Hähnchenflügelknappheit in der Mega-Botschaft

Großes Downsizing in der gigantischen US-Botschaft im Irak und die Frage, was die Amerikaner im Irak erreicht haben

Neulich im Irak, Bagdad, Botschaft der USA: Der Chicken-Wings-Nachschub funktioniert nicht mehr und die Flügelchen wurden auf sechs pro Person rationiert und das zur das zur Chicken-Wings-Night! Das Buffet war schnell leer und ist nie mehr richtig voll, Kaffee musste ungesüßt, ohne Zucker oder Süßstoff getrunken werden.

Seit Abzug der US-Truppen stockt die Lebensmittelversorgung für die 750 Millionen teure amerikanische Botschaft in Bagdad. Die Konvois aus Kuweit haben keinen Truppen-Begleitschutz mehr und verspäten sich, weil sie nun die Erfahrung machen, dass der arabische Grenzverkehr in großem Stil betreibt, was hierzulande zum Life-Style-Zauberwort geworden ist: Entschleunigung. Man sei aufgefordert, plötzlich eine Menge an Papieren vorzulegen, ganz anders als gewohnt. Das Resultat: Frust über irakischen "obstructionism", wie in der New Times zu lesen ist.

Dort erfährt man die größere Geschichte zur Hähnchenflügelknappheit - den Niedergang eines großen Symbols abgehobener Neocon-Machtträume: Das Personal der riesigen Botschaft wird abgebaut, deutlich, etwa die Hälfte soll den einstigen Prestigebau verlassen: "a sharp sign of declining American influence in the country", schreibt die Zeitung. Dabei darf man nicht vergessen, dass die Anzahl der Embassy-Insassen beträchtlich ist, "bigger than life" sozusagen: Auf 16.000 soll sie mittlerweile angeschwollen sein. Zum Vergleich: Die Türkei, der wichtigste Handelspartner Iraks, unterhält 55 Personen in ihrer Vertretung, die Anzahl der Diplomaten soll im einstelligen Bereich liegen.

Bei der amerikanischen Botschaft sollen es etwa 2.000 Diplomaten sein; der Rest sind "private Contractors". Was die privaten und staatlichen Botschaftsmitarbeiter im Irak genau machen, wird im Bericht nicht erwähnt, nur dass ihnen allen ein beträchliches Downsizing ins Haus steht, wie der Sprecher der Botschaft Michael W. McClellan in einer Stellungnahme ankündigte:

Over the last year and continuing this year the Department of State and the Embassy in Baghdad have been considering ways to appropriately reduce the size of the U.S. mission in Iraq, primarily by decreasing the number of contractors needed to support the embassy’s operations.

Etwa um die Hälfte soll die Bewohnerschaft der unternehmerischen Vertragspartner abgebaut werden und auch das Diplomatencorps sei Gegenstand einer angemessenen Regulierung, heißt es in dem Zeitungsbericht. Dabei habe man im letzten Jahr noch "aufgebaut" und nun der jähe Richtungswechsel. Um den Abbau in einem größeren Kontext einzuordnen, kann man sich kurz in Erinnerung rufen, was an dieser Stelle 2006 zum Bau der "größten Botschaft der Welt" geschrieben wurde (Die Mega-Botschaft im Feindesland):

Vorgesehen hatte die US-Regierung erst einmal 1,3 Milliarden US-Dollar für den Bau der neuen Botschaft im Irak. Das war selbst dem amerikanischen Kongress zuviel, der die Gelder für das größte und vor allem sicherste US-Botschaftsgebäude auf "nur" noch 592 Millionen Dollar zusammenstrich. Gleichwohl wird die Mega-Botschaft - ob gewollt oder nicht - neben den großen permanenten Militärstützpunkten (...) zu einem symbolischen Monument für den Irak-Krieg, die anschließende Besatzung und die Dominotheorie für den Mittleren Osten werden.

Errichtet wird die größte Botschaft der Welt seit Mitte 2004 in Bagdads Hochsicherheitsgebiet, der Green Zone, am Tigris. Errichtet wird sie auf 42 Hektar Grund, sechs Mal größer als die Fläche, die die UN-Gebäude in New York einnehmen.

Interessant ist der Abzug großer Teile der Botschaftsbewohner nicht nur, weil sich daran, wie der Zeitungsbericht anhand von Beispielen dokumentiert, zeigt, wie Souveränitätsansprüche auf irakischer Seite mit amerikanischen Ansprüchen kollidieren, die aus einer Gewohnheit heraus als selbstverständlich empfunden werden. Dass man etwa vom Papierkram verschont bleibt und keine Genehmigung braucht.

Interessant ist vielmehr noch ein anderes Phänomen, das dabei zur Sprache kommt, das über die Jahre hinweg auch irgendwie als selbstverständlich für die Situation der Amerikaner im Irak genommen wird, aber doch eigentlich ein Phänomen von einer entlarvenden Symbolkraft ist. Es steckt in diesem Satz des New-York-Times-Berichts:

The Americans have been frustrated by what they see as Iraqi obstructionism and are now largely confined to the embassy because of security concerns, unable to interact enough with ordinary Iraqis to justify the $6 billion annual price tag.

Die Botschaftsbewohner sind abgeschottet, sie sind mehr oder weniger Insassen einer Schutzenklave, die mit gewöhnlichen Irakern nur das Nötigste zu tun haben, aus Angst um ihre Sicherheit. Neun Jahre nach der Befreiung des Iraks von der Tyrannenherrschaft müssen sich Angehörige der Befreiernation weiterhin fürchten, wenn sie sich ins offene Gelände begeben:

Americans are also still being shot at regularly in Iraq.

Warum das in Einzelfällen so ist, erläutert der nachstehende Satz im Bericht:

At the Kirkuk airport, an Office of Security Cooperation, which handles weapons sales to the Iraqis and where a number of diplomats work, is frequently attacked by rockets fired by, officials believe, members of Men of the Army of Al Naqshbandi Order, a Sunni insurgent group.

Von diesem Fall darauf zu schließen, dass sämtliche Botschaftsangehörige in dubiosen Geschäften und Drahtziehereien verwickelt sind, wäre wahrscheinlich überzogen. Doch lässt sich daran einiges Misstrauen ablesen - Wie viele Amerikaner können sich frei und ohne Furcht in Bagdad bewegen?

Dass das Misstrauen gegenüber den Aktivitäten der Amerikaner in ihren Enklaven gut begründet sein kann, zeigt sich übrigens in einem ganz anderen Fall. So wird nun die Militärbasis Camp Liberty für Mitglieder der Volksmudschahedin (Mujahedeen e-Khalq - MEK) geöffnet.

Die Gruppe wird von Iran als staatsfeindliche Terrorgruppe bezeichnet und ist ein umworbenes "Tool" der Neocons im Kalten Krieg gegen Iran. Die irakische Regierung, bemüht um ein gutes Verhältnis mit Iran und unter ziemlichen Druck, versucht seit Jahren die Gruppe vom Camp Ashraf zu vertreiben und außer Landes zu schaffen, die Amerikaner nehmen sie auf, auf irakischem Gebiet.

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