Hamid Karzai - Der Machiavelli von Kabul

Hamid Karzai in Schwerte. Bild: E. Feroz

Obwohl er seit 2014 kein offizielles Amt mehr innehat, ist der afghanische Ex-Präsident in Afghanistan und im Ausland omnipräsent

Als Hamid Karzai im Hauptsaal des Hauses Villigst in Schwerte eintrifft, ist der Fokus des Publikums auf ihn gerichtet. Mitsamt seiner Entourage, bestehend aus Bodyguards und Beratern, ist der afghanische Ex-Präsident angereist, um an der Afghanistan-Tagung der Evangelischen Kirche von Westfalen teilzunehmen.

Karzai umgibt eine Aura. Das merken auch die zahlreichen Deutschen im Publikum. Seine Karakulmütze, sein Umhang, sein freundliches Winken, so, als ob er mit jedem irgendwie befreundet wäre, sind nicht nur einprägsam, sondern ziehen die Anwesenden irgendwie an und faszinieren.

Seit 2014 bekleidet Karzai kein offizielles Amt mehr. Dennoch ist er omnipräsent - sowohl in Afghanistan als auch im Ausland. Mal taucht Karzai auf politischen Veranstaltungen auf und lobt die gegenwärtige Kabuler Regierung, mal gibt er internationalen Medien Interviews, in denen er sie scharf kritisiert.

Seit seinem Abtritt lebt Karzai in seinem gesicherten Palast in Kabul, wo er regelmäßig wichtige Stammesvertreter, Politiker, ehemalige Geheimdienstler und Journalisten empfängt. Hinzu kommen seine Auslandsreisen, auf denen er - eigenen Aussagen zufolge - ausschließlich als "afghanischer Bürger" sein Land repräsentiert und sich für dessen Belange einsetzt.

In Schwerte hält Karzai einen rund zwanzigminütigen Vortrag vor einem deutsch-afghanischen Publikum. Er spricht viele Punkte an. Einiges klingt paradox und realitätsfern. "Ich möchte, dass US-Militärbasen uns Frieden bringen. Das tun sie zur Zeit allerdings nicht", ist etwa ein Satz, der in diese Ecke gehört. Andere Punkte sind durchaus nachvollziehbar, etwa seine Kritik an der sogenannten Afghanistan-Strategie von US-Präsident Donald Trump. Was Karzai allerdings vehement vermeidet anzusprechen, sind jene Fehlentwicklungen, die seine Amtszeit als Präsident geprägt haben - allen voran die massive Korruption sowie die Machtbeteiligung brutaler Kriegsfürsten.

In der darauffolgenden Fragerunde ging das Publikum auf ebenjene Punkte ein. Was dann geschah, war vorhersehbar - zumindest für jene, die Hamid Karzai und seine Art zu antworten etwas besser kennen. Korruption? Alles Schuld der Amerikaner. Brutale Warlords? Sind Helden in der afghanischen Gesellschaft, ähnlich wie die Kriegsveteranen des Ersten und Zweiten Weltkrieges in Europa oder in den USA. Außerdem ist an vielen Missverständnissen sowieso die westliche Presse schuld.

Wer meinte, Karzai in die Ecke gedrängt zu haben, wurde eines Besseren gelehrt. Denn bevor man den ehemaligen Präsidenten festhält, entgleitet er wie ein Stück Seife. Kritischen Fragen weicht er gekonnt aus. Am Ende steht er gut und fehlerlos da. Seine charmante und höfliche Art verliert er dabei nicht. Im Anschluss machen dann selbst jene, die ihn zuvor kritisiert haben, einen Selfie mit dem Ex-Präsidenten.

Dabei ist die Kabuler Regierung über das, was Hamid Karzai in diesen Tagen hinter den politischen Kulissen betreibt, mehr als besorgt. Immer wieder - auch in Schwerte - betont Karzai, eine Loya Jirga - eine traditionelle, afghanische Stammesversammlung - ausrufen zu wollen. Die Gründe hierfür seien natürlich demokratischer Natur. In Afghanistan ist es üblich, bei solchen Versammlungen über wichtige politische Belange zu diskutieren und Entscheidungen zu treffen.

