Hanoi-Gipfel endet ergebnislos

Kim Jong Un und Donald Trump in Hanoi. Foto: Weißes Haus

Kim Jong Un war Trump zufolge "überrascht", dass die Amerikaner über eine weitere Nuklearanreicherungsanlage außer der in Yongbyon Bescheid wussten und auch deren Schließung forderten

Heute Mittag Ortszeit ging das Gipfeltreffen zwischen dem US-Präsidenten Donald Trump und dem nordkoreanischen Staatschef Kim Jong Un in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi zu Ende. Etwas früher als erwartet, ohne gemeinsames Mittagessen, ohne gemeinsame Presseerklärung und laut der amerikanischen Präsidentensprecherin Sarah Huckabee Sanders auch ohne eine "Einigung".

Trump selbst äußerte sich trotzdem eher optimistisch und meinte, man werde weiter verhandeln. Kim Jong Un war seinem Eindruck nach "überrascht", dass die Amerikaner über eine weitere Nuklearanreicherungsanlage außer der in Yongbyon Bescheid wussten und auch deren Schließung forderten. Trumps Außenminister Mike Pompeo meinte dazu etwas weniger konkret, man habe den nordkoreanischen Staatschef "aufgefordert, mehr zu tun, aber er war nicht darauf vorbereitet".

Pompeo: "Ziellinie noch nicht ganz überschritten", aber "ganz nah dran"

Die nordkoreanische Seite war nach Trumps Angaben zwar zum "Denuklearisieren" bereit - "aber nicht da, wo wir es wollten". Deshalb habe man Kims Wunsch, alle Sanktionen aufzuheben, nicht erfüllen können. "Geschwindigkeit", hatte der US-Präsident bereits vor der zweiten Verhandlungsrunde betont, sei hier weniger wichtig, als "das richtige Abkommen" zu erhalten. Die Gespräche seien aber trotzdem nicht sinnlos, sondern "produktiv" gewesen. Er möge Kim, der "ein echter Charakter" sei, und Kim möge ihn. Nur habe der nordkoreanische Staatschef halt "eine bestimmte Vision, die nicht wirklich die Vision der USA ist, aber schon ähnlicher als vor einem Jahr".

Pompeo meinte, man habe in Hanoi "die Ziellinie noch nicht ganz überschritten", aber man sei "ganz nah dran". Seinen Worten nach ist nicht nur Trump, sondern auch Kim "sehr optimistisch, dass es noch eine Einigung gibt". Kim selbst schwieg nach dem abrupten Ende des Gipfels. Vorher hatte er auf eine Reporterfrage zu seiner Abrüstungsbereitschaft verlautbart, wenn er nicht grundsätzlich zu einer Denuklearisierung bereit wäre, dann wäre er gar nicht nach Hanoi gekommen.

Kernwaffen- und Raketentests sollen vorerst nicht wieder aufgenommen werden

Trump zufolge wird Kim trotz des abrupten Gipfelabbruchs die Ende 2017 gestoppten Kernwaffen- und Raketentests vorerst nicht wieder aufnehmen. US-Medien, die sich auf Auskünfte anderer Delegationsmitglieder beziehen, halten es trotz der fehlenden Einigung auf eine Denuklearisierung als Gegenleistung für ein Aufheben der Wirtschaftssanktionen außerdem für möglich, dass die USA und Nordkorea bald Verbindungsbüros einrichten. Faktisch wären das Botschaften, die anders heißen. Trump hatte solche Verbindungsbüros zu Beginn des zweiten Gipfels als "großartige Sache" gelobt, Kim hatte sie etwas zurückhaltender als "begrüßenswert" bezeichnet.

Weniger optimistisch ist man bezüglich des Abschlusses eines Friedensvertrages für die beiden Koreas. Aktuell gilt an deren Grenze nämlich nur ein von Nordkorea, den USA und China unterzeichneter Waffenstillstand, der 1953 einen über drei Jahre andauernden Krieg mit etwa vier Millionen Toten beendete. Er begann, als der damalige nordkoreanische Staatschef und Dynastiegründer Kim Il Sung 1950 von seinem sowjetischen Schutzherrn Stalin nach einjähriger eifriger Aufrüstung die bereits 1949 erbetene Genehmigung bekam, eine Wiedervereinigung der nach dem Zweiten Weltkrieg am 38. Breitengrad in eine sowjetische und eine amerikanische Besatzungszone geteilten ehemaligen japanischen Kolonie mit militärischen Mitteln zu erreichen. Vorher hatte Stalin die Rote Armee aus Nordkorea abgezogen, um einen direkten militärischen Zusammenstoß mit den Amerikanern zu vermeiden.

Die überraschten Amerikaner und Südkoreaner ließen sich erst nach Busan zurückdrängen, konterten aber dann mit einer Gegenoffensive, in der sie bis zur chinesischen Grenze vorstießen. Darauf hin mobilisierte das bevölkerungsreichste Land der Erde "Freiwilligenverbände", die die Amerikaner und Südkoreaner an die Demarkationslinie zurückdrängten. Dort beschossen sich die Soldaten beider Seiten noch etwa zwei Jahre lang, bis die Politiker der beteiligten Mächte für den Abschluss eines Waffenstillstandsabkommens bereit waren.

Von den ungefähr vier Millionen Toten, die der Krieg hinterließ, waren etwa 500.000 koreanische, 400.000 chinesische und genau 36.914 amerikanische Soldaten. Der Rest der Toten - etwa zehn Prozent der damaligen Bevölkerung Koreas - trug keine Uniform. Sehr viele davon verhungerten, weil der Krieg Ernten und Infrastrukturen zerstörte. Andere fielen Kriegsverbrechen zum Opfer, für die - beispielsweise in No Gun Ri - auch US-Befehlshaber verantwortlich waren. 2005 wurde deshalb in Südkorea eine "Wahrheits- und Versöhnungskommission" ins Leben gerufen, die Kriegsverbrechen beider Seiten aufklären soll. (Peter Mühlbauer)

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