Häusliche Sorgearbeit: Frauen machen viel, Männer zu wenig?

Bild: Andreas Bohnenstengel / CC BY-SA 3.0 DE

Der Gleichstellungsbericht der Regierung und seine Botschaft

Das Vokabular zur Lagebeschreibung zwischen Frauen und Männern, die in einer Familie zusammenleben, wird vom Gleichstellungsbericht, den das Kabinett gestern beschloss, um die nächste Kluft erweitert: den "Gender Care Gap".

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Dahinter steckt altbekannter Konfliktstoff, der in glücklichen wie unglücklichen Familien vorkommt, nämlich notwendige Tätigkeiten zuhause außerhalb der bezahlten Arbeitszeit, die Kraft und Zeit und Muße erfordern. Es geht um "unbezahlte Sorgearbeit".

Darin einbezogen werden, wie die Stellungnahme der Bundesregierung erklärt, "die Tätigkeiten der Haushaltsführung (einschließlich Reparaturarbeiten, Gartenpflege, Sorge für Tiere), Pflege und Betreuung von Kindern und Erwachsenen sowie ehrenamtliches Engagement und informelle Hilfen für andere Haushalte einbezogen - jeweils einschließlich der dazugehörigen Wegezeiten".

Stellung genommen wurde zum Bericht der Sachverständigenkommission, die mit dem "Gender Care Gap" einen neuen Indikator zur Zeitverwendung von Frauen und Männern für unbezahlte Sorgearbeit eingeführt hat. Dabei wurde ermittelt, dass Frauen mehr machen:

Der Gender Care Gap wurde auf Basis der Daten der dritten Zeitverwendungserhebung aus den Jahren 2012 und 2013 ermittelt und liegt bei 52,4 Prozent. Frauen üben demnach ungefähr eineinhalb Mal so viel unbezahlte Sorgearbeit aus wie Männer - in absoluten Zahlen ausgedrückt sind das täglich im Durchschnitt 87 Minuten mehr.

Aus: Stellungnahme der Bundesregierung zum Gutachten der Sachverständigenkommission für den Zweiten Gleichstellungsbericht

Es ist kein direkter Vergleich zwischen Frauen und Männern, die beide gleichermaßen beruflich in Vollzeit arbeiten, so der Bericht.. Denn es heißt: "In dieser Zahl spiegelt sich die Tatsache, dass Männer häufiger in Vollzeit arbeiten und Frauen häufiger in (geringer) Teilzeit arbeiten, um Zeit für Hausarbeit und Kinderbetreuung zu haben".

Dessen ungeachtet setzten Medienberichte Akzente auf die Kluft zwischen dem Sorgearbeits-Engagement der Frauen und der Männer.

Betrachtet man die gesamte Zeit, die Frauen und Männer für die unentgeltliche Betreuung von Kindern oder älteren Angehörigen aufwenden, dann leisten Frauen hier etwa das Anderthalbfache. Der Gleichstellungsbericht hat erstmals einen sogenannten Gender Care Gap ermittelt: Er liegt bei 52,4 Prozent unentgeltlicher Mehrarbeit von Frauen bei der Betreuung. Im Alter von 34 Jahren leisten sie im Schnitt doppelt so viel unbezahlte Sorgearbeit wie Männer.

SZ

Genauso griffig akzentuiert es der Spiegel in seiner Zusammenfassung: "Eine Frau, die 34 Jahre alt ist, leistet demnach im Schnitt doppelt so viel unbezahlte Sorgearbeit wie ein Mann. In der Pflege bringen sich nur 4,9 Prozent der Männer in Deutschland ein, bei den Frauen sind es 7,2."

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Die klare Botschaft dazu kommt von Familienministerin Katarina Barley, die sich der SZ gegenüber geäußert hat: "Frauen arbeiten oft mehr und bekommen dafür weniger. Bei der Verteilung von Belastungen und Chancen zwischen den Geschlechtern geht es in unserer Gesellschaft immer noch ungerecht zu."

