Hauptsache die Show stimmt

Einen Monat vor der Wahl hat Angela Merkel ihr Schattenkabinett vorgestellt

In einem sind sich die führenden Unionspolitiker einig: In einem Monat wird sich das Schicksal Deutschlands entschieden. Doch die Vorbereitung auf die Stunde Null könnte für Angela Merkel besser laufen. Erst verwechselt sie, die selbsternannte Finanzexpertin, brutto und netto. Dann missbraucht Parteifreund Jörg Schönbohm eine Familientragödie dazu, Ostdeutsche pauschal zu kindermordenden Proleten zu erklären. Und als die Wogen sich gerade glätten, macht CSU-Frontmann Edmund Stoiber die Beschimpfung der Ossis sogar zu seiner zentralen Wahlkampfstrategie. Die verzweifelten Ordnungsrufe der Schwesterpartei ignoriert der Bajuware standhaft (und hatte damit, zumindest nach neuen Umfragen, den Schwarzen auch nicht geschadet).

Das Kompetenzteam von Angela Merkel: "Wir sind eine starke Gruppe". Bild: cdu.de

Doch das sollte heute alles vergessen sein. Denn jetzt steht Gerda Hasselfeldt an Merkels Seite. Gerda - wer? Gerda Hasselfeld, CDU-Bundestagsabgeordnete und eine von neun Mitglieder des so genannten Kompetenzteams. Wenn Sie jetzt daran zweifeln, ob Angela Merkel mit der Vorstellung dieses vermeintlichen Schattenkabinetts der große Befreiungsschlag gelungen ist, dann stehen Sie damit nicht alleine. Denn das Team besteht weitgehend aus Politikern der zweiten Reihe. Oder solchen, die dort hingehören. Figuren wie der wenig charismatische saarländische Ministerpräsident Peter Müller oder der CDU-Politiker Norbert Lammert sollen Deutschland nach sieben Jahren sozialdemokratischen Jochs zu Wohlstand und Aufschwung führen. "Eine starke Truppe", wie es auf der Internetseite der CDU heißt. Ganz so, als wolle man sich selber Mut machen.

Doch im Berliner Konrad-Adenauer-Haus ging es nicht um konkrete Personalvorschläge. Die Inszenierung stand im Mittelpunkt. Die Vorstellung des so genannten Kompetenzteams war somit nur ein weiteres trauriges Kapitel in einem Wahlkampf, der politischen Auseinandersetzungen der beiden großen Volksparteien vermissen lässt. Der Mangel an Personal und Konzepten, mit denen sich die Christ- von den Sozialdemokraten abheben könnten, manifestiert sich schon seit Wochen im Plakatwahlkampf. "Gemeinsam für Deutschland" ist die Hauptlosung der CDU. Gemeinsamkeit ist ja schön und gut. Aber was sagt das über die geplante Regierungspolitik aus?

Wo politische Kompetenz fehlt, da muss zumindest die Show stimmen. Nur diesem Motto folgte die Berliner Veranstaltung. Gezielt wurden schon im Vorfeld die Namen der bekannteren Mitglieder in Merkels Team gestreut. Über die BILD-Zeitung etwa ließ man die Nominierung des ehemaligen Verfassungsrichters und Steuerexperten Paul Kirchhof durchsickern. Was von diesem Super-Coup zu halten ist, steht auf einem anderen Blatt. Kirchhof ist kein Politiker. Er ist noch nicht einmal Mitglied der CDU. Und die Steuerkonzepte des Experten unterscheiden sich erheblich von denen der Partei. Merkel will die Mehrwertsteuer erhöhen, Kirchhof gehört eigentlich zu den vehementesten Gegnern eines solchen Schrittes. Auf diese Differenzen angesprochen, wich man heute in Berlin geschickt aus. Von solchen Detailfragen sollte die Show nicht gestört werden.

Nur einer hatte gut Lachen: Edmund Stoiber. Für Merkels Schattenkabinett war er zwar nicht nominiert, das störte ihn aber nicht. Stoiber kam trotzdem und spielte seine Rolle nach Drehbuch: Er lobte die Kanzlerkandidatin und lachte in die Kameras. Dann flog er zurück nach Bayern, um über seinen Generalsekretär Markus Söder erklären zu lassen, dass über Ministerposten erst nach der Wahl entschieden werde. "Das war so, das ist so und das wird so sein", stellte Söder knapp fest.

Der Auftritt war das einzig Glaubwürdige an diesem Tag. Merkels weniger starke als vielmehr bunte Truppe hat wenig politischen Wert. Denn eines ist klar: Der Kampf um die Posten wird erst nach dem 18. September beginnen. Für Merkel wird das die wirkliche Herausforderung. Denn trotz ihrer Ernennung zur Kanzlerkandidatin hat sie nach wie vor mächtige Feinde in der eigenen Partei. Drei von ihnen, Stoiber, Beckstein und Schäuble, hat sie mit in das so genannte Kompetenzteam berufen. Nicht nur sie werden nach dem 18. September die Machtfrage in der CDU neu stellen. Das war so, das ist so und das wird so sein. (Harald Neuber)

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