Haneke als Genre betrachtet

Sind die Filme des Österreichers weniger Medien- als Elternkritik?

Morgen kommt das von Michael Haneke selbst gefertigte US-Remake seines 1997 gedrehten Films Funny Games in die deutschen Kinos. Die erste Fassung sah das Feuilleton überwiegend als Kritik an Bildschirmmedien – sei es zustimmend oder ablehnend. Fast zehn Jahre und einige Filme später spricht einiges dafür, dass auch interessantere Lesarten möglich sind.

Schon Hanekes wenig bekannter erster Kinofilm, Der Siebente Kontinent von 1989, zeigt den Selbstmord einer Kleinfamilie. Der darauf folgende Film Benny's Video von 1992 wurde ganz überwiegend als kulturpessimistischer Kommentar eines Filmemachers zu einem Konkurrenzmedium gewertet. Auf den ersten Blick ist der Film tatsächlich purer Pädagogenkitsch mit Klischees, die damals bereits seit 10 Jahren von Panorama, der Kohl-Regierung, der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften (wie sie früher hieß) und dem deutschen Feuilleton breitgetreten worden waren.

Bennys Video. Bild: Pandora

In Benny's Video filmt die jugendliche Hauptfigur die Tötung eines Mädchens mit einem Bolzenschussapparat. In keiner Rezension wurde vergessen, zu erwähnen, dass er sich vorher immer wieder die Videoaufnahme der Tötung eines Schweins mit solch einem Gerät ansah – was den einfachen Zusammenhang suggeriert, dass die Betrachtung von Gewalt bei Jugendlichen zu Nachahmungstaten führt. Doch kaum irgendwo wurde erwähnt, wie das erste Video entstand und wer die Täter darauf sind: Es stammt von einem Wochenende auf dem Land, auf das die Eltern den widerwilligen Benny mitzwangen. In der Aufnahme (mit der der Film beginnt) ist zu sehen, wie Bennys Vater seinen Sohn zum Tötungsakt heranwinkt – womit es eigentlich ein wesentlich naheliegenderes, direkteres "Vorbild" gibt als das "Bildschirmmedium."

Bennys Video. Bild: Pandora

Auch sind die gewaltgeprägtesten Szenen im Film gerade jene, in denen sich Bennys Vater und seine Mutter (gespielt von der Deutschland-im-Herbst-Antigone Angela Winkler) sehr lange und eingehend über die Zerstückelung der Leiche und die Vertuschung der Tat unterhalten. Aber auch das fiel kaum jemandem auf. Und wenn, dann wurde es eher als dramaturgische Schwäche, denn als interessantes Moment gewertet.

Nach dem wenig erfolgreichen 71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls von 1994 (der sich um einen amoklaufenden Studenten dreht) folgte 1997 Funny Games, in dem zwei jugendliche Täter ein Ehepaar und ihren Sohn in einem Wochenendhaus zu Tode quälen. Der Film baut insofern auf Benny's Video auf, als der jugendliche Killer wieder von Arno Frisch und der Familienvater erneut von Ulrich Mühe gespielt wird. Allerdings ist der Mörder diesmal nicht Mühes Sohn.

Funny Games (1997). Bild: Concorde

Die Kritik vertraute in ihrer Interpretation von Funny Games mehr auf Äußerungen des Regisseurs, als auf den Bedeutungszusammenhang, den die Haneke-Filme als Genre betrachtet liefern – wohl nicht zuletzt auch deshalb, weil Haneke (wie andere Genre-Regisseure vor ihm) nur zu bereitwillig solche scheinbaren Gebrauchsanweisungen lieferte. Liest man Funny Games allerdings nach dieser Interpretationsanleitung als bloße Medienkritik, dann wirkt der Film tatsächlich so naiv, wie ihn Thomas Willmann in Artechock schilderte:

"[…] genau so mag es wohl das deutsche Feuilleton: alles ist völlig klar und überschaubar, plump und platt und vordergründig; die 'Message' wird mit sämtlichen zur Verfügung stehenden Zeigefingern, Zaunpfählen und Holzhämmern eingebläut; und dank der aufgesetzten, billigen 'Verfremdungseffekte' bekommt man notfalls auch noch unter Vollnarkose mit, daß hier Kunst gemacht wird."

