Halal- und Haramcoin

Symbolbild: BTC Keychain. Lizenz: CC BY 2.0

Wie man Kryptowährungen in der islamischen Welt debattiert

Während europäische, amerikanische und chinesische Zentralbanker und Politiker Digitalwährungen vor allem nach Gesichtspunkten wie den Auswirkungen auf die eigenen Währungen und die eigenen Handlungsspielräume debattieren (vgl. Französischer Finanzminister will Facebook-Währung Libra europaweit verbieten) hat die Debatte in der islamischen Welt noch eine andere Dimension:

Die Frage, ob solche Innovationen religiös erlaubt ("halal") oder religiös verboten ("haram") sind. Eine Dimension, die inzwischen auch Digitalwährungsnutzer außerhalb dieser Welt eifrig diskutieren, weil 1,8 Milliarden Menschen, die sich potenziell von so etwas leiten lassen, auch Einfluss auf die Kurse haben können.

"Mal"

Ob der deutlich Bitcoin-Kursanstieg, der 2018 kurz nach der Veröffentlichung eines "Arbeitspapiers" des Muftis Muhammad Abu Bakar geschah, tatsächlich mit dieser Veröffentlichung zu tun hatte, ist jedoch umstritten. Auch deshalb, weil dieses Gutachten Bitcoins nicht in jedem Fall vom Vorwurf der "Unreinheit" freispricht, sondern nur dann, wenn sie ein Käufer mit der Intention erwirbt, sie als Zahlungsmittel einzusetzen. Kauft er sie mit dem Hintergedanken einer Kurssteigerung, so Muhammad Abu Bakar, wären sie "haram".

Zum anderen gibt es über dieses bekannte Papier hinaus (von dem Muhammad Abu Bakar sagt, es sei keine "Fatwa") verschiedenste Beiträge ganz verschiedener Autoritäten, die zu ganz verschiedenen Ergebnissen kommen. Der ägyptische Großmufti Scheich Shakwi Allam stuft Kryptowährungen beispielsweise unter anderem deshalb als "unrein" ein, weil sie ihm für eine Eigentumseigenschaft nach dem Koran ("Mal") als zu wenig gegenständlich erscheinen. Möglicherweise auch deshalb, weil man dieses Argument auch bezüglich Giralgeld vorbringen könnte, nennt er zusätzlich die Bedeutung für illegale Geschäfte, die Bitcoins seiner Wahrnehmung nach haben.

"Gharar"

Eine gewisse Staatsnähe, die dabei zum Ausdruck kommt, zeigt sich noch deutlich stärker in der Fatwa der türkischen Religionsbehörde zu Bitcoins: Die sind ihrer Ansicht nach schon alleine deshalb unrein, weil sie der Staat nicht kontrollieren kann (vgl. Erdoğan setzt Notenbankchef ab). Darüber hinaus beklagt man ihre Eignung für verbotene "Gharar" (Spekulation). Das palästinensische Dar al-Ifta zeigt sich sogar der Auffassung, dass Bitcoin-Mining ein verbotenes Glücksspiel sei, weil man dabei "mathematische Rätsel" löse und im Erfolgsfall belohnt werde.

Eben jene Erzeugung über Rechnen ist dagegen für Muhammad Abu Bakar ein Argument, Bitcoins als religiös erlaubte Währung anzusehen. Sie garantiert nämlich eine Knappheit und Manipulationsresistenz - und dadurch auch eine gewissen Sicherung von Wohlstand, die seiner Ansicht nach das Wesen einer Währung sein soll. In dieser Hinsicht sieht er die Kryptowährung als "reiner" an als die Währungen im Deutschland der ersten Hälfte der 1920er Jahre und im Venezuela von heute (vgl. Flucht in die Sachwerte und Bitcoin gegen Staatsversagen).

Explizite Halal-Kryptowährungen

Auf solche Sichtweisen stützen sich inzwischen auch Unternehmen, die explizite Halal-Kryptowährungen anbieten: Die malaysische Firma OneGram ist eine davon, das in Dubai angesiedelte Startup HabibiCoin eine andere, und Stellar aus Bahrain eine dritte. Letztere hat sich die Halal-Eigenschaft sogar durch das örtliche Zertifizierungsbüro SRB bestätigen lassen und sich darüber hinaus eine Lizenz der Zentralbank CBB geholt. Mit diesen Genehmigungen im Rücken will sie auch Kunden in Saudi-Arabien und anderen Ländern anlocken, in denen die Behörden die Schariakonformität von Finanzdienstleistungen überprüfen.

Dass die islamische Welt eine neue Währung akzeptiert, wäre in jedem Fall kein historisches Novum. Das berühmteste Beispiel dafür sind die österreichischen Theresientaler, die im Orient Abu Kush ("Vater des Vogels" beziehungsweise "der mit dem Vogel") oder Abu Noukte ("Vater der Perle" beziehungsweise "der mit der Perle" [in der Brosche der eher mäßig verschleierten österreichischen Kaiserin]) genannt wurden und sich auf der arabischen Halbinsel so großer Beliebtheit erfreuten, dass sie dort im 19. Jahrhundert das Standardzahlungsmittel waren.

Eine andere Habsburgermünze, der böhmische Joachimthaler, erzielte sogar einen noch größeren Welterfolg: Die Einheit, die strenggenommen erst ab 1526 im Habsburgerreich geprägt wurde, aber schon diesen Monat ihren 500. Geburtstag feiert, wurden im deutschen Sprachraum zum Taler, in den spanischen Niederlanden zum Daler, in Spanien und Lateinamerika zum Dolaro und in den englischen Kolonien zum Dollar. Diesen "spanischen Dollar" erklärten die unabhängigen Vereinigten Staaten von Amerika dann in ihrem Coinage Act von 1792 zu ihrer Hauptwährung. (Peter Mühlbauer)