Harry Potter und der Anfang vom Ende

Alle Bilder: Warner Bros.

Immerhin nicht in 3-D: Auf der Flucht vor den Geistern, die er rief, wird der britische Zauberlehrling zum Antifa-Kämpfer

Harry Potter heiratet! Oder war es doch Prinz William? Die Abenteuer von Harry Potter sind, wie man inzwischen weiß, die Lieblingslektüre der Guantanamo-Häftlinge. Im Gegensatz zum amerikanischen Foltergefängnis neigen sie sich, so dem Publikum nicht bald noch ein gewaltiger Zaubertrick vorgeführt wird, nun aber auch auf der Leinwand bald ihrem endgültigen Ende zu. Mit "Harry Potter und die Heiligtümer des Todes" (so die deutsche Übersetzung des besseren englischen Titels "Harry Potter and the Deathly Hallows") kommt jetzt die Verfilmung auch des siebten und letzten Romans von Joanne K. Rowling ins Kino - erstmals in zwei Teilen, damit die Fans am Ende achtmal ins Kino gehen und der arme Verleih auch wirklich genug verdient.

Im nächsten Sommer ist dann also endgültig Schluss. Andererseits hätte man auch schon die früheren Bücher doppelt und dreifach strecken können, hätte man alle Handlungsfäden dieser unendlichen Geschichte in vollem Umfang in Bilder fassen wollen. Wie zu erwarten war, ist auch dieser vorletzte Harry Potter keine Leinwandzauberei, sondern Spektakelkino aus der Blockbusterfabrik, visuelles Fast Food, nach immergleichem Rezept zusammengesetzt aus den bekannten Bestandteilen inklusive Geschmacksverstärkern, viel Chemie und Hunger nach mehr erzeugend.

Schon längst haben Harry Potter und seine Freunde die englische Boarding School, das Zauberinternat Hogwarts hinter sich gelassen. Wie ihre Leser sind auch die Figuren erwachsen geworden, schlagen sich mit Teenie- und inzwischen mit Twen-Problemen herum und haben entsprechend ältere Gegner. Machen wir uns auch in anderer Hinsicht nichts vor: Buch und Film gäbe es beide nicht, wenn der massive Erfolg nicht dagewesen wäre - insofern muss man Buch und Film nachsehen, dass Figuren und Probleme mehr als auserzählt sind, und man in diesem Film mitunter das Gefühl hat, da habe einer auf die Taste für "endlose Wiederholung" gedrückt - so sehr ähnelt dieser Film seinem Vorläufer, so sehr ähneln einzelne Szenen den anderen vorher.

Alles in allem erinnert dieser siebte Teil nun gar nicht mehr an die "Hanni und Nanni"-Welt eines Internats mit Schüler-Lehrer-Problemen, sondern eher einer aufgeblasenen Folge von "Dr. Kimble auf der Flucht": Von Anfang an werden die engen Freunde Harry, Hermine und Ron vom bösen Lord Voldemort verfolgt, können knapp fliehen und versuchen einen Schritt näher an eine Möglichkeit zu kommen, um das überlegene Böse doch erfolgreich zu bekämpfen.

Das Ganze wiederholt sich noch dreimal, zwischendurch gibt es einen Krach mit Ron, der ist eine Weile verschwunden, bevor er im -natürlich wieder mal entscheidenden - Moment wiederkommt. Viel mehr passiert nicht, sieht man davon ab, dass Harry zunehmend wie eine Mischung aus Messias und Parzifal erscheint. Irgendwann folgt er im Wald einer Hirschkuh und findet so ein Zauber-Schwert - die Handlung ist inzwischen also auch ziemlich esoterisch geworden.

Offenbar sind auch Erwachsene in düsteren Zeiten wie diesen fluchtbereit: Die Sehnsucht nach dem Märchen, nach dem Wunderbaren, Fantasy und Mystizismus feiern im Kino Triumphe und schaffen ein kollektives, fast weltweites Gefüge von Bildern und Vorstellungswelten. Immer noch aber sind Harry Potters Abenteuer eine liberale Mythologie, himmelweit entfernt von dem Blut-und-Boden-Geraune in Tolkiens "Herr der Ringe" oder der evangelikalen Erweckungsideologie in den Verfilmungen von C.S.Lewis "Narnia"-Abenteuern.

