"Hast Du Dich gesehen, Du Affe?" - Rumble in the Jungle in Calais

Gesellschaftliche Reaktionen

Ein Teil der örtlichen Bevölkerung, hat sich mit der Existenz des Camps abgefunden. In dem Brotbackzelt von afghanischen Händlern klappt meine Verständigung auf Persisch. Wie schaffen sie eigentlich Vorräte für ihre Geschäfte heran? Müssen sie alles selbst herbeiholen? Nein, meinen sie, zwar führen sie viel selbst heran, doch auch örtliche Geschäftsleute und Großhändler belieferten den "Dschungel" inzwischen: Geld sei Geld, meinten diese.

Andere Menschen haben eher ideelle Motive. Mélanie, eine Ohrenärztin (Vorname redaktionell geändert), betätigt sich als Lehrerin und gibt Geflüchteten Sprachkurse. Virginie betreibt ein Projekt mit Kindern aus dem Camp und Schulkindern in einer Nachbarstadt: Beide Kindergruppen malen Postkarten für die jeweils anderen Altersgenossen, um sich besser kennenzulernen. Um Vorurteile in der Bevölkerung zurückdrängen, fügt Virginie hinzu, denn für viele sei das Camp nur "der Ort, wo die Milbenkrätze kursiert".

Andere Teile der ansässigen Bevölkerung sehen das Anwachsen des Camps weitaus weniger ruhig. Dies bekamen die Teilnehmer einer Solidaritätsdemonstration, die am vorletzten Samstag im Januar zusammen mit den Migranten durch Calais zogen, an manchen Ecken zu spüren.

"Künstlerviertel" im Jungle. Foto: B. Schmid

Ausgelassene Stimmung, Trommelwirbel und dazwischen improvisierte Musik aus selbstgebastelten Tröten: Trübsal war nicht angesagt, als an jenem Nachmittag rund 3.000 Menschen zur Unterstützung der Migranten und Flüchtlinge demonstrierten. Sechs Reisebusse waren dazu am frühen Morgen allein aus der Hauptstadt Paris aufgebrochen, weitere Busse und Mitfahrgelegenheiten wurden aus der Regionalhauptstadt Lille organisiert.

Delegationen kamen auch aus Hamburg und aus Großbritannien. Von dort ließ sich sogar der zum linken Parteiflügel zählende Chef der Labour Party, Jeremy Corbin, blicken.

Nicht alle nahmen den Zug jedoch freundlich auf. Der fünf Kilometer lange Weg vom "Jungle" genannten Flüchtlingscamp außerhalb der Stadt bis zum Zentrum führte auch durch ein Viertel in Hafennähe, in dem es mehrere rechtsextreme Provokationen gab. In einem Hauseingang provozierten zwei Männer um die fünfzig die Vorbeiziehenden und versuchten, Zwischenfälle hervorzurufen:

"Hast Du Dich gesehen, Du Affe?" "Nehmt Eure Kanaken und zieht Leine!"

Einige Dutzend Meter weiter sammelten sich mehrere junge Männer vor einem Haus. Ein untersetzter Mann mit Kurzhaarschnitt schwang einen Schlagstock. Ein anderer neben ihm, Anfang zwanzig, holte ein Gewehr aus dem Haus und zeigte es kurzzeitig vor (hier oder hier).

Die sichtlich nervöse Polizei ging mit schwarze Kapuzen und Gewehre tragenden Beamten dazwischen und suchte nach der Waffe. Kurz darauf präsentierte deren Eigentümer, ein stämmiger junger Mann mit Bürstenhaarschnitt und in kurzen Hosen, auch ein Gewehr - doch es war nicht das richtige, das er hatte blicken lassen, und es war auch keine echte Waffe. Daraufhin wurde über die Presse bekannt, dass er nicht mit Strafverfolgungen zu rechnen habe.

Allerdings flog der Schwindel auf, und es stellte sich heraus, dass er im Besitz eines scharfen Jagdgewehrs ist, das nicht polizeilich angemeldet wurde. Daraufhin verlautbarte nun, es werde doch ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren geben. Der Betreffende ist polizeibekannt - als Minderjähriger wurde er wegen eines gewalttätigen Angriffs mit Waffe auf einen Migranten aus dem September 2010 in Polizeigewahrsam genommen -; und antifaschistischen Gruppen ist er seit längerem als rechtsextremer Aktivist bekannt, der etwa auch 2013 an einem stiefelfaschistischen Aufmarsch im 800 Kilometer entfernten Lyon teilnahm.

In der örtlichen und überregionalen Presse wird der 21-Jährige allerdings beinahe durchweg nur als "überforderter Anwohner" (riverain excédé) dargestellt, und weitaus weniger als politischer Aktivist bezeichnet; immer mit der Vorstellung verknüpft, das wahre Problem in der Stadt sei das Migranten-Camp.

Der frühere Staatspräsident und Vorsitzende der konservativen Rechtspartei LR (Les Républicains, ehemals UMP), Nicolas Sarkozy, kommentierte das Ganze - nachdem er ein Video über das Gerangel vor dem fraglichen Haus gesehen hatte - übrigens mit den Worten:

Ich werde nicht hinnehmen, dass Personen, die sich illegal in Frankreich aufhalten, auf seinem Boden die Gesetze verletzen.

Auch einige Anwohner aus der Bevölkerung ließen sich anstecken und zeigten sich eher feindselig. "Ich bin allein mit meinen Kindern, und wer kümmert sich um mich?" rief eine Frau mit Verband um den Arm auf die Vorbeigehenden herab, und fügte hinzu: "Die sind Tausende da drüben! Und wir, wie viele sind wir hier?" Eine ältere Dame polterte vor ihrem Haus herum: "Nehmt sie doch alle mit, und bringt sie nach England! Hauptsache, sie belästigen uns hier nicht mehr!" Andernorts wiederum standen Menschen auf den Balkonen, applaudierten dem Zug und filmten mit ihren Handys.

Auch sonst häufen sich seit einiger Zeit gewalttätige Übergriffe. In der Nacht vom 20. auf den 21. Januar etwa wurden drei Syrer in Calais, mutmaßlich mittels Eisenstangen, angegriffen. Unterdessen kommt es auch zu Zwischenfällen zwischen der Polizei und den Einwohnern des Migranten-Camps; wie zuletzt am Sonntag, den 31. Januar.

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