Hamburg: Die einen sagen so, die anderen so

Die Kontroverse um die Vorfälle vor der Hamburger Davidwache bietet viel Gesprächsstoff, reichlich Raum für Spekulationen - und für reißerische Schlagzeilen

Sowohl am 20. als auch am 28.12.2013 soll die Davidwache im Hamburger Stadtteil St. Pauli von "vermummten Personen" angegriffen worden sein. Behauptete zumindest die Polizei, bis Anwalt Andreas Beuth in einer Presseerklärung die Darstellung der Polizeipressestelle – zumindest was den 28.12.2013 betrifft – in Frage stellte.

Das Gefahrengebiet wurde verkleinert und zeitlich begrenzt, aber die Polizei macht klar: "Gleichzeitig wird die Hamburger Polizei die verstärkten Präsenzmaßnahmen auch im ehemaligen Gefahrengebiet fortsetzen und die Lage kontinuierlich bewerten." Bild: Behörde für Inneres und Sport

Auf dem Blog Publikative und bei Spiegel äußerten sich Augenzeugen, die mit ihrer Darstellung die Zweifel Beuths nährten. Auch bei Telepolis meldete sich ein Anwohner, der die besagten Vorfälle aus dem Wohnungsfenster beobachtet hat. Dessen Schilderungen wiederum untermauern die Darstellung der Polizei.

Unterdessen wurde das Gefahrengebiet deutlich verkleinert, übrig bleiben "Gefahreninseln" um die Davidwache in St. Pauli, die Lerchenwache im Schanzenviertel sowie die Wache in der Mörkenstraße in Altona. Überdies wurde es zeitlich auf die Stunden zwischen 18:00 Uhr und 06:00 Uhr begrenzt. Die Proteste werden fortgesetzt, die Suche nach der Wahrheit bezüglich der Vorkommnisse am 28.12.2013 ebenso.

"Verfassungsschutzchef über Angriff auf Davidwache: Es waren St. Pauli-Hooligans", titelte die Hamburger Morgenpost (MOPO) am vergangenen Donnerstag. Das impliziert, Manfred Murck (SPD) habe Erkenntnisse bezüglich des Angriffs am 28.12., bei dem ein Polizeibeamter schwer verletzt wurde.

Wer jedoch voll Spannung auf die ultimative Wahrheit die MOPO aufschlug und das Interview mit Murck auf Seite 15 las, wird indes enttäuscht: "Welche Erkenntnisse haben Sie über die Täter, die Polizeiwachen angegriffen haben?" fragt Redakteur Thomas Hirschbiegel. "Es gab zwei Angriffe auf die Davidwache. Einmal am 20.12. Da sind wir der Meinung, das kam aus dem Fußball-Hooligan-Randbereich. Da waren St. Pauli-Fans beteiligt. Die haben die Davidwache mit aufs Korn genommen. Ob das bei der zweiten Attacke am 28.12. so ähnlich war, weiß ich nicht", antwortet Murck.

Mit anderen Worten: Es gibt keine konkreten Erkenntnisse, weder zum 20. noch zum 28.12.2014. Aufgrund des Artikels "Freie und Polizeistadt Hamburg" kontaktierte ein Anwohner die Redaktion*. Unserer Bitte, seine Beobachtungen zu schildern, kam er sehr ausführlich nach. Mit seinem Einverständnis veröffentlichen wir seine Schilderungen:

Es gab zwei Angriffe, was nicht vergessen werden sollte. Der Angriff am 21. war ganz sicher gezielt und von Seiten der Autonomen initiiert. Hier habe ich eine größere Gruppe (ich mag die Größe nicht schätzen, da ich erst zum Fenster bin, als ich bereits Rufe und Lärm hörte und somit nur einen Teil der Gruppe gesehen habe, dieser Teil waren mindestens 50) in Richtung Davidwache ziehen sehen, die bereits typische linke Anti-Polizei Slogans riefen und nicht nur gewaltbereit waren, sondern auch bereits auf dem Weg dort hin Gewalt ausübten - so wurden Straßenschilder aus dem Boden gerissen und in Richtung von Passanten geworfen und in einem Fall habe ich beobachtet, wie ein Passant geschlagen wurde, zu Boden ging und dort liegend weiter geschlagen wurde, unter anderem mit einer Stange (ob Holz oder Metall war in der Dunkelheit nicht zu erkennen).

