Halb versteckte Anzeichen für die Barbarisierung in der deutschen Gesellschaft

Landschaft mit Aussicht bei Chemnitz. Bild: Melmak / CC0

Die Schlagzahl der schlechten Nachrichten begräbt manches unter sich, was nicht begraben sein sollte. Ein Kommentar

"Innehalten" ist so ein schönes Wort, das von Protestanten und Entspannungstrainern gern benutzt wird. "Innehalten" verheißt Einsicht beim Urlaub von der Geschwindigkeit. Aber das ist gar nicht so einfach, weil man dann manchmal sieht, was man bei höherer Geschwindigkeit einfach links liegen lassen könnte.

Kennen Sie den "Komplex Lacrima"? Ende September dieses Jahres berichtete Frontal 21, dass offenbar ein V-Mann des Berliner Verfassungsschutzes im Sommer 2015 einem damals 16-Jährigen die Reise nach Syrien zum IS finanziert hat. Flugticket und Geld waren vorhanden, der V-Mann brachte den Jugendlichen sogar zum Flughafen Tegel.

Erst an der syrischen Grenze würde der Möchtegern-Gotteskrieger von den türkischen Behörden geschnappt und nach Berlin abgeschoben. Über den V-Mann hat er heute folgende Meinung: "Er schickt Jugendliche, Kinder in den Tod. Ich weiß nicht, ob er weiß, was es heißt, wenn eine Mutter oder ein Vater ein Kind verliert. Das ist unmenschlich und kriminell, was er gemacht hat."

Wie er für sein Himmelfahrtskommando aufgeputscht und angeworben wurde, beschreibt er in dem Bericht von "Frontal 21". Wundert es einen noch, dass dies nur ein Detail aus dem "Komplex Lacrima" ist?

Der heißt so, weil das Bundeskriminalamt die Beobachtung der Gruppe, aus der später der Breitscheidplatz-Attentäter Anis Amri hervorging, als "Gefahrenabwehrvorgang Lacrima" bezeichnete. Der Kindersoldatenwerber Emanuel P. wurde laut "Frontal 21" vom Berliner Verfassungsschutz auf genau diese Gruppe angesetzt. Wundert es einen noch, dass der Berliner Verfassungsschutz weiterhin existieren darf?

"Frontal 21" berichtete also. Der Tagesspiegel, n-tv, rbb und andere berichteten auch, alle mit Berufung auf "Frontal 21", alle am gleichen Tag.

Dann ging dieser spezielle Aspekt des "Komplexes Lacrima" nicht in einem Meer von Tränen, sondern von Gleichgültigkeit unter. Das Publikum hatte offenbar nicht viel Interesse daran, dass der Berliner Verfassungsschutz dem Islamismus Unterstützung gewährte, den es angeblich bekämpfte. Die Todsünde, zu diesem Zweck Minderjährige einzusetzen, änderte daran nichts.

Chemnitz. Erinnern sie sich noch an Chemnitz? Die Stadt, in der Anfang September Leute durch die Straßen gejagt wurden, die nicht deutsch genug aussahen.

Was dann der damalige Präsident des Bundesverfassungsschutzes Hans-Georg Maaßen öffentlich bezweifelte, damit den besorgten Chemnitzer Bürgern nicht klar zu werden brauchte, was sie getan hatten: angeblich trauern, in Wirklichkeit hetzen.

Aber das war doch nur eine kurze Aufwallung der deutschen Volksseele? Da brauchte es doch nur ein Konzert mit den Toten Hosen, damit alles wieder gut wurde, oder? Nein, leider nicht. Jetzt ist wöchentlich Jagdzeit. Die Ausschreitungen und Übergriffe sind besonders aggressiv an den Freitagen, an denen "Pro Chemnitz" demonstriert.

Ansonsten hat es vier heftigere Attacken auf migrantische Restaurants gegeben, darunter ein Brandanschlag und ein Fall, in dem ein iranischer Wirt ins Krankenhaus geprügelt wurde. Ein Anlauf zu einer Neuauflage des NSU? Eher das Ergebnis einer bewusst geschürten Pogromstimmung als NSN (nationalsozialistischer Normalzustand). Das offen zutage liegt, aber dennoch versteckt ist.

Wo wir gerade davon sprechen - was genau in dem Bericht steht, den das hessische Landesamt für Verfassungsschutz von 2012 bis 2014 über sich selbst angefertigt hat, vor allem im Hinblick auf den Umgang mit eigenen Akten zu den Themen Rechtsextremismus und NSU - es wird erst im Jahr 2134 bekannt. Dann ist nämlich die Sperrfrist abgelaufen. Das hat im letzten Jahr für ein bisschen Aufregung und Satire gesorgt, aber nicht für die tiefe, anhaltende, verzweifelte Verwunderung, die angemessen wäre.

Es ist nach wie vor die Frage, warum wir so etwas überhaupt zulassen. Vielleicht hat sich das Publikum die Verwunderung abgewöhnt, weil die "Aufklärung" des NSU so voller Zeichen und Wunder war, dass man sie kaum noch überblicken kann? Oder will man es vielleicht gar nicht so genau wissen?

Größere und kleinere, halb versteckte Anzeichen für die Barbarisierung in der deutschen Gesellschaft. Zum Beispiel neulich in Naumburg (Saale). Am 28.9. geriet ein freier Mitarbeiter des Naumburger Tageblatts vor einem Supermarkt in Streit mit drei Jugendlichen, die in Richtung seines Autos gespuckt und ihm den Stinkefinger gezeigt hatten.

Als er sie zu Rede stellen wollte, schlug ihm einer der Jugendlichen in den Bauch, ein anderer zeigte den Hitlergruß. Später stellte er fest, dass der Schlag ein Stich gewesen war: Die Klinge eines Messers oder eines Schraubenziehers war sechs Zentimeter tief in seinen Bauchraum eingedrungen.

Kurz nach der Tat gab der Journalist eine sehr eigenartige Erklärung ab: Das seien bloß ein paar Jungs gewesen, die Lust auf Krawall gehabt hätten. Er sei ein Zufallsopfer gewesen. Die Tat habe keinen politischen Hintergrund gehabt.

Und damit verschwand der Vorfall aus den Medien, die ohnehin nicht viel berichtet hatten. Weil nämlich Deutschland das Land ist, in dem Jugendliche mit Schraubenziehern in der Tasche vor Supermärkten herumlungern, um Wildfremde unter dem Zeigen des Hitlergrußes schwer zu verletzen.

Die Barbarisierung einer Gesellschaft ist in der Regel ein schleichender Prozess, der große Knall kommt nicht einfach so. Geheimdienste, die tun und lassen, was sie wollen und dabei Rechte und Islamisten stärken.

Die Verfestigung von rechten Mobs zu Bewegungen "besorgter Bürger", die Restaurants anzünden, während ihr parlamentarischer Arm im Bundestag, in den Landtagen und in den Fernseh-Talkshows sitzt. Jugendliche, die (zufällig oder absichtlich) Journalisten angreifen und dabei den Hitlergruß zeigen.

Wenn solche Puzzlestücke in dem Gesamtbild fehlen, zu dem auch die Verbrechen gehören, die von Migranten begangen werden, dann ist es mit der "Ausgewogenheit" nicht weit her, die ständig als Grund dafür herhalten muss, dass man auch Faschisten eine öffentliche Plattform gibt.

Was halb versteckt ist, ist ganz versteckt, wenn es ständig von anderem überbrüllt wird. "Ausgewogen" ist daran nichts, und wohin diese Form von "Ausgewogenheit" führt, kann man in Deutschland wissen. (Marcus Hammerschmitt)

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