Handwerksverband zieht Image-Werbung zurück

Der Fernsehspot erinnerte Zuschauer an das Erdbeben in Haiti

In einem CGI- Spot, der seit letztem Samstag in mehreren deutschen Fernsehsendern ausgestrahlt und in Kinos vorgeführt wurde, sieht man erst Möbel, dann ganze Häuser und schließlich auch Kleidungsstücke zu Trümmern und Staub zerfallen. Mit dem Werbefilm wollte der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) darauf aufmerksam machen, wie viele lebensnotwendige Leistungen seine Mitglieder angeblich erbringen.

Eine zumindest irreführende Darstellung - werden doch die meisten der darin zerfallenden Gegenstände ganz überwiegend industriell gefertigt. Allerdings hätte ein realistischerer Spot mit Toiletten, die tatsächlich massenhaft verstopft wären, wenn es keine Handwerker gäbe, möglicherweise noch schärfere Proteste hervorgerufen als der nun zurückgezogene.

Gestoppt wurde dessen Ausstrahlung nicht wegen der potenziellen Irreführung der Zuschauer, sondern weil sich diese durch die zerbröselnden Häuser und Straßen und die staubgrauen Menschen an die Erbebenbilder aus Haiti erinnert fühlten. ZDH-Präsident Otto Kentzler sah sich nach den Beschwerden veranlasst, öffentlich zu erklären, dass in dem Reklamefilm, der seinen Worten nach "mit eindrucksvollen Bildern die Bedeutung des Handwerks für unsere Gesellschaft" zeigt, weder Menschen zu Schaden gekommen noch Häuser oder andere Gegenstände zerstört worden seien, die Ausstrahlung des Spots aber "bis auf Weiteres" ausgesetzt werde.

Bei dieser Gelegenheit hob der Verbandschef hervor, dass der ZDH seine Mitglieder zum Spenden für die karibischen Erdbebenopfer aufgerufen habe. Darüber hinaus seien in Handwerksbetrieben Beschäftigte für Hilfseinsätze des Technischen Hilfswerks (THW) und des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) freigestellt worden. Auch bei anderen Katastrophen wie dem Donauhochwasser, der Elbflut oder dem Tsunami von 2004 habe sich das deutsche Handwerk "in hohem Maß engagiert". Etwas mehrdeutig formuliert fügte er hinzu: "Viele Betriebe und ihre Mitarbeiter planen bereits ihre Unterstützung beim Wiederaufbau, wenn in Haiti die Ordnung wieder hergestellt ist."

Der von der Agentur Scholz & Friends konzipierte und von Regisseur Peter Thwaites umgesetzte Reklamefilm ist Bestandteil einer groß angelegten Kampagne, mit welcher der Zusammenschluss das Image seiner Mitglieder verbessern will. Die bisher größte "Kommunikationsoffensive" seit Bestehen des ZDH steht unter dem Motto "Das Handwerk. Die Wirtschaftsmacht. Von nebenan". Die Plakate und Anzeigen mit diesem Slogan sind nach Kentzlers Angaben nicht von dem Sendemoratorium betroffen. Auch die "Starterpakete" mit Informationsmaterial könnten von den Betrieben wie geplant verwendet werden. Der Clip, das "Kernelement" der Kampagne, soll möglicherweise zu einem späteren Zeitpunkt wieder gezeigt werden.

Der ZDH besteht aus 53 Handwerkskammern, 36 Zentralfachverbänden und einigen gemeinsamen Einrichtungen. Die Mitgliedschaft in den Handwerkskammern ist nicht freiwillig, sondern seit 1897 eine gesetzliche Vorgabe, an der trotz wachsender Kritik und wirtschaftlicher Liberalisierung in anderen Bereichen festgehalten wird. Ihre über Grund- Umsatz- und Gewinnumlagen eingezogenen Zwangsbeiträge verwenden die Kammern unter anderem für Lobbyarbeit. Zu diesem Zweck unterhält der ZDH auch ein Büro in Brüssel.

Die Kritiker der Zwangsmitgliedschaft haben sich im Bundesverband für freie Kammern zusammengeschlossen. Von dort aus klagen sie unter anderem über hohe Bezüge der Kammerfunktionäre, teure Prestigebauten und scheindemokratische Wahlen, bei denen vorher in Hinterzimmern ausgehandelte Einheitslisten von teilweise deutlich weniger als 20 Prozent der Stimmberechtigten abgenickt werden. (Peter Mühlbauer)

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