Häusliche Gewalt: Alarmierende Fakten

Gewalt im häuslichen Rahmen nahm in den vergangenen Jahren kontinuierlich zu. In der Mehrheit sind die Opfer weiblich und die Tatverdächtigen männlich, jeweils etwa 30% davon ohne deutschen Pass

Jährlich zum 25. November, dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, veröffentlicht das Bundeskriminalamt (BKA) in Absprache mit dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) unter dem Titel "Partnerschaftsgewalt" einen Auszug aus der aktuellen Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS). So auch in diesem Jahr.

Hintergrund des internationalen Aktionstages sind alarmierende Zahlen: Weltweit ist sexualisierte und häusliche Gewalt für Frauen bis 44 Jahren die häufigste Ursache für Tod und Behinderung, für Mädchen und Frauen bis 19 Jahren sind es Schwangerschaft und Geburt.

Seit 2012 stieg in Deutschland laut der BKA-Statistik der Anteil der "Partnerschaftsgewalt" an den insgesamt registrierten Gewaltverbrechen kontinuierlich an. Obwohl auch die Zahl der weiblichen Tatverdächtigen steigt, ist die Mehrheit der Opfer weiblich. Gewalt findet in allen sozialen Schichten und Milieus statt, doch zusammenfassend lässt sich sagen: Je patriarchaler und je abgeschotteter die Lebenswelt ist, in der Frauen leben, desto höher ist die Gefahr, dass sie Opfer sexualisierter und häuslicher Gewalt werden.

Das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, insbesondere für Frauen, denn die Täter legen ihren Frauenhass nicht an der Garderobe ab, bevor sie das Haus verlassen, sondern verhalten sich auch außerhäusig nicht selten - vorsichtig formuliert - raumgreifend und Frauen gegenüber despektierlich.

Experten verzeichnen insgesamt eine zunehmende Verrohung des Klimas, im Straßenverkehr, durch Hooligans und rechte und religiöse Gewalttäter, die dazu führe, dass immer mehr Menschen - auch Frauen - sich bewaffnen und im Zweifelsfall werden diese Waffen, häufig Messer, eben eingesetzt.

Knapp 30% der in der Statistik ausgewiesenen Opfer sind Frauen, etwa 30% der Tatverdächtigen Männer ohne deutschen Pass. Erhebungen, wie hoch der Anteil der Opfer und Tatverdächtigen mit eigenem und familiärem Migrationshintergrund sind, gibt es nicht. Da der Großteil derer allerdings in genau den Milieus lebt, in denen anteilig die meisten Fälle von Partnerschaftsgewalt zu verzeichnen ist, liegt es nahe, dass auch sie überproportional häufig betroffen sind.

Das lässt auch die Tatsache vermuten, dass in Frauenhäuser überproportional häufig geflüchtete Frauen und Migrantinnen unterkommen. Seit Anfang dieses Jahrtausends wird der Anspruch, über "interkulturelle Kompetenz" zu verfügen, an die Mitarbeiterinnen in Frauenhäusern gestellt, viele Frauenhäuser stellten Mitarbeiterinnen ein, die einen eigenen oder familiären Migrationshintergrund haben.

Das ist einerseits gut, weil es zeigt, dass die Betroffenen immer häufiger die Gewalt nicht hinnehmen und nach Auswegen suchen; andererseits aber eine alarmierende Feststellung, der dringend entsprechende Handlungen folgen müssten.

Anfang des Jahrtausends konnte das Problem noch offen thematisiert werden, heute wird es größtenteils verharmlost und in Verlautbarungen immer betont, der größte Teil der Tatverdächtigen seien Deutsche. In absoluten Zahlen, ja, denn die stellen ja auch knapp 90% der Gesamtbevölkerung. Und auch da gibt es dringenden Handlungsbedarf.

Der aktuellen Statistik zufolge sind 80% aller registrierten Opfer, die von ihrem Partner oder ihrer Partnerin ermordet werden, weiblich; in der Kategorie "Vergewaltigungen/sexuelle Gewalt" nahezu alle. Besonders betroffen von häuslicher und sexualisierter Gewalt sind geflüchtete Frauen und Migrantinnen ohne deutschen Pass (28,2%), auch überproportional viele Tatverdächtige (31,7%) kommen aus diesem Milieu. Insgesamt stellen Frauen ohne deutsche Staatsangehörigkeit etwa 5,2% der Gesamtbevölkerung, Männer 5,8%.

Für Afghaninnen ist das Risiko, Opfer häuslicher Gewalt zu werden, extrem hoch. Von den rund 250.000 in Deutschland lebenden Personen aus Afghanistan sind 131.454 weiblich. Etwa 1.200 von ihnen wurden Opfer häuslicher Gewalt. Gemessen an den rund 70.000 weiblichen Opfern mit deutschem Pass (inklusive Deutschen mit eigenem oder familiärem Migrationshintergrund) ergibt sich ein 10faches Risiko.

Fast jede 5. der insgesamt vom BKA registrierten Gewalttaten findet im Rahmen einer Partnerschaft statt (17,1%). Etwa die Hälfte der Opfer lebte mit der oder dem Tatverdächtigen in einem Haushalt. Die Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes (TdF) spricht daher vom "Risikofaktor Beziehung".

Nicht aufgeführt in der Statistik "Partnerschaftsgewalt" werden Delikte, die z. B. in Asylunterkünften von Mitbewohnern, Sicherheitsleuten oder auch Behörden-Angestellten ausgeübt wird. Weder sexualisierte und körperliche Gewalt von Männern gegen Frauen, noch von Männern gegen Männer, z. B. begründet in religiösem Fanatismus. Grundsätzlich ist das ja auch keine "Partnerschaftsgewalt", für viele Betroffene dennoch häusliche Gewalt, der sie schutzlos ausgesetzt sind.

