Haram, Halal und MTV

Fatwas über das Stillen von Bürokollegen und den Urin des Propheten

Vor etwa einem Monat sorgte eine Fatwa in Ägypten für Erregung - und natürlich ließen weder MEMRI noch einschlägige Blogger die Gelegenheit aus, der Welt anhand dieser Fatwa erneut zu demonstrieren, wie altvordern, kauzig und abseits jedes normalen menschlichen Verhaltens diese Religion sein kann. Der am vergangenen Montag erschienene Artikel der New York Times stellt dem Skandal noch eine zweite Fatwa-Affäre zur Seite, die ins Englische übersetzt das Degoutante und Bizarre fortführt: zur „Breast-feeding fatwa“ kommt so die „urine fatwa“.

Eine Frau, die einem erwachsenen Mann fünf Mal die Brust gibt, um ihn damit zu säugen, etabliert dadurch ein verwandtschaftliches Verhältnis zwischen den beiden, was zur Folge hat, dass die beiden in einem Zimmer zusammen arbeiten können, ohne dass sich die Frau verschleiern und ein Anstandsmann („Mahram“) anwesend sein muss – so der vereinfachte inhaltliche Kern der „Breast-Feeding-Fatwa“, die ihrem Verfasser den Job gekostet hat.

Dr. Izzat Attia war Direktor der Habith-Abteilung der berühmten ägyptischen al-Azhar-Universität. Die al-Azhar ist die Institution, was islamische Rechtsgutachten angeht. Doch, was Izzat Attia mit scholastischer Akribie und Eifer aus einer Episode im Leben des Propheten als theoretische Lösungsmöglichkeit für ein alltägliches Problem interpretierte und veröffentlichte, fanden nicht nur seine Vorgesetzten peinlich, sondern ganz Ägypten, ganz zu schweigen von der größeren Menge jener, die übers Netz von der bizzarren Auslegung erfahren.

We were very angered when we heard about the Danish cartoons concerning our prophet; however, these two fatwas are harming our Islamic religion and our prophet more than the cartoons.

Galal Amin in der Tageszeitung Al Masry Al Yom

Wie aus dem Zitat der New York Times hervorgeht, ist damit auch der Ruf des Verfassers der so genannten „Urine Fatwa“ angeschlagen. Dabei ist Scheich Ali Gomaa einer der hochrangigsten Theologen Ägyptens, ein Großmufti. Und die Sache, um die es geht, war keine Fatwa, sondern eine Meinung, wie der Autor betont: in seinem Buch „Religion und Leben“, das schon vor sechs Jahren erschien, bewertete er das Trinken des Urins des Propheten als segensreich.

Obwohl er das Buch aus dem Handel nehmen ließ, hat die Diskussion in der arabischen Öffentlichkeit Gomaas Ruf unzweifelhaft Schaden zugefügt:

The reality is that the mufti is now ‘burned’ and lost religious recognition and the trust of the Muslims and his fatwas will not gain anything but carelessness from all the Muslims; as some will hate it as they hate drinking urine.

Hamdy Rizk

Goma als Erzfundamentalisten zu klassifizieren, der aus schierem Positivismus heraus zu solchen Auslegungen kommt, wird ihm allerdings nicht ganz gerecht: Denn der Scheich ist auch Verfasser eines Rechtsgutachtens, das Frauen das recht gewährt, sich operativ Hymen einsetzen zu lassen, um als Jungfrau in die Ehe zu gehen. In einer anderen Fatwa erlaubt er Frauen gar, um des Schutzes der Familie willen einen Seitensprung zu verheimlichen.

Welchen Einfluss die Fatwas des Großmuftis haben, ist schwer zu klären. Sicher ist, dass gelehrte Antworten auf Fragen zur alltäglichen Praxis ein wichtiger Bestandteil des gläubigen muslimischen Lebens sind. Die Zugriffe auf die zahlreichen Online Portale, die Fatwas anbieten, dürften dies bestätigen. Über die Jahre sind sie zu einer Konkurrenz für etablierte Institutionen geworden, die manchem Sorgen bereiten:

There is chaos now. The problem created is confusion in thought, confusion about what is right and what is wrong, religiously.

Abdullah Megawer, ehemaliger Vorsitzender des Fatwa-Kommitees der Al-Azhar Universität

Die beiden Fatwas zeigten „die totale Verwirrung und Selbst-Delegitimierung der höchsten theologischen Autorität des sunnitischen Islams, der Al-Azhar-Universität. Die peinliche Fatwa des ägyptischen Grossmuftis Ali Gomaa, über die sich die arabische Öffentlichkeit erregt, steht für den erschreckenden Zustand der amtlichen islamischen Theologie. Das wirft die Frage für den interreligiösen Dialog auf: Mit wem soll man eigentlich reden, wenn hohe Amtsträger sich so diskreditieren?“, fragt sich sorgenvoll auch Jörg Lau von der Zeit.

Doch geht es in der Fatwa-Affäre zunächst vor allem um den innerreligiösen Dialog und fürchten muss sich das Beratungsestablishment in diesem Zusammenhang eher vor einem anderen Phänomen, dem wie den Online-Portalen der westliche Einfluss ganz deutlich abzulesen ist: Die Rede ist von neuen „Entertainern“, die beeinflusst vom Stil amerikanischer Fernsehprediger, religiöses Leben in einer neuen, modernen Form präsentieren.

Zu nennen wäre hier vor allem der Ägypter Amr Khaled (vgl. Neoliberaler Kuschelislam? und Islamistische Yuppies). Und zu nennen ist hier auch ein neuer „Shooting-Star“, dessen Popularität sich einer der markanten Exponenten des Web 2.0 verdankt: Baba Ali, der seine Ansichten zum muslimischen Leben über You-Tube verbreitet.

Schon der Name verrät großen Spielwitz: Ali Baba kennt man nicht nur aus 1001 Nacht, sondern aktuell vor allem als Ausdruck von amerikanischen Soldaten im Irak, der mit einiger Geringschätzung die ortsansässige Bevölkerung bezeichnet. Was Baba Ali in seinen Clips vorführt, ist ein Synkretismus aus Islam und MTV. Wie ein Stand-up Comedian erklärt Baba Ali beispielsweise den Unterschied zwischen Haram und Halal, das Verbotene und das Erlaubte, wo dann auch klar wird, was Baba Ali von den grauen Eiferern, der Haram-Polizei, hält. Von ihm wird noch zu reden sein. (Thomas Pany)

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