Am 28. habe ich das in der umgekehrten Richtung beobachtet, also als die Gruppe sich aus Richtung Davidwache zurückzog. Den Angriff auf die Wache selbst habe ich nicht beobachtet, da fiel mir nur am nächsten Tag eine zerstörte Fensterscheibe auf. … Aber im unmittelbaren Nachgang war also eine Gruppe schwarzer, teils vermummter Personen zu sehen, wieder bin ich sicher nur einen Teil der Gruppe gesehen zu haben, kann mich aber dafür verbürgen, dass es mindestens 20 Personen waren. Zwischen ihnen bzw. in ihrer Nähe waren 3 oder 4 Polizisten, Streifenpolizisten, also ohne Demo-Kampfausrüstung. Einer hatte einen Teleskop-Schlagstock in der Hand, ein zweiter hat einen am Boden liegenden … Kollegen unter Einsatz von Tränengas befreit und dann in Sicherheit (in Richtung der anderen Kollegen und der Davidwache) gezogen. Ob es sich dabei um den von einem Stein getroffenen Polizisten gehandelt hat, habe ich in der Dunkelheit nicht sehen können.

Auch den Ruf "Habt ihr immer noch nicht genug" hat es im Gegensatz zur Darstellung des Anwaltes definitiv gegeben. Ich habe ihn selbst gehört und mich noch gefragt, was damit gemeint sein soll. Tatsächlich war dieser Ruf einer der Gründe, weshalb ich überhaupt geschaut habe, was dort draußen vor sich geht.

Letztendlich, ich persönlich bin für den 20. sehr überzeugt, dass die Gewalt von den Autonomen ausging. Am 28. habe ich nicht selbst beobachtet, wer angefangen hat, und ohne die Personen persönlich zu kennen, kann natürlich niemand mit Sicherheit sagen, welcher Szene sie zuzuordnen sind, vom Augenschein her würde ich sie aber ebenfalls der autonomen linken Szene zuordnen. Für mich war auch am 28. klar, dass die Polizei nicht Herr der Lage ist, sondern sich verzweifelt verteidigt. Die von mir beobachtete Szenerie sah nicht nach einer Flucht der Autonomen vor gewalttätiger Polizei aus, sondern nach einem Abzug in dessen Sog eine kleine Anzahl von hineingeratenen Polizisten versucht, nicht zu Opfern zu werden. Definitiv haben die von mir beobachteten Polizisten die Autonomen nicht verfolgt, sondern vor allem sich selbst/gegenseitig gesichert. Erst einige Minuten später traf hier Verstärkung in Form von Polizeiwagen ein, die dann einige Zeit lang langsam durch das Viertel fuhren, offenbar auf der Suche nach den Tätern.

In dem von der Amadeu Antonio Stiftung betriebenen Blog Publikative.org wird ebenfalls ein Zeuge zitiert, der andere Beobachtungen gemacht hat:

Er habe das Geschehen (am 28.12., Anm. d. Verf.) zufällig beobachtet, nachdem er von einem Konzert in einem Reeperbahn-Club gekommen sei. Dabei er habe eine lose Gruppe von maximal 25 Personen beobachtet, die weder vermummt gewesen sei, noch wie eine organisierte Gruppe aufgetreten sei. Seinen Angaben nach ist es unmittelbar vor der Davidwache zu keinerlei Stein- oder Flaschenwürfen gekommen.

Vielmehr sei die Gruppe, die lautstark Fußballgesänge gesungen habe, an der Wache vorbeigezogen, woraufhin Polizisten aus der Davidwache versucht hätten, die Gruppe aufzuhalten,. Dabei sei ein Mitglied der Gruppe mitten auf der Reeperbahn von einem Polizisten zu Boden gebracht worden. Dies habe wiederum eine rein verbale Auseinandersetzung nach sich gezogen, die zunächst zu Boden gebrachte Person sei aber wieder "laufengelassen” worden. Erst kurze Zeit später sei dann der verletzte Beamte aus der Hein-Hoyer-Straße gekommen – und in die Davidwache gebracht worden.

Auch wenn die unterschiedlichen Eindrücke verwirren, vermutlich könnten sie dennoch zur Klärung der Vorfälle beitragen. Der Bedarf nach einer lückenlosen Aufklärung ist in jedem Fall vorhanden.

Die Errichtung des Gefahrengebiets war als Drohkulisse gedacht, geriet jedoch zur Posse. Die vielfältigen Protestaktionen führten nun dazu, dass es verkleinert und auf das direkte Umfeld der darin liegenden Polizeiwachen beschränkt wurde. Die Forderung nach kompletter Aufhebung bleibt indes bestehen, und die Proteste werden in Form von Events und Happenings fortgesetzt. So wird für den heutigen Freitag zu einem "Brushmob" und einer Kissenschlacht vor der Davidwache aufgerufen.

*Name ist der Redaktion bekannt (Birgit Gärtner)