Hallervorden: "Erdogan, zeig mich an!"

Bild: Hoplaaaa u.a./gemeinfrei

Der Kabarettist macht die Auseinandersetzung mit Böhmermanns Schmähgedicht und der deutsch-türkischen Krise vollends zur Posse

Dieter Hallervorden will Bundeskanzlerin Merkel die Entscheidung erleichtern. Nachdem sich bereits Springer-Chef Mathias Döpfner mit dem Satiriker Böhmermann solidarisch erklärt hat und die juristischen Folgen mit tragen will, hat sich nun auch Hallervorden mit einem eigenen Lied eingereiht: "Jetzt erst recht!", meint er.

Das dürfte die Entscheidung, die heute auf oberster Ebene der Bundesregierung getroffen werden soll, zumindest auch atmosphärisch beeinflussen, denn der Streisand-Effekt ist zumindest hierzulande jedem bekannt, auch wenn er Erdogan egal zu sein scheint. Die türkische Regierung hatte gestern ihren Wunsch nach Strafverfolgung wegen Beleidigung des türkischen Präsidenten durch das Schmähgedicht Böhmermanns eingereicht. Nach § 103 StGB kann die Beleidigung von Organen und Vertretern ausländischer Staaten bestraft werden, einem Verfahren muss die Bundesregierung aber zustimmen.

Die Bundesregierung musste damit gerechnet und sich darauf vorbereitet haben. Dass sie erst einmal keinen Einspruch geltend machte, sondern erklärte, sie werde das Ansinnen der türkischen Regierung sorgfältig prüfen, war weithin als erneutes Kuschen vor Erdogan ausgelegt worden, so sehr der EU-Abgeordnete Elmar Brok (CDU) gestern bei Anne Will auch versuchte, diesem Eindruck zu widersprechen und damit die Peinlichkeit mit vielen Worten nur noch offensichtlicher machte. Schon beim Gespräch mit dem türkischen Regierungschef Davutoglo war Merkel eingeknickt und ließ auch ihren Regierungssprecher dann wiederholen, dass der Böhmermann-Text "bewusst verletzend" sei, ohne auf Meinungs- und Pressefreiheit in Deutschland zu verweisen.

Wie auch immer die Bundesregierung heute entscheiden wird, angeblich sind Merkel, Steinmeier und Maas mit in die Entscheidung eingebunden, so liegt die Panik mittlerweile auf der Hand, die im Merkel-Umfeld herrscht, sollte Erdogan den Flüchtlingsdeal platzen lassen - oder dessen Einsatz weiter erhöhen. Für die Kanzlerin ist der Deal, der allerdings auch gegen einige EU-Mitgliedsländer wegen der Verteilung der Flüchtlinge und der Visafreiheit kaum umsetzbar sein dürfte, ihre Antwort auf die Flüchtlingskrise. Sollte dieser keinen Bestand haben, dürfte die Regierung Merkel tatsächlich wanken. Aber wie immer sich Merkel auch jetzt verhalten wird, die nachgiebige Reaktion auf die Avancen der türkischen Regierung, dürfte ihr bereits innenpolitisch geschadet und einem Verlust an Ansehen bei vielen Menschen geführt haben.

Jetzt also legt Dieter Hallervorden mit einem Lied nach, in dem er ironisch Erdogan auffordert, ihn doch anzuzeigen, um auch seinen Song bekannt zu machen. Er würde einfach nur singen, "was du bist: ein Terrorist, der auf freien Geist nur scheißt." Deutschland, so Hallervorden in seinem sonst recht harmlosen Lied, sei nicht Kurdistan.

Konsequenterweise müsste die türkische Regierung nun auch gegen dieses Liedchen vorgehen, was die ganze Angelegenheit, die zur Posse einer deutsch-türkischen Krise geriet, noch mit jeder weiteren Satire oder Schmähung ins Absurde treiben würde, während sich die deutsche Regierung noch weiter blamieren würde, wenn sie nicht jetzt die Reißlinie zieht und auf die Einleitung eines sowieso nicht gewinnbaren Verfahrens verzichtet, um Erdogan milde zu stimmen.

Update: Der Regierungssprecher teilte heute mit, dass die "sorgfältige Prüfung" nicht heute erfolgt, sondern "ein paar Tage dauern" wird. Als Grund nannte er, dass man mit den Fragen, mit denen die Regierung jetzt zu tun habe, "nicht befasst war". Dem Ergebnis wollte er nicht vorgreifen, wollte aber noch einmal klarmachen: "Art. 5 GG für Kanzlerin #Merkel höchstes Gut.".

(Florian Rötzer)

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