In "Harry Potter" ist es immer noch am besten, seinen eigenen Verstand zu gebrauchen, den Erwachsenen nicht alles zu glauben und auf Zaubertricks mit Eigensinn und selbstständigem Denken zu reagieren. Die Figuren mögen Kleingeistern nur als "Marionetten des Guten" erscheinen, vor allem aber sind sie, indem sie Träger von Ideen sind, auch Repräsentanten existentieller Haltungen.

Zuallererst der, sterben zu können. "Philosophieren heißt Sterben lernen", schrieb Montaigne vieldeutig. Erwachsenwerden heißt Sterbenkönnen, zeigt Rowling. Es sind die Bösen, die nach Unsterblichkeit streben; das Streben danach, den Tod zu überwinden, ist Teufelswerk, das ist die These dieser Bücher. Man mag das inhaltlich fragwürdig finden, aber es ist immerhin satisfaktionsfähig.

Wer das nicht ganz und gar ernst nehmen will, für den sei hier zitiert, was die Literaturkritikerin Felicitas von Lovenberg in der FAZ zum Abschluß des siebten Potter-Bandes schrieb:

Die Rechnungen dieser Autorin gingen nie glatt auf, weil die Menschen nun mal komplex und widersprüchlich sind in ihren Wünschen, Hoffnungen, Sehnsüchten, Ambitionen. Das verhalf den Büchern bei aller zauberischen Verspieltheit und allem magischen Versteckspiel zu einer Ernsthaftigkeit, die nichts mit Abrakadabra und Simsalabim zu tun hat. Ihre Spannung lag nicht nur in Harrys Vorbereitung auf die Duelle mit Voldemort, sondern zuallererst in der Entwicklung der Charaktere.

Rowling ist eine Grenzgängerin, das hat die Kirche, die immer wieder gegen "Harry Potter" wettert, richtig erkannt. Denn die Autorin, deren Gesamtauflage (nach derzeitigem Stand 340 Millionen Bücher) nur von der Bibel in den Schatten gestellt wird, versucht sich an drei großen metaphysischen Fragen, auf die alle Religionen Antwort sein wollen: die nach der Grenze des Todes, nach der Macht der Liebe und nach dem Verhältnis von Schicksal und Selbstbestimmung. Die Urlehre, ja das Mantra Rowlings lautet, dass es unsere Entscheidungen sind, die uns ausmachen. Wir sind diejenigen, die wir zu sein beschließen: Helden oder Feiglinge, Freunde oder Verräter. Immer wieder stellt sie ihre Figuren vor Entscheidungen, die den Unterschied zwischen Getriebensein und dem Beschreiten eines bewusst gewählten Weges verdeutlichen.

Fantasy ist in der letzten Dekade zum Genre der Globalisierung geworden. Fantasyliteratur gilt längst nicht mehr wie früher nur als B-Literatur, nicht nur als reine Unterhaltung. Kurioserweise stammt Fantasy dabei vor allem aus Großbritannien. Das gilt schon für die Klassiker der Fantasy, für "Alice im Wunderland" und "Peter Pan", es gilt auch für C.S. Lewis und Tolkien und heute für Philip Pullman (dessen "Der Goldene Kompass" eine Art Harry Potter für Ältere ist) und für Rowling selbst.

Alle diese Romane sind auch Entwicklungsromane, deren Protagonisten sich als Teil des Ganzen fühlen, an ihren Aufgaben reifen. Es geht in ihnen nicht allein um "reine Unterhaltung", sondern um den Sinn des Lebens, um die Sinnhaftigkeit des Handelns und am Ende um die Rettung der Welt. Das Ganze ist größer als das Einzelne.

Eigentlich erstaunlich, dass Erwachsene so etwas lesen. Man kann sich freuen, dass Literatur in der Fantasy seine Demokratisierung erfährt, dass nicht mehr Wissen und Bildung die Voraussetzung geglückter Lektüre sind, dass der Stil schlicht gehalten ist und auf Fremdwörter verzichtet wird. Zugänglichkeit bedeutet Demokratisierung. Dieses Argument ist aber so zutreffend wie populistisch. Denn man muss in solcher Popularisierung auch die Vulgarisierung des Geschmacks, die Nivellierung der Massstäbe für "gute" und "weniger gute" Literatur erkennen. Reduktion von Komplexität ist nur dann begrüßenswert, wenn sie nicht ihren eigenen Gegenstand zerstört.

