Hat die CIA Iran die Bauanleitung zu einer Atombombe geliefert?

In einem Buch schildert NYT-Reporter Risen zudem, wie die CIA 2004 ihr Agentennetz im Iran auffliegen ließ und daher ausgerechnet jetzt, wo die Bush-Regierung Iran ins Visier nimmt, keine Informationen mehr hat

Ähnlich wie der Krieg gegen den Irak vorbereitet wurde, scheinen die britische und amerikanische Regierung auch den Iran zu Fall zu bringen. Es wird an Behauptungen gestrickt, aber es gibt auch fatale Fehler, die Geheimdienste begehen, weil sie verdeckt vorbereiten sollen, was dann auf offener Bühne von den Regierungen ausgehandelt wird. Jetzt mussten die Briten den Vorwurf zurückziehen, dass Iran die Aufständischen im Irak mit Waffen beliefert. Und in einem Buch werden die Finten und Schlappen der CIA vorgestellt, die Iran sogar Konstruktionspläne für die Entwicklung von Atomwaffen geliefert haben soll.

Vor drei Monaten richteten britische Militärs heftige Vorwürfe an den Iran. Von dort würden die besseren Bomben stammen, mit denen britische Soldaten getötet worden waren. Zudem soll es im Iran Ausbildungslager für Terroristen geben. Just zu der Zeit spitzte sich einmal wieder der Konflikt zwischen der US-Regierung und Iran wegen dessen Atomprogramm zu und US-Verteidigungsminister Rumsfeld warnte den Iran vor den Konsequenzen der angeblichen Waffenlieferungen in den Irak.

Auch der britische Regierungschef Blair, stets seinem Freund im Weißen Haus zu Diensten, mischte sich ein und warnte die iranische Führung. Die iranische Regierung stritt alle Anschuldigungen ab und schob hingegen den Schwarzen Peter zurück, indem sie ihrerseits behauptet, die britische Regierung stecke hinter Terroranschlägen, die im Iran ausgeführt wurden. Britische Regierungsangehörige haben nun, wie der Independent berichtet, eingeräumt, dass es für die Behauptungen, der Iran habe Bomben an die Aufständischen geliefert, weder Beweise noch verlässliche geheimdienstliche Informationen gebe. Auch wenn tatsächlich Bomben oder Teile aus dem Iran stammen sollten, gebe es keine Hinweise, dass die Revolutionäre Garde beteiligt ist.

Der frühere Verteidigungsminister Peter Kilfoyle kritisierte, dass Blair die Obsession von Bush im Hinblick auf den Iran zu tgeilen scheint: "Sind das Geheimdienstinformationen oder ist das Propaganda? Das ist im Irak geschehen. Ich habe eine tiefes Misstrauen gegenüber dem, was die Regierung sagt und was die Geheimdienste mitteilen. Das ist Teil eines fast unbewussten Drangs, all das, was die amerikanische Politik gerade macht, zu unterstützen." Kritik kommt auch von den Angehörigen britischer Soldaten, die im Irak getötet wurden. Eine Mutter sagte, dass der Tod ihres Sohnes politisch instrumentalisiert wurde, um einen Grund für eine weitere Invasion zu erhalten.

Nach einem Bericht mehrerer europäischer Geheimdienste, darunter auch vom BND, versucht der Iran heimlich notwendige Bestandteile zur Herstellung von waffenfähigem Plutonium auf den Märkten in Europa und den ehemaligen Ländern des Ostblocks zu beschaffen. IAEA-Mitarbeiter sagen jedoch, der Bericht enthalte keine Beweise dafür, dass der Iran Techniken erworben hat, die ausschließlich zur Herstellung von Atomwaffen benötigt werden.

Bekanntlich hatte US-Präsident Bush neben dem Irak und Nordkorea Iran zur Achse des Bösen gerechnet. Seit der Invasion in den Irak und dem Regimewechsel, der in einer Musterdemokratie münden und die gesamte Region nach der Dominotheorie umwandeln sollte, steht der Iran und sein Atomprogramm im Visier der Bush-Regierung. Die iranische Führung behauptet, sie wolle Uran nur anreichern, um es für friedliche Zwecke zu nutzen, aber sie treibt auch ein Spiel mit der IAEA und hat womöglich tatsächlich vor, Atomwaffen zu bauen.

Nachdem die US-Regierung und die britische Regierung weiterhin an ihrem Atomwaffenarsenal festhalten und es modernisieren wollen (Nukleare Aufrüstung), obgleich der Atomwaffensperrvertrag, dem der Iran beigetreten ist, unter der Bedingung geschlossen wurde, dass die fünf Atommächte ihre Bestände abrüsten, dürfte der Wunsch von Regierungen, die sich durch die US-Regierung bedroht sehen, nach Atomwaffen zum Schutz vor einem Angriff gestiegen sein. Der im Unterschied zum Irak zurückhaltende Umgang mit Nordkorea, das behauptet, bereits Atomwaffen zu besitzen, bestätigt diese Haltung. Zudem hat auch Israel ein relatives großes Arsenal an Atomwaffen und hat überdies bereits ein Atomkraftwerk im Irak bombardiert. Selbiges wird auch dem Iran angedroht. Die iranische Regierung wiederum agiert derweil aus einer Position der Stärke heraus, provoziert auch die europäischen Verhandlungspartner und die Weltgemeinschaft, wenn der iranische Präsident Ahmadinedschad lauthals etwa das Existenzrecht Israels bestreitet. Zudem gehen derzeit wieder Gerüchte über Planungen der US-Regierung für einen möglichen Militärschlag gegen Iran um.

