ist, dass sich die Verfügung nicht dezidiert gegen die deutsche Version des Wikipedia-Artikels richtet. Man kann davon ausgehen, dass der Beschluss ohnehin nie zugestellt werden und daher auch nie rechtskräftig werden wird. Jan Schlüschen, ein auf Internet- und Urheberrecht spezialisierter Anwalt in Berlin, kommentiert lapidar: "Ich vermute, dass in den USA keine deutschen Ordnungsgelder oder Ordnungshaft vollzogen werden können." Der Verfahrenswert wurde auf nur 1.000 Euro festgesetzt. Es ist offenbar nicht ernsthaft beabsichtigt, Wikipedia zu verklagen, zumal das Landgericht Berlin eine eigene Pressekammer hat - die aber nicht angerufen wurde. Friedrich Kurz, der von Trons Eltern beauftragte Anwalt, will zu dem Fall nichts sagen, redet aber vage von einer "Strategie", die man verfolge.

Anlass der juristischen Aktion eines deutschen Amtsgerichts gegen die "Wikipedia Foundation" war vermutlich das Erscheinen des Buches Offenbarung 23 im Lübbe-Verlag. Das Werk ist pure Fiktion und hat mit dem Hacker Tron so gut wie nichts zu tun. Nur die Anzahl und das intellektuelle Niveau der dort verbreiteten Verschwörungstheorien sind vergleichbar. Dennoch wird der Romanheld mit Trons Realnamen genannt. Der Autor "Jan Gaspard" ist ein Pseudonym, und das sei, wie man bei Lübbe unumwunden zugibt, "Teil der Vermarktungsstrategie." Barbara Dietz von der Rechtsabteilung der Verlagsgruppe Lübbe, auch Mitglied der Arbeitsgruppe Piraterie des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, weiß nur von einer Unterlassungserklärung wegen der Namensnennung, die die Eltern Trons verlangt hätten. Die habe man aber nicht unterzeichnet, das Buch sei ohnehin ausgeliefert worden.

Schon im Jahr 2000 postete der Anwalt Günter Frhr. v. Gravenreuth in der Newsgroup de.org.ccc die Nachricht: "Von einem Ivo Floricic (Berlin) wurde "Tron" als Marke u.a. für 'Erstellen von Programmen für die Datenverarbeitung' angemeldet und vor wenigen Wochen vom DPMA eingetragen." Der Vater des Toten hat also schon damals versucht zu verhindern, dass jemand aus dem Pseudonym seines Sohnes Kapital schlagen könnte. Das ist aber gescheitert: "Tron" ist zu allgemein und wird ohnehin im Ausland mehr mit dem gleichnamigen Film aus dem Jahr 1982 in Verbindung gebracht als mit einem deutschen Hacker. Auch die Linux-Software Tron und Tron Killer App existieren noch.

Ob "Tron" heute eine absolute Person der Zeitgeschichte ist - und unter seinem Pseudonym oder unter seinem realen Namen, können letztlich nur die Gerichte entscheiden. Wer heute nach "Tron" im Internet sucht, findet seinen Realnamen weltweit und sofort, auch in allen falschen Schreibweisen: Zum Beispiel in Netkwesties, einem niederländischen Online-Magazin, auf ZDNet.com, im britischen Guardian, auf kanadischen Websites oder in der Computerwoche.

Der Versuch seitens der Eltern Trons, juristisch gegen Wikipedia vorzugehen, erreicht sicher nur das Gegenteil dessen, was beabsichtigt war - die Öffentlichkeit wird wieder auf das Thema aufmerksam. Die angeblichen Gründe, die Eltern befürchteten "finanzielle Einbußen", können nicht überzeugen. Ein Urteil, das die "Wikipedia Foundation" zwänge, wie in der Einstweiligen Verfügung verlangt, "innerhalb von zwei Wochen (...) einen Zustellungsbevollmächtigten" zu benennen, "der im Inland wohnt oder dort einen Geschäftsraum hat", hätte aber eine Signalwirkung und weckte weitere Begehrlichkeiten. Der Edit-War auf Wikipedia dient aber nicht den eventuell berechtigten Interessen der Angehörigen, sondern nur der Lobbyarbeit für Verschwörungstheorien.

Der "Chaos Computer Club" hat sich bis heute offiziell nicht von den Thesen seines Pressesprechers Andreas Müller-Maguhn distanziert, die trotz der Faktenlage von einem Mord ausgehen (Auch beim diesjährigen Chaos Communication Congress spukt Tron weiter). Müller-Maguhn suggeriert in den Diskussionsbeiträgen, er handelte im Auftrag der Eltern Trons. Das darf getrost bezweifelt werden. Bis vor kurzem stand ohnehin der Name auf dem Deckblatt seiner Diplomarbeit, die der Chaos Computer Club hostete. Warum man jetzt plötzlich den Namen nicht mehr genannt haben will, entzieht sich einem rationalen Urteil.

Auch nach sechs Jahren angeblicher Recherche gibt es weder potentielle Täter, geschweige denn irgendwelche Motive, die für etwas anders als einen Freitod Trons sprächen. Der rechtsmedizinische Befund lässt rein theoretisch nur die Möglichkeit zu, dass Boris F. höchst professionell ermordet wurde, ohne Spuren zu hinterlassen, die bei einer Obduktion hätten auffallen können, anschließend mehrere Tage gekühlt aufbewahrt wurde, um dann, zur Vortäuschung eines Suizids, an einen Baum gehängt wurde, auch wiederum, ohne gesehen zu werden.

Aber es ist keine Theorie abstrus genug, als dass sie nicht schon in diesem Fall vertreten worden wäre. Die Gründe für einen vorgeblichen Mord, die immer wieder vom Betreiber der Website tronland.org angeführt wurde, haben sich bisher ausnahmslos als heiße Luft entpuppt. Nur Suizid ist möglich, wenn man die Fakten ernst nimmt. Aber einige Lobbyisten des geheimnisvollen Geraunes haben sich öffentlich zu weit vorgewagt, als dass sie einen Rückzieher machen könnten, ohne das Gesicht zu verlieren.

Über die wahren Hintergründe von Verschwörungstheorien zu berichten und sie zu zertrümmern, falls sie auf falschen Annahmen beruhen, ist nicht nur Aufgabe der Wissenschaft, sondern auch der Medien. Im Fall Tron haben die meisten deutschen Medien versagt, weil sie sich auf Verlautbarungsjournalismus beschränkten. Daher hat die Öffentlichkeit immer noch den Anspruch und das Recht, sich zu informieren. Genau das bestätigt das Amtgericht in Berlin: Der Tenor der Verfügung sei beschränkt worden. Die Antragssteller hätten "keinesfalls, wie von ihnen angenommen, einen Anspruch auf Unterlassung der generellen Berichterstattung über ihren Sohn". Allein der Umfang des Eintrags in Wikipedia beweise das. Hacker leben nicht gefährlich - nur im Film und im Mythos, aber nicht in der Realität.

Burkhard Schröder ist Chefredakteur der Medienmagazins Berliner Journalisten.

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