"Harry Potter" allerdings ist noch in anderer Hinsicht ein Phänomen, das nur unter Bedingungen der Globalisierung möglich und verständlich ist: Von den Vertriebsgepflogenheiten - die Machenschaften von Rowlings ausgebufftem Agenten Christopher Little, den Geheimhaltungsstrategien und dem Preiskampf unter den Buchhändlern - der Schlamperei der Edition - kaum Zeit für die Übersetzer, die jeweils weit über 600 Seiten pro Band etwa gleichzeitig mit dem Erscheinen der Originalausgabe in ihre jeweiligen Sprachen zu übersetzen - einmal abgesehen, gilt das vor allem für die Strategie, mit der ein Bestseller nicht durch Qualität oder Lesergeschmack, sondern durch Marketinghype "gemacht" wird: Jener Automatismus, der Bücher von Henning Mankell und Donna Leon immer wieder auf die ersten Ränge der Bestsellerlisten schießen lässt - die kritische Auseinandersetzung mit dem Buch kann dann nicht anders, als verzögert kommen.

Sie kommt dann allerdings sehr wohl und darum darf man hier noch einmal an die harschen Urteile der englischen Autorin Antonia S. Byatt erinnern, die Rowlings Leserschaft kurzum als Banausen bezeichnete. Harry Potters Abenteuer seien "Ersatzmagie" für eine Generation von Erwachsenen, deren Vorstellungswelt nur von Fernsehcartoons, Seifenopern und Reality-TV bestimmt sei. Der gigantische Erfolg der "Harry Potter"-Bücher und Filme, wie auch die anhaltende Faszination der Massen für "Herr der Ringe" und der "Narnia Chronicles" von C. S. Lewis, deren Anhängerschaft sich ebenfalls von der Jugendkultur auf die erwachsenen Leser erweiterte, liegt unbestreitbar in der Sehnsucht vieler Menschen, unserer Gegenwart zu entfliehen, und sich stattdessen in völlig fremde Welten versetzen zu lassen.

Die Tendenz zum Eskapismus und die unverhohlene Lust an Regression und Rückkehr zur Kindheit zeigt sich im Bedürfnis danach, sich in putzigen Zauberwelten zu verkriechen, wo die unangenehmen Nebengeräusche und das Grundrauschen der Moderne nur gedämpft noch zu hören ist. Gerade bei "Harry Potter" wird es aber tendenziell immer weniger gestillt..

Denn dieser Film ist ein Kriegsfilm und ein Horrordrama. Die Paradiese der Kindheit sind zerstört und die Welt unsicher geworden. Aus dem Teenager-Abenteuer ist ein politischer Bildungsroman geworden. Das Böse führt dabei mit Sturmtruppen einen Blitzkrieg, durchsetzt mit faschistischen Symbolen. Faszinierend, wie aus einem Kinderbuch eine recht komplexe Handlung wird, in der es um Justizirrtümer, Geheimorganisationen und faschistische Unterdrückung geht. Und Harry Potter ist entsprechend bei der Antifa.

Im Gegensatz zum "Herr der Ringe" führt hier auch nicht ein Regisseur Regie, sondern immer wieder ein anderer. Das gibt den Filmen eine eigene Note und dem Gesamtprojekt mehr Abwechslung. David Yates, der hier zum dritten Mal Regie führte, erzählt vor allem mit einer schnell fließenden Kamera und ohne zuviel Digitaltricks. Ein angenehm klassischer Gesamteindruck entsteht, musikalisch untermalt mit vier Variationen eines recht banalen Leitmotivs.

Die beste Nachricht fürs Kino ist: Auch der neueste "Harry Potter" ist kein 3-D-Film. Man muss also keine Angst haben, dass einem speiübel werden könnte, und die Kinokarte ist auch nicht überteuert. Der 3 D Wahn der Filmindustrie neigt sich, kaum ein Jahr nach "Avatar", also schon wieder dem Ende zu. Viel Lärm um nichts.

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