Hamid Karzai: Der Charmeur, der alle umgarnt

Hamid Karzai im Juni 2016 in London. Bild: Chatham House/CC BY 2.0

Obgleich unter seiner Präsidentschaft Vetternwirtschaft und Korruption aufblühten, gilt er heute schon wieder als "Saubermann"

Vor einigen Jahren reisten mehrere Stammesälteste aus dem Osten Afghanistans nach Kabul. Die Männer, die hauptsächlich aus den Provinzen Khost und Paktia stammten, wollten Hamid Karzai, Afghanistans damaligen Präsidenten, zu Rede stellen. Die Übergriffe der amerikanischen Soldaten, allen voran die nächtlichen Spezialeinsätze, hatten einen Höhepunkt erreicht. Viele junge Afghanen wurden ihren Familien entrissen, verschleppt oder erschossen. Karzai duldete all dies.

Die Stammesältesten wollten Karzai ihre Meinung sagen, ihn bloßstellen und vor allen Anwesenden klar machen, dass sie ihn nicht als ihren Führer, sondern als Verräter und Marionette der Amerikaner betrachten würden. Bereits an den Checkpoints vor dem Präsidentenpalast machten die alten Männer ihre Laune deutlich und beschimpften einen Leibwächter nach dem anderen.

Als sie endlich Karzais Palast betraten, kam dieser ihnen eilig und sichtlich erfreut entgegen. "Willkommen, ihr ehrenwerten Männer aus dem Osten", begrüßte er sie und umarmte jeden der Männer einzeln. Nachdem er sie in einen großen Saal brachte und ihnen Tee und Süßigkeiten servieren ließ, begann Karzai mit einem historischen Referat. Wie wichtig doch die Männer Ostafghanistans während der Kriege gegen die Briten gewesen seien, betonte der Präsident plötzlich immer und immer wieder. "Eure Aufopferung wird unser Land niemals vergessen können. Ihr und eure Vorväter wart schon immer stolz, ehrenhaft und mutig", sagte Karzai zu seinen Gästen.

Tatsächlich spielten die östlichen Provinzen Afghanistans eine besondere Rolle in den Kriegen gegen das britische Imperium. Der dritte anglo-afghanische Krieg, der von König Amanullah im Jahr 1919 geführt wurde, konnte mehreren Historikern zufolge nur aufgrund des überragenden Einsatzes der Kämpfer aus Khost, Paktia und Paktika (damals zusammenfassend auch als "Loya Paktia", also "großes Paktia", bekannt) gewonnen werden. Aus Dankbarkeit belohnte Amanullah seine Kämpfer nach dem Sieg, indem er ihnen Land schenkte.

In seiner Ansprache an die Stammesältesten packte Karzai diese historischen Ereignisse geschickt aus. Der Präsident hatte wohl schon zuvor erfahren, dass der Besuch der Männer aus dem Osten kein erfreulicher werden würde. Doch nach seiner kleinen Geschichtsstunde hatte er sie alle umgarnt. "Was verschafft mir heute eigentlich die Ehre, meine Brüder?", fragte Karzai am Ende ganz unschuldig. Keiner der Anwesenden war bereit, ihr Anliegen vorzutragen. "Karzai sei eigentlich ein ganz netter Mann, dachten sich nun alle", meinte ein damals anwesender Journalist später. Anschließend gab es noch ein Abschiedsgeschenk. Jeder der weißhaarigen Männer bekam einen neuen Turban - dann ging es wieder Richtung Osten.

Die beschriebene Anekdote macht lediglich ein weiteres Mal deutlich, was viele Analysten, Journalisten, Diplomaten oder Politiker über Karzais Persönlichkeit bereits wissen: Afghanistans Ex-Präsident ist ein Meister in der Kunst des Umwerbens - und sobald man ihm gegenüber sitzt, fällt es äußerst schwer, sich dem zu entziehen.

Diese Charaktereigenschaft ist dominant und hat Karzai letztendlich zur Macht verholfen. Nach den Anschlägen des 11. Septembers brachte Karzai die verschiedenen innerafghanischen Akteure, allen voran jene Warlords, die sich jahrelang bekriegt haben, an einem Tisch. Lediglich die Taliban wurden damals ausgeschlossen und bekämpft. Doch im Laufe der darauffolgenden Jahre fiel es selbst ihnen schwer, Karzai als Feind zu betrachten.

