Häuslebauer werden Stadtbürger

Wohnen im Zentrum ist wieder gefragt

Zuerst bemerkten es nur Stadtplaner und Soziologen, inzwischen ist ein ausgewachsener Trend daraus geworden: Die Rückkehr der Menschen in die städtischen Zentren hat begonnen. Damit einher geht eine Wiederentdeckung und Aufwertung traditioneller städtischer Wohnformen. Einige Städte haben die Zeichen der Zeit erkannt und bemühen sich mit entsprechenden Angeboten um ihre neuen Stadtbürger.

Es ist gar nicht lange her, da schien das Schicksal der Städte besiegelt: Laut, hektisch, durch den autogerechten Umbau nach dem Krieg vom Verkehr erstickt - wer wollte da im Zeitalter des Internets noch wohnen? Wo der Wissensarbeiter mit Breitband-Anschluss seine Arbeit verrichtete, war doch gleichgültig geworden, warum also nicht im idyllischen Häuschen auf dem Lande? Noch 2002 prophezeite der amerikanische Planungstheoretiker John Friedman "The City is dead", und auch namhafte europäische Architekten und Städteplaner wie Thomas Sieverts und Rem Kohlhaas sehen die Stadt in ihrer historisch überlieferten Form als Auslaufmodell.

Indes spricht manches dafür, dass - wie so oft - die Rechnung ohne den Menschen gemacht wurde. Dem ist der virtuelle Anschluss an die Welt offenbar nicht genug; das soziale Wesen will sich mit seinesgleichen mischen, geht dorthin, wo sich andere seiner Spezies aufhalten - ins Kaufhaus, in die Kneipe, in die Stadt eben. Und immer mehr Menschen wollen dies zu Fuß oder mit dem Fahrrad tun können, ohne lange Anfahrtswege, ohne im Stau zu stehen und Parkplätze zu suchen. Auf der anderen Seite haben viele Städte in den letzten Jahren einiges getan, um an Attraktivität zu gewinnen: Die Industrie ist längst sauber geworden oder in die Peripherie abgewandert, Verkehrsschneisen wurden zurückgebaut und in attraktive öffentliche Räume verwandelt. Wo man einst möglichst schnell durchfuhr, hält man sich heute wieder gerne auf - und kann sich sogar wieder vorstellen, dort zu wohnen. (Mit dem Thema Reurbanisierung beschäftigt sich auch der deutsche Beitrag zur Architektur-Biennale in Venedig, siehe hierzu den Artikel von Jörg Brause.)

Damit scheint sich ein über hundertjähriger Trend umzukehren, der mit der zunehmenden Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts einsetzte. Infolge der Ansiedlung von schmutzigen und lärmenden Industriebetrieben in den Städten begannen die, die es sich leisten konnten, aus der Stadt zu fliehen; die Stadt wurde zu einem Unort, an dem nur diejenigen wohnen blieben, die sich eine Stadtflucht nicht leisten konnten. Ein Übriges taten die Verantwortlichen in den Stadtplanungs- und Tiefbauämtern in den Sechziger- und Siebziger-Jahren des letzten Jahrhunderts, als sie - dem Leitbild der "funktionalen Stadt" folgend - die Zentren für Büros und Verkehrsbauten reservierten und Wohnnutzungen an den Stadtrand verbannten.

Nun wandern zwar heute noch immer wesentlich mehr Bewohner aus der Stadt hinaus als in sie hinein; doch diese Wanderungsbewegung scheint sich abzuschwächen, während gleichzeitig die Rückwanderung in die städtischen Zentren zunimmt. Diese Tendenz zeigen eine ganze Reihe von Studien und Befragungen, die in den letzten Jahren vom Deutschen Institut für Urbanistik (difu) und anderen wissenschaftlichen Einrichtungen durchgeführt wurden. Neu war vor allem die Erkenntnis, dass nicht nur Studenten und Singles, sondern auch Familien mit Kindern und Senioren sich wieder ein Leben im Stadtzentrum vorstellen können, wenn die entscheidende Voraussetzung dafür gegeben ist: das Vorhandensein von bezahlbarem und der jeweiligen Lebenssituation angepassten Wohnraum. Da diese Voraussetzung oft gerade nicht gegeben ist, erscheint auch die vorhandene Wanderungsbewegung an den Stadtrand in einem anderen Licht: So ist laut difu "die Akzeptanz der Stadt weit höher, als die Umlandwanderung erscheinen lässt."

Familien- und Stadtleben sind heute kein Widerspruch mehr. Foto: Autor

Dies zeigt sich in den Städten, die in den letzten Jahren genügend attraktive und bezahlbare Wohnangebote bereitstellen konnten. So haben die Altbauviertel einiger ostdeutscher Großstädte besonders von der Rückwanderung profitiert; manche Quartiere konnten ihre Einwohnerzahl seit Mitte der 90er-Jahre um bis zu 40 Prozent steigern. Beispiel Leipzig: Um die Abwanderung in den "Speckgürtel" zu bremsen und die Binnenwanderung anzukurbeln, wurden und werden unter dem Motto "Strategie neue Gründerzeit" Sanierungsprogramme für Altbauten durchgeführt und innerstädtische Brachflächen für Wohnnutzungen umgewidmet. Nach Jahren des Bevölkerungsverlustes wurde so - teilweise - eine Umkehrung bzw. Abschwächung der Wanderungsbewegung erreicht. Inzwischen haben sich in Leipzigs Gründerzeitvierteln rund 30.000 Bewohner neu bzw. wieder angesiedelt. Zuwächse konnten auch Altbauviertel in anderen Städten, beispielsweise die Äußere Neustadt in Dresden und die (Ost-) Berliner Viertel Prenzlauer Berg und Friedrichshain verbuchen.

In Nordrhein-Westfalen, wo viele Städte ebenfalls über stattliche Industriebrachen verfügen, wurde landesweit die Losung "Ab in die Mitte!" ausgegeben. So soll in Dortmund auf dem Gelände des ehemaligen Stahlwerks Phoenix ein neues Viertel rund um einen neu angelegten künstlichen See entstehen. Aber auch in Städten, die nicht von der Deindustrialierung betroffen sind, gibt es erfolgreiche Beispiele für die Schaffung neuer, innenstadtnaher Wohnquartiere: In Freiburg und Tübingen nutzte man ehemalige Kasernengelände für den Wohnungsbau und experimentierte dabei mit dem - damals noch neuen - Baugruppenmodell. Sogar in der Autostadt Stuttgart haben die städtischen Planer inzwischen die Zeichen der Zeit erkannt und wollen das Wohnen in der Innenstadt nicht nur wieder zulassen, sondern priorisieren.

Privates Wohnen im Berliner Zentrum: Neue Einfamilienhäuser direkt neben dem Außenministerium. Foto: Autor

Um die Häuslebauer zurück in die Zentren zu locken, ermöglichen und fördern viele Städte inzwischen sogar den Bau von Einfamilienhäusern in zentral gelegenen Stadtteilen. Das spektakulärste Beispiel sind sicher die privaten Reihenhäuser - modisch "Townhouses"genannt -, die gegenwärtig im Berliner Zentrum, direkt neben dem Außenministerium, entstehen. Zentraler geht's wirklich nicht mehr ...

Grafik: DSK Deutsche Stadt- und Grundstücksentwicklungsgesellschaft mbH

Nächste Folge: Die Unwirtlichkeit der Vorstädte: Raus aus der Siedlung, rein in die Stadt. (Reinhard Huschke)

Anzeige