Hätte Al Gore doch die Präsidentschaftswahl gewonnen?

Ein Verbund wichtiger US-Medien hält die von ihm in Auftrag gegebene Nachzählung von 180.000 Stimmen zurück, die angesichts des knappen Ergebnisses wahlentscheidend hätten sein können

Höchst umstritten blieb es, ob George W. Bush im November des letzten Jahres tatsächlich die Präsidentschaftswahlen gewonnen hatte. Zumindest ging die Wahl zwischen Al Gore und Bush mit einigen wenigen Hundert Stimmen ziemlich knapp aus. Anfang Dezember entschied schließlich der Oberste Gerichtshof, dass die vom Supreme Court Floridas angeordnete Nachzählung der als ungültig deklarierten Wahlzettel eingestellt werden müsse. Ein Konsortium von Medien, darunter die New York Times, die Washington Post, das Wall Street Journal, Tribune Publishing, AP oder CNN, hatte darauf beschlossen, eine Nachzählung durchführen zu lassen.

Beauftragt wurde mit der Nachzählung der als unleserlich oder aus sonstigen Gründen nicht maschinell erfassten 180.000 Wahlzettel das National Opinion Research Centre (NORC) an der University of Chicago. Dort kann man seit dem 8. Oktober lesen, dass mittlerweile alle Daten vollständig vorhanden seien und es nur von den Kunden abhänge, die Ergebnisse zu analysieren und zu veröffentlichen. Dafür aber gebe es keinen Termin: "Das Medienkonsortium hat die Veröffentlichung wegen der Terroranschläge auf New York City und Washington verschoben."

Schon im September gab Jonathan P. Wolman, Vizepräsident der am Konsortium beteiligten Nachrichtenagentur AP die Entscheidung bekannt, dass man die Ergebnisse nicht so schnell der Öffentlichkeit bekannt geben werde: "Als sich die Ereignisse dieses Tages entwickelten, war es für jeden von uns klar, dass wir für einige Zeit unsere Aufmerksamkeit nicht der Stimmauszählung zuwenden werden." Auch die anderen Medien sagten, dass sich einfach die Prioritäten verschoben hätten.

NORC hatte alle Wahlzettel überprüft, aber selbst keine endgültige Zählung durchgeführt. Das sollte den Medien selbst überlassen werden. "Sie könnten damit beginnen", sagte Julie Antelmann von NORC gegenüber dem Telegraph, "und innerhalb von einer Woche die Zählung und das Ergebnis haben. Wir haben sehr gewissenhaft unsere Distanz von den politischen Implikationen gewahrt, die das Ergebnis haben kann. Wir kennen das Ergebnis nicht und wollen es auch nicht." Angeblich war vorgesehen, die Rohdaten dem Konsortium in den ersten beiden Wochen des September zur Verfügung zu stellen.

Doch dann kamen die Terrorangriffe, und die Story über den wirklichen Ausgang der Präsidentschaftswahlen war da möglicherweise nicht mehr opportun. Beim Krieg gegen den Terrorismus stellte sich das ganze Land einschließlich der Opposition und der Medien hinter George Bush, dem es dadurch glückte, zu einem unangefochtenen Präsidenten zu werden. Würde sich herausstellen, dass George W. Bush eigentlich die Wahl verloren hätte, wenn die Stimmauszählung korrekt und gründlich durchgeführt worden wäre, könnte "Floridagate" seine Autorität als demokratisch legitimierter Präsident der USA und auch als Führer der Allianz gegen den Terrorismus in Frage stellen.

Natürlich wird bereits gemunkelt, dass die Medien aus diesem Grund die Auszählung und Bekanntgabe der Stimmen nicht veröffentlichen. So will David Podvin, der die Website Make Them Accountable betreibt, aus einer angeblich verlässlichen Quelle erfahren haben, dass man die Ergebnisse deswegen zurück hält, weil Al Gore nach dieser Auswertung der Sieger gewesen wäre. NORC allerdings betont, dass man die Ergebnisse nicht kennen würde.

Was auch immer stimmen mag, so scheint es doch zu denken zu geben, wenn manche der einflussreichsten US-Medien die Bekanntgabe der Auszählung zurück halten. Natürlich, die Kunden können eine in Auftrag gegebene Studie so lange zurück halten, wie sie dies wünschen, gleichwohl werden dadurch Vermutungen genährt, dass das Ergebnis derzeit nicht in die eher patriotische Stimmung passen könnten, wenn dadurch etwa die Legitimität des Präsidenten untergraben werden könnte. Dass dafür nur die Frage der Priorität eine Rolle spielt, ist sicherlich ein Scheinargument, denn natürlich wäre es gerade in Krisenzeiten eine "Story", wenn der im Amt befindliche und kriegführende Präsident gar nicht die Mehrheit der Wähler hinter sich hätte. Haben die Medien womöglich Angst, dass man sie dann kritisieren könnte, weil sie mit einer solchen Meldung die Terroristen unterstützen könnten und die geforderte nationale Einheit nicht zeigen? Erst kürzlich hatten die größten US-Fernsehgesellschaften auf eine Anfrage der US-Regierung hin versichert, sie würden bin Ladin Videos nicht mehr in voller Länge zeigen. Dass in diesen, wie die Regierung behauptete, versteckte Botschaften transportiert würden, glaubte wohl niemand wirklich. Es ging eher darum, dem Feind keine Propagandabühne in den Medien zu geben.

Bedenklich daran stimmt aber vornehmlich, dass der Medienverbund natürlich auch eine öffentliche Auseinandersetzung über die Ergebnisse der Präsidentschaftswahl verhindern kann. Verfolgt die freie Presse eigene Interessen und spricht sie sich untereinander ab, so kann ein Meinungsmonopol entstehen, das für eine Demokratie höchst gefährlich ist, weil es die Medien sind, die öffentlichkeitswirksam Meinungen transportieren, und weil sie natürlich auch Informationen veröffentlichen sollten, die der Regierung womöglich schaden könnten. Dass einzelne Medien bestimmte politische Interessen verfolgen und eine entsprechende Selektion, ist durchaus legitim, sofern es eine wirkliche Konkurrenz auf dem Nachrichten- und Meinungsmarkt gibt. Aber dass ein Verbund von wichtigen Medien eines Landes beschließt, der Öffentlichkeit Informationen vorzuenthalten, die politisch brisant sind, ist trotz oder gerade wegen des Krieges in Afghanistan alarmierend. (Florian Rötzer)

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