Hass und Hasskultur

Das neue massenmediale Phänomen

Deutschland verwandelt sich - und zu den auffälligsten Veränderungen scheint eine "neue Wut- und Hasskultur" (Christian Stöcker) zu gehören.

Die Beschreibungen von Wut, Zorn oder Hass jedenfalls häufen sich in den Massenmedien. Seit dem rapiden Anstieg der Flüchtlingszahlen 2015 und der Silvesternacht in Köln soll sich "der Hass im Netz immer gewaltiger Bahn" gebrochen haben. Kurz: "Hass ist gesellschaftsfähig geworden" (Heinz Bude).

Es gibt bisher keine Kulturgeschichte des Hasses. Aber Religionen haben früh Hassgeschichten festgehalten, die von Kain und Abel etwa oder von Jakob und Esau. Und einige Soziologen ordnen Hass vor allem Gemeinschaften zu, weniger modernen Gesellschaften. "Wirklicher Hass und wirkliche Feindschaft", so Lars Clausen, sind "nur in der Gemeinschaft üblich … Gemeinschaft bedeutet auch Dauerhass, Dauerablehnung, Dauerbetrug, dauerhafte Bosheit".

Georg Herwegh hat diesen Dauerhass 1841 noch besungen: "Bekämpfet sie ohn Unterlaß,/ Die Tyrannei auf Erden,/ Und heiliger wird unser Haß/ Als unsre Liebe werden./ Bis unsre Hand in Asche stiebt,/ Soll sie vom Schwert nicht lassen;/ Wir haben lang genug geliebt/ Und wollen endlich hassen!"

Irgendwann verlor der Hass seine alte Bedeutung, wurde - etwa bei Sigmund Freud - zum Gegenpart der Liebe, wurde zivilisiert, pädagogisiert und zum unerwünschten Gefühl erklärt. Er wurde aus dem Alltagsleben ausgeblendet - und in Produkten der Kulturindustrien, in Romanen, Filmen, Jugendkulturen konserviert und kultiviert. Mit anderen Worten: Er wurde gesellschaftlich geächtet, doch massenmedial konsumiert. Die modernen Menschen, so Lars Clausen, "wissen überhaupt nicht mehr, was Hass ist. Nur in der Gemeinschaft lernst du Hass."

Erst um die Jahrtausendwende wurde der Terminus Hass auch in Deutschland wieder populär. Das mag einerseits mit dem 11. September 2001 zusammenhängen. Viel wichtiger dürfte die Übertragung der amerikanischen Hate-Speech-Diskussionen gewesen sein. Nicht zufällig ist Judith Butlers folgenreiches Buch "Excitable Speech" (1997) übersetzt worden mit "Hass spricht".

Der Hass war nun in der Semantik angekommen, er war kein primär gesellschaftliches Phänomen mehr, sondern eine sprachliche Zuschreibung: Hassrede. Nach den akademischen sensibilisierten sich auch journalistische und administrative Milieus für wertende Sprechweisen - und die neuen Sozialen Medien sorgten für beständigen Hate-Nachschub. Denn Hate Speech kann alles und jedes sein: "Hate Speech konkret zu definieren oder zu katalogisieren, ist kaum möglich, denn was Hate Speech ist, ist immer vom Kontext abhängig.".

Hate Speech kann überall sein - und so versuchen inzwischen nicht nur professionalisierte Organisationen wie "Hate Speech Watch" und "No Hate Speech Movement" für Gegenaufklärung zu sorgen. Damit "Hasskommentare" und "Hassbotschaften" aus dem Netz gelöscht werden, verabredete Bundesjustizminister Heiko Maas 2015 mit Facebook eigens eine "Task-Force".

Erst die Sozialen Medien Facebook, Twitter und Co. ermöglichten es Jedermann, zum Sender zu werden. Millionen neue Nutzer betraten die Medienmärkte 2.0, rezipierten, kommentierten, leiteten weiter.

Zunächst hatte die Digitalisierung Informationen allgegenwärtig gemacht, nun "befreite" sie die Kommunikation. Heute sollen 27 Millionen Deutsche bei Facebook mitwirken, über die Hassbeiträge dort hingegen weiß man fast nichts. Die "Zahl der überprüften und gelöschten" Beiträge ist unbekannt, der "Zugang zu den Daten kaum möglich".

Der Berliner Kommunikationswissenschaftler Martin Emmer rät deshalb auch zur Vorsicht: "Es gab in Deutschland … vermutlich auch früher solche Debatten, die haben aber am Stammtisch in der Kneipe stattgefunden. Die hat nie jemand mitbekommen." Erst das Internet mache solche Hass-Phänomene sichtbar. "Ob das alles neu ist und schlimmer als früher, da wäre ich etwas vorsichtig." Hass am Stammtisch und Hating im Netz dürften sehr unterschiedlich funktionieren.

Gibt es also tatsächlich eine neue Wut- und Hasskultur in Deutschland? Gibt es neben den bekannten Wutbürgern auch die Hassbürger, gar eine "Hassbewegung" oder (wie die ARD 2015 zur Einführung in ihre Themenwoche "Toleranz" zuspitzte) gar eine "Hassgesellschaft"?

Empirisch sind die "Hass"-Phänomene gegenwärtig kaum zu fassen - und vielleicht sind die neuen Wortkreationen vor allem Gegenbegriffe, um den "Hass" zu bannen. Facebook-Managerin Sheryl Sandberg empfahl kürzlich in Berlin "Counter Speech" als mächtiges Mittel gegen Hasskommunikation und kündigte eine entsprechende Marketingkampagne und einen großen Geldbeitrag an.

Moderner Hass findet im "Simulacrum" (Jean Baudrillard) statt, in einer virtuellen Welt aus Massenmedien und Filterblasen in der das Wirkliche und das Mediale, das Hassen und das Haten kaum noch unterschieden werden können. Hass kennen wir vor allem aus Medien. Gegenwärtig – noch. Hier.

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