Hat sich der aufrechte Gang bei Primaten im Allgäu vor 12 Millionen Jahren entwickelt?

Fossilien des Danuvius. Bild: Christoph Jäckle

Der aufrechte Gang galt bislang als zentrales Merkmal von Menschen, die in Afrika viel später gelebt haben

Man hätte zuerst an einen Aprilscherz gedacht, auch wenn es November ist, wenn man darauf stößt, dass die ersten Menschenaffen, die aufrecht gehen konnten, nicht nur in Europa, sondern auch noch im Allgäu gelebt haben sollen. Und den Namen Danuvius guggenmosi tragen.

Gefunden wurden von Wissenschaftlern von der Universität Tübingen und des Senckenberg Center for Human Evolution and Palaeoenvironment in einem Bach der Tongrube "Hammerschmiede" bei Pforzen Teile von Skeletten von mindestens vier Vertretern des Danuvius guggenmosi, aus denen sich ableiten lasse, wie sich dieser Menschenaffe, der 11,62 Millionen Jahre alt ist, fortbewegt hat. Es handelt sich um teilweise vollständige Arm- und Beinknochen, schreiben sie in ihrem Beitrag für Nature.

Der Winzling mit einer Größe von etwa einem Meter und einem Gewicht zwischen 18 und 31 kg ist geklettert, hat sich aber offenbar auch aufrecht auf zwei Beinen fortbewegen können - und das Millionen Jahre früher, als man dies bislang angenommen hatte. Das Skelett eines männlichen Danuvius war am besten erhalten. Er hatte lange Arme, aber Füße mit X-Beinen, festes Fußgelenk und S-förmige Wirbelsäule lassen vermuten, dass er auf seinen "Hinterfüßen" gehen konnte. Für Madelaine Böhme von der Universität Tübingen und dem "Senckenberg Center for Human Evolution and Palaeoenvironment", die Leiterin des internationalen Teams, handelt es sich um eine "Sternstunde der Paläoanthropologie": "Dass sich der Prozess des aufrechten Gangs in Europa vollzog, erschüttert die Grundfeste der Paläoanthropologie."

Der aufrechte Gang war bislang mit der Evolution des modernen Menschen verbunden worden, der in Afrika entstanden ist, woraus man vielfältige Schlüsse über die damit verbundenen Folgen und die Einzigartigkeit des Menschen ableitete. So gibt es Vermutungen, dass der aufrechte Gang vor 6 Millionen Jahren entstanden sein könnte, der Hominide Ardipithecus ramidus, der vor 4,4 Millionen Jahren lebte, konnte auf zwei Beinen gehen.

Wenn Danuvius guggenmosi aber bis zu 8 Millionen Jahre früher bereits im Wald lebend aufrecht gehen konnte, also auch 5 Millionen Jahre bevor die Hominiden sich von den anderen Menschenaffen abzweigten, ist die These, dass die Vorfahren der Menschen in Afrika aus den Wäldern in die Savannen auch wegen der Möglichkeit der zweibeinigen Fortbewegung zogen, nicht mehr ganz so schlüssig. Auch der Menschenaffe vor 12 Millionen Jahre hätte bereits seine Arme und Hände zum besseren Werkzeuggebrauch frei gehabt. Jedenfalls wäre, wenn Danuvius guggenmosi aufrecht gehen konnte, die lange gehegte Vermutung, dass der aufrechte Gang eine zentrale Eigenschaft des Menschen ist, widerlegt.

Rekonstruktion (weiße Knochen) des Schädels und des Unterkiefers. Bild: Christoph Jäckle

Aber vielleicht war Danubius guggenmosi eine evolutionäre Sackgasse und ist die Zweibeinigkeit mehrmals entstanden. Darauf könnte ein anderer Fund hinweisen, der kürzlich gemacht wurde. In Rudabánya in Ungarn entdeckten Wissenschaftler einen 10 Millionen Jahre alten Beckenknochen, der sich von denen der Vorfahren der afrikanischen Menschenaffen und Hominiden unterscheidet. Der Rudapithecus hungaricus soll auch eine flexible Wirbelsäule gehabt haben und war möglicherweise auch imstande, auf seinen Hinterfüßen aufrecht zu laufen.

Möglicherweise haben sich die heutigen Schimpansen und Gorillas aus solchen europäischen Vorfahren entwickelt und den aufrechten Gang wieder evolutionär "vergessen", während der moderne Mensch die Zweibeinigkeit von den europäischen Vorfahren geerbt haben könnte. Aber das sind alles wilde Spekulationen, einschließlich der, dass die Vorfahren der Hominiden nicht in Afrika entstanden sind, sondern dort eingewandert sind, um dann von dort aus (Out of Africa) wieder zurückzuziehen. Ungeklärt ist aber noch, ob Danubius guggenmosi genetisch mit den Hominiden verwandt ist.

Der Name des Primaten kommt übrigens von dem Hobbyarchäologe Sigulf Guggenmos, der die Fossilien 1972 entdeckt hatte. Mit der Namensgebung soll an ihn erinnert werden. "Seit 2017 werden die Grabungen im Rahmen eines Citizen Science Projekts von Ehrenamtlichen unterstützt", teilt die Universität Tübingen mit. "Rund 15.000 Fossilien von bisher 115 Wirbeltier-Arten konnten geborgen werden, darunter Fische, Riesensalamander, Schildkröten, Vögel, Elefanten und die weltweit ältesten Pandas. Vor fast 12 Millionen Jahren lebten sie hier in offenen Waldlandschaften, Flüssen und Tümpeln in einem warm-subtropischen Klima." Landrätin Maria Rita Zinnecker feiert den Fund: "Das heutige Ostallgäu ist eine der Wiegen der Menschheit." (Florian Rötzer)