Hat der Globale Krieg gegen den Terror den Terrorismus reduziert?

Bild: 2015 Global Terrorism Index

Zahlen zeigen, dass der Krieg im Irak den Terrorismus nachhaltig verstärkte und verbreitete, 2014 gab es das Maximum an Terroranschlägen und Toten

Nach den Anschlägen vom 11.9 2001 hat die US-Regierung den Globalen Krieg gegen den Terror ausgerufen. Die Kriegsermächtigungen des US-Kongresses, die den damaligen Präsidenten George W. Bush zum obersten Kriegsherrn machten, sind weiterhin gültig. Präsident Obama führt auf dieser rechtlichen Basis den Krieg weiter, der Kongress war bislang nicht in der Lage, die Kriegsermächtigung gegen das Taliban-Regime und al-Qaida und gegen den Irak zu beenden und neue Bedingungen für den Krieg zu setzen, den die USA weiterhin führt.

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Obama, der vergeblich versuchte, die Kriege in Afghanistan und im Irak zu beenden, hatte schon im Glauben, al-Qaida weitgehend zerschlagen zu haben, die Verwendung des Begriff des Globalen Kriegs gegen den Terror (GWOT) untersagt (US-Regierung streicht den Ausdruck "Globaler Krieg gegen den Terror"), auch wenn jetzt der islamistische Terror sich allmählich erst wirklich ausbreitet. Das lässt auch die Frage entstehen, wie erfolgreich die militärische Bekämpfung des islamistischen Terrors, inklusive des Einmarsches in zwei Länder und dem Regime Change, war.

Französisch sprechender IS-Kämpfer ruft Muslime in Frankreich zu Anschlägen auf.

Es sieht derzeit so aus, als hätten die militärischen Interventionen den islamistischen Terrorismus weiter gestärkt und weltweit verbreitet. Jetzt kämpfen Islamisten auch mit schweren Waffen und kontrollieren Territorien, während vor allem im Irak und in Syrien täglich Selbstmordanschläge stattfinden, aber auch vermehrt in anderen muslimischen Ländern und westlichen Staaten.

Ein Blick auf den 2015 Global Terrorism Index, in dem versucht wurde, Terroranschläge in 162 Ländern seit 2000 zu erfassen, offenbart, dass seit Beginn des Bürgerkriegs 2011 der Terrorismus stetig und steil gewachsen ist. 2014 sind mehr als 30.000 Menschen durch Terroranschläge getötet worden, der absolute Rekord bislang, 2013 waren es 18.100. 78 Prozent der durch Anschläge Getöteten lebten in nur 5 Ländern statt: Irak, Nigeria, Afghanistan, Pakistan und Syrien. Dort wurden etwas mehr als die Hälfte aller Anschläge gezählt. Boko Haram und der IS waren für die Hälfte der Toten verantwortlich. Am schlimmsten suchte der Terrorismus Bagdad heim, mit weitem Abstand gefolgt von Maiduguri (Nigeria), Mossul, Peschawar, Donezk und Kabul. Allerdings werden weltweit mit fast 440.000 Opfern dreizehnmal so viele Menschen ermordet.

Das National Consortium for the Study of Terrorism and Responses to Terrorism (START) hat in seiner Global Terrorism Database (GTD), auf die sich der Global Terrorism Index stützt, auch die Daten für 2015 erhoben und veröffentlicht. Von START werden Daten zu Terroranschlägen seit den 1970er Jahren gesammelt. Danach ist die Zahl der Terroranschläge und der Toten 2015 erstmals seit 2009 wieder zurückgegangen - und zwar um 12 Prozent. Man muss davon ausgehen, dass sich 2016 der Trend wieder umkehrt.

Der Rückgang wird auf weniger Anschläge im Irak, in Pakistan und Nigeria zurückgeführt, während in Ländern wie Afghanistan, Syrien, Bangladesch, Ägypten, den Philippinen und der Türkei die Zahl der Terroranschläge und der durch sie Getöteten stark angestiegen ist. Die meisten Terroranschläge fanden 2015 im Irak, in Afghanistan, Pakistan, Indien und auf den Philippinen statt. Im Irak war der IS nur für 10 Prozent der Anschläge verantwortlich, dagegen übte er 68 Prozent mehr in Syrien als 2014 aus.

Interessant ist der langfristige Trend. Ab Ende der 1970er stiegen Anzahl der Anschläge und die der Getöteten steil an, wenn auch bei weitem nicht so schnell und so hoch wie nach 2005. In den 1980er Jahren gab es die meisten Terroranschläge in Lateinamerika. Nach dem Ende des Kalten Kriegs ging die Terrorbedrohung drastisch und erreichte 1998 einen Tiefstand, um dann bis 2001 wieder anzusteigen, wo es die meisten Anschläge im Nahen Osten und Nordafrika sowie in Südostasien gab. Bis 2005 kann wieder eine Abnahme beobachtet werden, aber ab 2004, nach Einmarsch der Amerikaner in den Irak wurde bereits der Nahe Osten zum Terrorzentrum, ab 2005 stieg die Zahl der Terroranschläge schließlich sprunghaft an, erreichte 2008 ein erstes Plateau auf der Höhe des bisherigen Gipfels im Jahr 1992, um dann eben 2011 weiter steil anzusteigen.

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Schließen kann man daraus, dass der Afghanistan-Krieg anfangs zum Zurückgehen des Terrorismus geführt hat, dass aber die Ausweitung des Terrorkrieges auf den Irak den Terrorismus dort und nach und nach auch in anderen Ländern erst wirklich entfacht hat. Seit 2000 ist die Zahl der Todesopfer durch Terroranschläge um das Neunfache gestiegen. Die westlichen Länder sind dabei, trotz einiger großer Anschläge mit vielen Opfern, letztlich Oasen geblieben. Weniger als 3 Prozent der durch Terroranschläge Getöteten wurden zwischen 2000 und 2014 hier verübt.

Allerdings gibt es seit kurzem einen zusätzlich beunruhigenden Trend, der nahelegt, dass der ausgerufene Globale Krieg gegen den Terrorismus diesen auch, vor allem durch den IS, globalisiert hat. So steigt die Zahl der Länder, in denen durch Terroranschläge mehr als 500 Menschen getötet wurden, in den letzten Jahren an. Bislang waren dies maximal 5, 2014 bereits 11, Anschläge, die mehr als 250 Menschen töteten, fanden in 17 Ländern statt, bislang waren es maximal 8 (2010). Nach der Global Terrorism Database wurden 2013 in 59 Ländern Terroranschläge verübt, 2015 waren es bereits fast 100. (Florian Rötzer)

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