"Hartes journalistisches Wettrennen" um Snowden-Dokumente

Triumph eines "Qualitätsjournalismus" über WikiLeaks?

"Unabhängige Journalisten sollen sich ihr eigenes Urteil darüber bilden, was die Dokumente beinhalten", soll Snowden Hans-Christian Ströbele in Moskau gesagt haben. Snowden hat sich also für einen anderen Weg als Wikileaks entschieden: Die mittlerweile aus der Mode gekommene Enthüllungsplattform hatte fast alle erhaltenen Interna in mehreren Schüben unkommentiert und unzensiert online gestellt. Die Aufregung etwa über das Video "Collateral Murder" hielt sich damals aber nur wenige Wochen, die Aufmerksamkeit für den Whistleblower Chelsea Manning verpuffte ebenfalls bald. Die Veröffentlichungspolitik von Wikileaks wurde deshalb vielfach kritisiert.

Die Verwaltung des Snowden-Materials durch erfahrene Journalisten kann auch als Triumph eines "Qualitätsjournalismus" über Enthüllungsplattformen wie Wikileaks und Cryptome gesehen werden. Gemeint ist das Handwerk, Nachrichten einzuordnen und zu kommentieren, umfangreich zu recherchieren und auf Basis des teils monatelang untersuchten Gegenstands qualitativ wertvolle Geschichten zu erzählen. So wird das Wissen für den Leser erfahrbar und begreifbar. Die Stärken dieses Ansatzes haben John Goetz, Nicky Hager und Frederik Obermaier gestern über angezapfte Glasfaserkabel nach Zypern gezeigt.

Fraglich ist aber, ob eine Verwertung und damit auch Vermarktung durch eine Handvoll Zeitungshäuser der bessere Umgang mit dem wohl weltweit umfassendsten Angriff auf die digitale Privatsphäre darstellt. Wäre nicht die sofortige Veröffentlichung aller Daten zwingend notwendig? Dann könnte die Auswertung und Interpretation unter Mithilfe internationaler Aktivisten und Bürgerrechtler erfolgen, die auf diesem Terrain mitunter über bessere Kenntnisse verfügen: Recherchen des Spiegel haben beispielsweise bereits zu falschen Darstellungen geführt, die von den USA leicht dementiert werden konnten. Kanzeleramtsminister Pofalla hatte die deutsche Befassung mit der NSA-Affäre angeblich nur deshalb für "beendet" erklärt.

Wird nun der Spiegel überwacht?

Die sukzessive journalistische Berichterstattung folgt politisch richtigem Kalkül: Es wird immer das gemeldet, was in einem jeweiligen Land für diplomatischen Schaden und damit gesellschaftliche Auseinandersetzung sorgt. Es kann angenommen werden, dass auf diese Weise die Aufmerksamkeit für den Urheber des Datenlecks länger im Fokus steht, der Whistleblower Snowden also durch politisches Taktieren ohne Gefängnis davonkommen könnte.

Andererseits schlummert in den Beständen von Greenwald, MacAskill, Poitras und anderen vielleicht auch unveröffentlichtes Material, dessen weitere Geheimhaltung nicht nur Aktivisten gefährdet. Werden außer Google und Yahoo auch die Domänen linker Internetanbieter wie Riseup ausspioniert? Wie weit ist die Fähigkeit der Open Source Intelligence und der Zugriff auch auf nicht-öffentliche Daten in Sozialen Netzwerken technisch umgesetzt? In welchem Umfang werden mittlerweile Trojaner-Programme eingesetzt? Gibt es Hinweise darauf, inwiefern die Geheimdienste auch Mobiltelefone infizieren? Werden Funkzellenabfragen oder Inhalte gesprochener Verbindungen in die Totalüberwachung eingepflegt? Der Guardian-Chefredakteur teilt jedenfalls mit, dass er sein Mobiltelefon bei wichtigen Treffen nicht mehr mitführt.

Sollten übrigens Berichte stimmen, wonach von der Botschaft der USA und von der Großbritanniens das deutsche Regierungsviertel ausgespäht wird, könnte hiervon auch der Spiegel betroffen sein: Die Berliner Redaktion befindet sich gerade einmal 150 Meter von den vermuteten Abhöranlagen beider Botschaften entfernt. Wenn Laura Poitras für das Blatt und dessen Online-Ausgabe schreibt, dürfte sie dort hin und wieder anzutreffen sein. Laut der Enthüllungsplattform Cryptome besitzt sie mittlerweile sogar eine E-Mailadresse des Spiegel. (Matthias Monroy)