Happiness Machines

Die "gelenkte Demokratie" westlicher Prägung

Denkt man einmal ehrlich über all jene Dinge nach, die sich im eigenen Besitz befinden, wie viele von den wohl tausenden bis zehntausenden (oder mehr?) Gegenständen sind wohl funktional? Was bedeutet funktional? Auch darüber kann man nachdenken. Wie viel Zeit verbringt man z.B. mit jedem Einzelnen von ihnen? Wie viele von ihnen betten sich in die eigenen Tagesabläufe und Zweckstrukturen ein? Wie viele von ihnen nimmt man in ihrer Anwesenheit bewusst zur Kenntnis? Wie viele hingegen nur, wären sie abwesend? Wie viele von ihnen würde man wirklich vermissen, hätte man sie nicht? Wie viele bedeuten einem somit etwas und warum?

Happiness Machines zur Steuerung von Massen. Screenshot aus der BBC-Dokumentation

Denkt man nun über die Zeit nach, die es brauchte, sich die meisten dieser Dinge zu wünschen, sie auszusuchen, sie einzuweihen, sich um ihren Erhalt zu sorgen, und stellt man dem die Zeit entgegen, die es brauchte, das nötige Einkommen zu erzielen, um sie erwerben zu können, wie hätte man die Zeit wohl anders nutzen können?1

Um nicht missverstanden zu werden: Hier soll kein Verzicht gepredigt werden, wie es so häufig von den neoliberalen Apologeten getan wird, die jenen Menschen, die gesellschaftlich besonders benachteiligt wurden, gern vorrechnen, dass es nicht 2,36 Euro, sondern 2,12 Euro am Tage braucht, um das warme Mittagessen auf den Tisch zu bringen, während sie selbst ihre Honorare für die Emission ihrer hohlen Phrasen mit 5000 Euro je Vortrag noch als zu niedrig bemessen wähnen.

Es soll auch keine Mäßigung gepredigt werden, die im modernen "Massen"kaufkraftkapitalismus, wie in der Austeritätskrise momentan beobachtbar, nur dazu genutzt wird, die gesellschaftlichen Machtverhältnisse weiter zu Gunsten der Mächtigen zu verlagern. Man sollte sich jedoch die Frage stellen, was die gezielte Erzeugung von Bedürfnissen und die Zeit zu ihrer Befriedigung mit Demokratie und Macht zu tun haben könnte. Wer nämlich den Ursprung der PR-Branche, sowie das negative Menschenbild zahlreicher Elitenvertreter - Le Bons "Psychologie der Massen" oder Walter Lippmanns "verwirrte Herde", die der Kontrolle der "Spezialisten" unterstellt werden müsse - in seiner historischen Entfaltung betrachtet, wird schnell zu dem Eindruck gelangen, dass diese Dinge sehr viel miteinander zu tun haben können, und eben neben aller systemischen Begründung für die Aushöhlung des Demokratiegedankens auch eine gehörige Portion an Absicht und Interesse mit im Spiel ist.

2002 gab die BBC eine Dokumentation dazu heraus, die auf eindrucksvolle Weise darlegt, wie die modernen Demokratien einen Wandel erfuhren, indem aus angehenden Bürgern, die aktiv an der politisch-gesellschaftlichen Gestaltung hätten teilnehmen können, abgelenkte Konsumenten gemacht werden sollten. Oder um es mit den Worten Präsident Hoovers zu sagen: "constantly moving happiness machines".

Im ersten Teil der BBC-Produktion The Centuries oft he Self mit dem Titel Happiness Machines, auf den hier verwiesen werden soll, wird zugleich die Geschichte der heutigen Propagandaindustrie, ihrer psychologischen Grundkonzepte und ihres Hohepriesters Edward Bernays dargestellt. Bernays, ein Neffe Siegmund Freuds, wirkte u.a. maßgeblich daran mit, dass Demokratie und Kapitalismus in der öffentlichen Meinung gedanklich verschmolzen und die Unternehmen der Privatwirtschaft in den Vereinigten Staaten fortan als die eigentlichen Erbauer des Landes betrachtet wurden.

Der Text wurde zuerst auf dem Blog Maskenfall veröffentlicht.

(Jascha Jaworski)