Auffallend ist, dass diese Aussage im Kontrast steht zur Fülle an Problemen, die mit "unbezahlter Sorgearbeit" verbunden sind. Das fängt an mit der Rollenverteilung, mit Auseinandersetzungen über das Selbstverständnis der Beteiligten, dann spielen berufliche Entscheidungen eine große Rolle, damit verbunden Konsequenzen für die Rente, und dann gehört zum Komplex Sorgearbeit auch die Pflege von Angehörigen, die für sich allein schon ein Riesenthema ist. Wie könnte es denn gerechter zugehen?

Am einfachsten für Journalisten wie auch für Kommentare ist der Sprung zum Reizwort "Gender", zu den Rollenbildern. Der Spiegel bringt heute ein Interview zum Gleichstellungsbericht mit der Frauenforscherin Barbara Stiegler. Die Überschrift dazu lautet: "Cappuccino-Mütter sind eine Gefahr für die Gleichstellung", darunter ist zu lesen, dass die "Hausarbeit" noch immer ungleich verteilt ist.

Barbara Stiegler spricht davon, dass die berühmten Cappuccino-Mütter dieselbe klassische Arbeitsteilung wie ihre Mütter machen, aber sagen, sie hätten sich das selbst ausgesucht. Für sie ist das ein "Rollback", "wenn Frauen dies als Selbstbestimmung definieren, anstatt auf die Strukturen zu gucken, die dazu führen".

In der FAZ hält ein Kommentar "ein paar banale Wahrheiten" gegen das "Gejammer über Gender-Gaps und mathematisch berechnete Verwirklichungschancen". Sie alle laufen darauf hinaus, dass die Selbstbestimmung frei von Zwängen ist. Keiner wird gezwungen, die Weichen auf einen schlecht bezahlten Beruf zu stellen, zu heiraten, Kinder zu bekommen, die Arbeit so aufzuteilen, dass "ausschließlich die Frau ihre Erwerbsarbeit reduziert".

Im unsicheren Leben jenseits der sicheren Sätze gibt es Bedingungen, die Entscheidungen gewichten, etwa wenn der Mann ein verlässliches Einkommen durch einen verlässlichen Arbeitsplatz hat. So ätherisch zwanglos, wie es der Kommentar populär-existentialistisch formuliert, geht es in den Überlegungen, wie es ein Paar mit Kindern regeln will, praktisch nicht zu. Und es ist nicht nur Gejammer, das zu hören ist. Kinder sind eine Freude, wenn man Zeit hat. Hektik ist Gift für diese Freude; Kinder bringen eine andere Zeitauffassung mit, die noch nicht mit dem Takt der Arbeitswelt kongruent ist.

Neu hinzu kommt bei den Debatten, dass sehr viel mehr Frauen als früher über eine hochqualifizierte Ausbildung verfügen, die einen Vollzeit-Job zur Folge haben. Der Streit zwischen einer Kieferchirurgin und einem IT-Manager in leitender Position darüber, wer mehr oder weniger bei der Vorbereitung zum Kindergeburtstag macht, hat mehr Fülle als belehrende Reflexionen über Zwänge. Gut möglich, dass der Anteil der Hausarbeit in zwanzig Jahren anders verteilt ist.

Bei solchen Streitigkeiten in der Welt außerhalb der Blasen lernt man: Die Frau hat gute Argumente, der Mann auch. Dies auf Gender geprägte Rollen zusammenzuschnurren, verspricht eine Lösung nach der Art kalter Theorien, deren Resultate in der Wirklichkeit auf sich warten lassen.

Das Momentum der Emanzipation läge in einer gemeinsamen Ausrichtung danach, die Arbeitswelt zu verändern. Deren Zeit-Zwänge sind dem FAZ-Kommentar keine Äußerung wert. Weil sie so natürlich sind, so selbstverständlich? (Thomas Pany)

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