Zwar fiel dem einen oder anderen Rezensenten das scheinbar fehlende Motiv der "eloquenten" Täter auf und dass ihr "durchweg höfliche[s] Benehmen […] in krassem Gegensatz zu ihren Handlungen steht" – weitergehende Schlüsse zog daraus allerdings kaum jemand. Dabei empören sich die beiden Täter im Film nicht nur über den Sittenverfall der Jugend, sondern zwingen Anna, die Mutter, auch zu einem Gebet, mit dem sie zwischen dem "Messerchen" und dem "Schießgewehr" wählen kann – wenn sie es (so die von den Tätern flugs geänderte "Spielregel") fehlerfrei rückwärts aufsagen kann.

Gerade der vom Täter Paul verwendete Duktus ist geprägt durch einen häufig erzieherischen Tonfall und Phrasen wie "Darf man Lügen?", die einen Schlüssel dazu liefern, um welche spezielle Form der Machtausübung es bei Haneke nicht nur in Funny Games geht: Um die von Eltern und Lehrern, die perfiden Spaß daran zeigen, ihr Handeln mit Regeln zu legitimieren, welche sie jederzeit ergänzen oder ändern können, wie in einem Auszählreim, an dem einfach eine neue Zählung anschließt.

Durch den Einsatz solcher Techniken werden Paul und sein Lakai (Komplize würde das Verhältnis zwischen den beiden nur sehr unzureichend wiedergeben) selbst zu Eltern, genauer: zum allmächtigen Vater und zur Blockwart-Mutter. In dieser Hinsicht sind sie trotz des überall hervorgehobenen Fernbedienungsgags weniger künstlich als die eigentlichen Eltern mit ihren unwirklich-harmlosen Degeto-Dialogen. Die beiden Täter sind weniger ein Einbruch der Medien in das bildungsbürgerliche Idyll, als eine Wiederkehr jener Gesetzmäßigkeiten, auf denen Ehe und Elternschaft in der Realität basieren.

Dieser Tonfall der elterlichen Gewalt findet sich auch in Hanekes nächstem wichtigen Werk wieder: Der 2001 fertig gestellten Verfilmung von Elfriede Jelineks Roman "Die Klavierspielerin". In ihm wird sofort deutlich, um was es geht: Die Mutter (gespielt von Anne Girardot) wird gegenüber ihrer Tochter (Isabelle Huppert) noch vor der Titeleinblendung handgreiflich. Und diese perpetuiert das Gewaltverhältnis mit vertauschten Rollen an ihre Schüler weiter, die ihr nichts recht machen können, weil sie selbst die Regeln setzt. Auch ihre sexuellen Phantasien sind ganz und gar von dieser Struktur bestimmt. Der Schüler Walter Klemmer durchschaut das ("Ich bin für jedes Spiel zu haben, aber die Spielregeln müssen für alle gelten") und erfüllt ihre masochistischen Befehle auf paradoxe Weise indem er ihnen gerade nicht nachkommt. Klemmer übernimmt schließlich den elterlichen Tonfall und zwingt Erika, zuzugeben, dass sie "selbst schuld" sei, wenn er sie schlägt. Insofern ist Die Klavierspielerin, in dem die elterliche Natur der dargestellten Gewalt unverschlüsselt offenbart wird, Hanekes Schlüsselfilm, der einige seiner anderen Werke deutlich interessanter macht.

Die Klavierspielerin. Bild: Constellation Films

Das gilt auch für den bereits im letzten Jahr abgedrehten Funny Games US mit Naomi Watts als Mutter, Tim Roth als Vater und Michael Pitt als Paul. Haneke drehte das verhältnismäßig wenig veränderte Remake nach eigener Aussage nur deshalb, weil "der erste Film aufgrund der deutschen Sprache das Publikum, für das er eigentlich gedacht war, nicht erreicht hat. Er ist in den englischsprachigen Ländern, insbesondere in den USA, natürlich nur in diesen kleinen Kunstfilmkinos gelaufen. Und das war absolut nicht die Absicht, die ich hatte."

Funny Games US. Bild: Warner

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