Ähnlich wie man in den USA schon lange vor dem Einmarsch in den Irak dort einen Regimewechsel angestrebt, war dies auch beim Iran der Fall. Allerdings ging auch hier offenbar einiges schief, wie New York Times-Reporter James Risen, der auch an dem Artikel über den heimlichen Lauschangriff der NSA auf US-Bürger beteiligt war, in seinem Buch "State of War: The Secret History of the CIA and the Bush Administration" schildert. Insbesondere kommt der Geheimdienst CIA nicht gut dabei weg. Der Guardian hat in seiner heutigen Ausgabe ein Kapitel aus dem Buch veröffentlicht.

Nach Risen hat die CIA in einer verunglückten Operation dem Iran Dokumente in die Hände gespielt, mit denen sich Atomwaffen herstellen ließen. Bei dieser "Operation Merlin" schickte die CIA einen Ingenieur, der am sowjetischen Atomwaffenprogramm mitgearbeitet hatte und in die USA geflohen war, nach Wien. Dort sollte der jetzt für 5.000 US-Dollar Monatsgehalt für die CIA arbeitende Russe sich als arbeitslosen Wissenschaftler ausgeben und mit den iranischen Repräsentanten bei der IAEA Kontakt aufnehmen. Bei sich hatte er Dokumente für einen der wichtigsten Bestandteile von russischen Atombomben, nämlich den Zündmechanismus, der die atomare Kettenreaktion auslöst.

Die Dokumente waren von der CIA überarbeitet worden, so dass bei Umsetzung der Bauanweisung die Atombombe nicht richtig explodiert wäre. Dadurch würde die Entwicklung von Atomwaffen, wie man bei der CIA hoffte, um Jahre zurück geworfen, während man über den Fehler den auch damals unbekannten Stand der Technik im Iran herauszubekommen konnte. Dem russischen Wissenschaftler ist der von der CIA eingebaute Fehler in den Dokumenten aber aufgefallen. Er wies die CIA darauf hin, aber er sollte natürlich trotzdem die Dokumente übergeben. Der Wissenschaftler hatte wohl Angst, dabei unter die Räder zu geraten, und legte einen Brief bei der Übergabe bei, in dem er auf mögliche Fehler in der Bauanleitung hinwies. Der Russe schaffte es dann, die Dokumente mit seinem Brief, ohne gesehen zu werden, in der iranischen Vertretung abzuliefern.

Die Operation sei eine der geheimsten Operationen der Clinton- und der Bush-Regierung gewesen. Clinton soll den Plan befürwortet haben, die Bush-Regierung sei aber auch dahinter gestanden. Nach Aussage ehemaliger CIA-Mitarbeiter habe man solche Tricks auch schon früher oft ausgeführt, allerdings hatte es sich bei diesen Trojanischen Pferden bislang um traditionelle Waffen gehandelt. Risen bezeichnet Merlin als eine der "gewagtesten Operationen in der Geschichte der CIA", da sie möglicherweise dazu beigetragen hat, dem Iran die Herstellung von Atomwaffen zu erleichtern. Risen ist der Überzeugung, dass iranische Wissenschaftler die Fehler aufgrund ihres Wissensstandes auch alleine hätten entdecken können. Zudem hätten sie auch von dem pakistanischen Wissenschaftler Abdul Kann, dem "Vater der muslimischen Atombombe", Bauanleitungen erhalten. Im Vergleich damit und mit dem Erkennen der Fehler hätten sie nun womöglich über die CIA-Dokumente wichtige Informationen für den Bau von Atomwaffen erhalten.

Ein anderes Fiasko ist nach Risen im Jahr 2004 geschehen. Damals schickte ein CIA-Mitarbeiter vom Hauptquartier in Langley wichtige verschlüsselte Informationen an einen CIA-Agenten im Iran. Der aber war ein Doppelagent, der die Informationen gleich an den iranischen Geheimdienst weiter leitete. Mit den erhaltenen Informationen sei es dann möglich gewesen, praktisch alle CIA-Agenten im Iran zu enttarnen.

Manche der Agenten seien verhaftet worden, von anderen habe man seitdem nichts mehr gehört, haben CIA-Mitarbeiter Risen gesagt. Seitdem sei die CIA "praktisch blind" im Iran und habe keine Informationen mehr über das vermutete Atomwaffenprogramm liefern können. Das sei besonders peinlich für die Bush-Regierung, die nach dem Debakel mit angeblichen irakischen Programmen zur Herstellung von Massenvernichtungswaffen gerade dabei war, die Weltöffentlichkeit davon zu überzeugen, dass der Iran sich heimlich aufrüsten will. Im Frühjahr 2005 musste dann der neue CIA-Direktor Goss US-Präsident Bush mitteilen, dass man keine Ahnung habe.

Kommentare lesen (64 Beiträge)
Anzeige