Die Frage: Worüber genau soll unter Karzais Führung entschieden werden? Beobachter sind sich einig, dass Karzai mit solchen Schritten die Regierung von Präsident Ashraf Ghani gefährdet. Ob er sie damit tatsächlich absetzen will, ist unklar. Laut eigenem Bekenntnis unterstützt Karzai die Regierung. "Ich habe keineswegs im Sinn, gegen die Regierung vorzugehen", sagt er immer wieder.

Sein gegenwärtiges Machtspiel spricht allerdings eine andere Sprache. Unter vielen Afghanen wächst die Unzufriedenheit mit der Regierung der "Nationalen Einheit", die seit 2014 in Kabul auf äußerst wackligen Füßen steht. Von den verantwortlichen Politikern wurde die Einheit damals nämlich keineswegs ausgerufen. Stattdessen musste der damalige US-Außenminister John Kerry nach den Wahlen mehrfach persönlich erscheinen, um Ashraf Ghani und Abdullah Abdullah - die damaligen Kontrahenten - zusammenzuführen. Während Ghani zum Präsidenten wurde, erhielt Abdullah den Posten des Chief Executive Officers (CEO), eine Art Regierungschef, den es in der afghanischen Verfassung nicht gibt.

Seitdem scheint die Scharade kein Ende zu nehmen. Hinzu kommt, dass die Sicherheitslage im Land sich maßgeblich verschlechtert hat. Auch zu diesen Punkt nimmt Karzai regelmäßig Stellung, indem er hervorhebt, wie wenig Anschläge es in Kabul und in anderen Städten während seiner Amtszeit gegeben hat. Dieser Umstand gehört auch zu jenen Punkten, der von vielen Afghanen auf diese Art und Weise wahrgenommen wird. Die Narrative, dass unter Karzai "alles besser war" hat sich in vielerlei Hinsicht durchgesetzt und ist sogar unter den Taliban verbreitet. Dass dem tatsächlich so gewesen ist, hatte allerdings nur bedingt mit seiner Person zu tun.

Das Gegenteil ist beim gegenwärtigen Szenario der Fall. Obwohl Karzai immer wieder behauptet, sich aus der Politik verabschiedet und keine politischen Ambitionen zu haben, lässt sein Handeln zu einem anderen Schluss kommen. Vor wenigen Tagen wurde Atta Mohammad Noor, ein berühmt-berüchtigter Warlord und einflussreicher Gouverneur der nördlichen Provinz Balkh, an einem Flug von Mazar-e Sharif nach Kandahar gehindert.

Noor wollte gemeinsam mit Batur Dostum, Sohn des Kriegsfürsten und gegenwärtigen Vizepräsidenten Abdul Rashid Dostum, an einer Versammlung in Kandahar teilnehmen. Dass auch diese Versammlung auf Karzais Anstoßen in seiner Heimatprovinz initiiert wurde, ist für viele mehr als offensichtlich. Kriegsfürsten wie Noor fühlen sich in diesen Tagen bedrängt. Präsident Ghani hat sich allem Anschein nach vorgenommen, gegen sie vorzugehen und sie zu entmachten. Dies soll ausgerechnet mit Hilfe jener geschehen, die die Warlords an die Macht brachten, nämlich mit der Unterstützung Washingtons. Noors Flug nach Kandahar wurde Berichten zufolge von NATO-Streitkräften gestoppt. Außerdem soll Hanif Atmar, Ghanis mächtiger Sicherheitsberater, eine Rolle gespielt haben.

Auch dieses Szenario lässt sich für Karzai leicht instrumentalisieren. Jene Warlords, die er einst an die Macht brachte, werden sich nun abermals auf seine Seite schlagen. Hinzu kommt die Rolle ausländischer Akteure. Denn während Washington und seine Verbündeten auf Ghani setzen, haben sich China, Russland und Iran schon längst Karzai angenähert. Damit wiederholt sich wohl abermals das politische Great Game in Afghanistan - und wird die afghanische Bevölkerung nicht zur Ruhe kommen lassen. (Emran Feroz)

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