"Karzai hat den Dreh heraus. Er kennt sein Volk und weiß auch, wie er es zu führen hat", meint etwa Waheed Mozhdah, ein politischer Analyst aus Kabul. Ähnlich sieht das die niederländische Journalistin Bette Dam. In ihrem Buch "A Man and a Motor Cycle" beschreibt sie Hamid Karzais Aufstieg. Besonders in den Vordergrund treten Karzais Führungsgeschicke und seine charmante Art. Von den Amerikanern wurde Karzai anfangs unterschätzt. Zu Beginn der militärischen Intervention hielt ihn die CIA für einen unbedeutenden Clan-Chef, der noch nie in seinem Leben eine Waffe benutzt hat. Doch schon bald griffen sie ihn massiv unter die Arme und machten ihn letztendlich zu Afghanistans Präsidenten.

"Ich wusste, wie ich zu regieren hatte"

Im Jahr 2016 blickt Karzai etwas genüsslich auf die damaligen Ereignisse sowie auf seine Amtszeit zurück. Karzais vierzehn Jahre in Kabul waren geprägt von Korruption und Vetternwirtschaft. Jene Afghanen, vor allem seine Clanmitglieder aus dem südlichen Kandahar, die ihn zur Macht verholfen hatten, wurden fürstlich entlohnt - etwa mit Regierungsposten und Millionen von US-Dollar, die durch dubiose Wege in ihre Taschen gelangten. Auch die Warlords, deren zahlreiche Kriegsverbrechen allesamt dokumentiert sind, gelangten durch Karzai an die Spitze.

Heute betont Karzai, dass dies alles nur der nationalen Einheit wegen geschah. Immerhin musste jemand all die Miliz-Führer und Clan-Chefs kontrollieren. Bei genauerem Hinsehen wird allerdings etwas anderes deutlich: Karzai ging es stets nur um den persönlichen Machterhalt. Alles andere war zweitrangig. Gegenwärtig wirken sich die von ihm geschaffenen Strukturen weiterhin negativ auf Afghanistan aus.

Überraschenderweise steht der Ex-Präsident jedoch heute bei vielen Afghanen als Saubermann da. In Anbetracht der gegenwärtigen Regierungskrisen um Präsident Ashraf Ghani und Regierungschef Abdullah Abdullah vermissen viele Menschen in Kabul die Karzai-Zeiten. Der nostalgische "Unter-Karzai-war-alles-besser"-Gedanke hat sich in den letzten Monaten breitgemacht.

Karzai weiß dies für sich auszunutzen. "Ich wusste, wie ich zu regieren habe. Während meiner Zeit herrschte Sicherheit und alle waren zufrieden", meinte Karzai mir gegenüber in einem persönlichen Interview. Seine zahlreichen Fehler will er jedoch kaum einsehen. Stattdessen kritisiert er gerne Washington sowie die Regierung Ghani-Abdullah.

Vor allem aufgrund der regelmäßigen öffentlichen Kritik Karzais an der gegenwärtigen Regierung munkelt man, dass der Paschtune mit der berühmten Karakulmütze immer noch politische Ambitionen habe, gar wieder Präsident werden möchte. Tatsächlich verhält sich Karzai, der offiziell kein Amt besetzt, weiterhin wie ein Politiker. Abgesehen von seinem kritischen Auftreten residiert er immer noch in einer Villa im politischen Zentrum Kabuls, wo er regelmäßig wichtige politische Persönlichkeiten - von Stammesältesten bis hin zu ehemaligen Geheimdienstchefs, Parlamentsabgeordneten und Journalisten - empfängt. Meist natürlich hinter verschlossenen Türen.

"Ich agiere nur als Bürger, der besorgt über die Zukunft seines Landes ist", meint Karzai. Inwiefern dies der Wahrheit entspricht, wird sich wohl erst in den nächsten Monaten zeigen. Bis dahin darf man weiterhin skeptisch sein. (Emran Feroz)