Handschläge ohne Debatte

In einem Klassenraum verweigern zwei Schüler ihrer Lehrerin den Handschlag. Im anderen schlägt eine Lehrerin auf ihre Schüler ein

Als die Lehrerin vergangene Woche den Gerichtssaal des Augsburger Landgerichts betrat, warteten nur wenige Fotografen vor der Anklagebank auf sie. Keine großen Tageszeitungen hatten die gewalttätigen Vorfälle an einer bayerischen Schule zum Titelthema gemacht. Politiker nahmen den Fall um die fundamentalistische Prügellehrerin nicht zum Anlass, um den Kulturkampf zwischen säkularen Abendland und integrationsunwilligen Fanatikern zu beschwören. Selbst vor Gericht rechtfertigte die Lehrerin die Misshandlungen noch mit Gottes Geboten. Dennoch wurde in keiner einzigen Talkshow über Frage diskutiert, wie viel religiösen Fanatismus eine tolerante Gesellschaft bereit ist zu ertragen.

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Dabei bietet der Fall der christlichen Lehrerin, die nahe des bayerischen Dorfes Deiningen jahrelang Schüler misshandelte, genügend Aufregungspotenzial: Schon bei den kleinsten Vergehen habe die 56-Jährige mit der Rute zugeschlagen, berichten Betroffene vor Gericht. "Wann immer die Kinder das gebraucht haben", habe sie ihre Schüler gezüchtigt, gestand die Anhängerin der christlich-fundamentalistischen Sekte "Zwölf Stämme" und rechtfertigte ihre Taten mit Versen aus dem Alten Testament.

Ohne viel Medienaufsehen war sie in einem vorangegangenen Prozess bereits zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Doch auch beim jetzigen Berufungsverfahren beschränkt sich das öffentliche Interesse auf ein paar Gerichtsberichte in der Augsburger Allgemeinen.

Screenshot von einem YouTube-Video der 12 Stämme zur Rechtfertigung körperlicher Bestrafung von Kindern.

Szenenwechsel: Rund 350 Kilometer weiter südwestlich kommt das schweizerische Dorf Therwil so langsam wieder zur Ruhe. Zwei Wochen lang war eine Sekundarschule in dem Vorort von Basel zum Zentrum einer Debatte um Ablehnung christlich-westlicher Werte, die Grenzen religiöser Freiheiten und Frauenverachtung geworden.

Weltweit hatten Medien über zwei Schüler berichtet, die ihrer Lehrerin nicht die Hand geben wollten. "Eine Kampfansage an unsere Ordnung" befand der CDU-Bundestagsabgeordnete Phillip Lengsfeld über die Ereignisse im schweizerischen Klassenraum. "Schweiz ohne Gott" prophezeite eine Talkshow zur Handschlagdebatte im Schweizer Fernsehen. Selbst die Washington Post titelte: "Switzerland Shocked"

Anders als in Bayern hatte im schweizerischen Klassenzimmer niemand geschlagen. Und genau das war auch das Problem: Zwei 14 und 15 Jahre alte muslimische Schüler hatten ihrer Lehrerin den Handschlag verwehrt. Aus religiösen Gründen, wie sie später in einem Interview erklärten. Verletzt wurde in Therwil niemand. Doch anders als im Fall der christliche Handschlägerin hält die Empörung über die muslimischen Handschlagsverweigerer bis heute an.

Man mag zu Recht einwenden, dass es in Therwil um mehr als die Eigenheiten zweier pubertierender Schüler ging. Viele Kritiker bemängeln nicht das Verhalten der Schüler, sondern das der Schulleitung. Diese hatte die Entscheidung der Schüler respektiert.

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Andere Kritiker verwiesen darauf, der nicht gegebene Handschlag nur die Spitze des Eisbergs und das eigentliche Problem das religiöse Umfeld der Schüler sei: Ihr Vater, ein vor 20 Jahren aus Syrien eingewanderter Imam, arbeite in einer Moschee, in deren Bau auch saudische Gelder geflossen seien. Einer der beiden Schüler habe zudem einen IS-Propaganda-Beitrag auf Facebook gepostet.

Doch selbst, wenn man davon absieht, dass ein nicht gegebener Handschlag auch in der negativsten aller Deutungen nichts im Vergleich zur jahrelangen Misshandlung von Kindern ist; selbst wenn man ungeachtet des konkreten Falls nur auf das "große Ganze" verweist, erklärt dies nicht die mediale Ungleichbehandlung von Therwil und Nördlingen. Denn auch in Fragen des religiösen Fundamentalismus, der Einflussnahme radikaler Gruppen aus dem Ausland und des Wegschauens staatlicher Behörden ist der Fall der christlich-fundamentalistischen Lehrerin um einiges gravierender als der schweizerische Handschlagstreit

Die aus den USA importierte und finanzierte Sekte "Zwölf Stämme" genoss in Deutschland in den letzten Jahren einen Freiraum, von denen islamische Fundamentalisten nur träumen können. Schon in den 1990ern errichteten sie auf einem Grundstück in der Nähe von Bremen ihre eigene kleine Endzeit-Parallelkultur. Später zogen sie auf das bayerische Gut Klosterzimmern um. Kinder wurden dort in einer streng fundamentalistische Auslegung der Bibel unterrichtet: ohne Evolutionstheorie, ohne Sexualkunde, ohne staatlich ausgebildete Lehrer, ohne dass die Eltern der staatlichen Schulpflicht nachkämen.

Was im Fall einer saudischen Koranschule in Deutschland wohl zu einem sofortigen SEK-Einsatz geführt hätte, geschah im Fall der "Zwölf Stämme"-Schule seit mindestens 2006 nicht nur mit Wissen, sondern mit ausdrücklicher Zustimmung der bayerischen Schulbehörde. Gut Klosterzimmern genoss den Status einer staatlich anerkannten Privatschule.

Selbst als sich ehemalige Schüler hilfesuchend an die Presse wandten, schritten die Behörden nicht ein. Ein Aussteiger im September 2012 berichtete davon, dass er seit seinem zweiten Lebensjahr mindestens dreimal täglich mit Rutenschlägen gezüchtigt wurde. Es dauerte trotzdem noch über ein Jahr, bis Behörden die ersten Schüler aus der Sekte befreiten.

Doch obwohl mittlerweile mehrere Gerichtsverfahren gegen Mitglieder der "Zwölf Stämme" laufen, ist das Gut bis heute im Besitz der Sekte. Das Urteil gegen die prügelnde Lehrerin wird im Laufe dieser Woche erwartet. Vor Gericht sagte sie während des vergangenen Verhandlungstages, das Schlagen von Kindern sei für sie "nie eine große Sache gewesen". Solang christliche Fundamentalisten die Täter sind, gilt das offenbar auch für viele Medien. (Fabian Köhler)

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