Dasselbe gilt für Obdachlosenunterkünfte, in denen Frauen ebenfalls massiver Gewalt ausgesetzt sind. Auch wenn sie mit den Tätern in keinerlei privater Beziehung stehen, außer eben in derselben Unterkunft zu wohnen, ist es dennoch ihr "Zuhause", in dem sie diese Gewalt erfahren. Für viele Frauen führt das dazu, dass sie Gemeinschaftsräume und -angebote wie Kleiderkammern, Treffpunkte, Essensausgaben und mobile medizinische Versorgung meiden.

Nicht wenige Frauen meiden sogar die Unterkünfte und "machen Platte" - oder sie landen in der Versorgungs-Prostitution. As heißt, sie ziehen zu einem Mann, um aus der Unterkunft oder von der Straße wegzukommen, und nehmen dafür auch (sexualisierte) Gewalt in Kauf. Denn das ist immer noch berechenbarer als die Situation in den Unterkünften oder gar auf der Straße.

Für viele Frauen beginnt das Martyrium mit einer Schwangerschaft oder der Geburt eines Kindes. Frauen werden in den Augen vieler Männer während der Schwangerschaft "unansehnlich" und irgendwann kommt der Punkt, wo sie sich nicht mehr um ihn kümmern kann, sondern er sich um sie kümmern müsste.

Nach der Geburt spielt er zwangsläufig die zweite Geige, viele Frauen haben keine Lust auf Sex - oder Männer nicht auf ihre "ausgeleierten" Frauen. Auch die anfängliche nächtliche Ruhestörung sorgt für Konflikte in den jungen Familien, die mitunter gewalttätig zum Nachteil der Schwangeren oder der jungen Mütter ausgetragen werden. Davon bleiben die Kinder nicht unberührt - auch nicht im Mutterleib.

Am lebensbedrohlichsten für Frauen in Partnerschaften ist eine Trennung, der Moment, in dem ER begreift, dass SIE wirklich geht. Fast jeden Tag versucht ein Mann, seine Partnerin umzubringen, jedes dritte Opfer überlebt den Angriff nicht. Hinzu kommt, dass aufgrund des geänderten Sorgerechts Frauen durch gemeinsame Kinder auch an Männer gekettet werden, die ihnen schwere Gewalt antaten oder sogar nach dem Leben trachteten.

Denn bei einem Sorgerechtsstreit entscheidet ausschließlich das Verhältnis zwischen Vater und Kind. Das Gewaltverhältnisse zwischen den Eltern, die z. B. durch gemeinsames Sorgerecht zwangsläufig fortgesetzt werden, dem Kindswohl nicht dienlich sind und zudem die Mutter über viele Jahre einem extrem hohen Gewaltrisiko aussetzen, hat sich bis in die Amtsstuben der Justiz offenbar noch nicht rumgesprochen.

Im Bereich sexualisierte und körperliche Gewalt außerhalb von Partnerschaften sind Frauen mit Handicap und Prostituierte besonders betroffen. 75-80% aller Frauen mit Handicap werden Opfer körperlicher und/oder sexualisierter Gewalt; häufig beginnt das Martyrium bereits im Kindesalter und hält ihr ganzes Leben lang an.

Am stärksten trifft es Frauen mit psychischen oder Sinnes-Beeinträchtigungen oder eingeschränkter Sehfähigkeit. Frauen - aber auch Männer und Kinder - mit Handicap leben selten selbstbestimmt, ihnen wird keine Privatsphäre zugestanden, sie haben keinen Einfluss auf die Wahl des medizinischen oder Pflege-Personals.

Vor allem die Frauen entsprechen in vielen Fällen nicht der gängigen Vorstellung einer "begehrenswerten" Frau, so dass ihnen wahlweise sexuelle Übergriffe nicht geglaubt werden - oder aber es heißt: "Sie soll doch froh sein, dass sie überhaupt einen abkriegt."

Die Täter leben in den allermeisten Fällen im direkten Umfeld: Angefangen bei der Familie über Pflegepersonal bis hin zu Mitbewohnern in Heimen. Die Möglichkeit, sich zu wehren, haben die Betroffenen in vielen Fällen nicht.

Seit 1990 sind in dem angeblich "ganz normalen Job" 141 Prostituierte ermordet worden, 46 überlebten einen Mordversuch knapp. Und das sind nur die Fälle, die bekannt wurden. Das bedeutet pro Jahr durchschnittlich fünf Tote. Die PKS weist für 2016 27 Fälle von "Ausbeuten von Prostitution" aus. Alle 27 Opfer waren weiblich.

Insgesamt werden Frauen häufiger Mordopfer als Männer, die Chance einen Mordanschlag zu überleben, liegt bei Männern 2,5 Mal höher als bei Frauen. Das ist vermutlich damit zu erklären, dass die Angreifer in den meisten Fällen männlich und den Frauen körperlich überlegen sind. Und Frauen auch nicht gelernt haben, sich zu wehren. Schon gar nicht, wenn es sich bei den Angreifern um ihnen nahestehende Personen handelt. Im Bereich sexualisierte und körperliche Gewalt gegen Kinder sind Mädchen stärker betroffen als Jungen.

Offenbar werden auch Frauen immer häufiger zur Täterin. In der Kategorie "Partnerschaftsgewalt" sind ein Viertel der Tatverdächtigen bei polnischen Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern weiblich, bei den Deutschen 21.4%. Doch die Lösung kann nicht sein, dass Frauen zurückschlagen, sondern dass die Gesellschaft Gewalt und ihre Ursachen konsequent bekämpft.

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