Hauptsache nikotinabhängig - ein notwendiger Nachtrag zum diesjährigen Weltnichtrauchertag

Bild: Parker Johnson/unsplash

Über das Gefährdungspotential des Tabakrauchens, des Gebrauchs von E-Inhalationsprodukten und Tabakerhitzern und die Taktik der Verschleierung durch die Tabakindustrie

Seit vielen Monaten dominiert die Coronavirus-Pandemie die Berichterstattung in den Medien. Andere wichtige gesundheitspolitische Themen und Probleme finden kaum mehr Beachtung. Das galt auch für den diesjährigen Weltnichtrauchertag am 31. Mai 2020, der unter dem Motto "Kill Yourself Starter Set. Lass Dich nicht Manipulieren" stand.

Damit sollte darauf aufmerksam gemacht werden, dass sich die Tabakindustrie in den letzten Jahren mit neuen Marketingstrategien insbesondere an Jugendliche und junge Erwachsene wendet, um diese für Tabakprodukte und neuerdings auch E-Zigaretten und Tabakerhitzer zu gewinnen. Mit Werbekampagnen und Produktdesigns, die vor allem junge Menschen ansprechen, soll eine neue Generation von abhängigen Konsumenten gesichert werden.

Bekanntlich ist die Tabakindustrie der Industriezweig, der mit seinen Produkten wahrscheinlich direkt nach der Rüstungsindustrie weltweit die meisten Todesopfer fordert. In dem 2011 erschienenen herausragenden Buch des US-amerikanischen Medizin- und Wissenschaftshistorikers Robert N. Proctor über die Geschichte der Zigarettenkatastrophe mit dem Titel "Golden Holocaust" wird die Zigarette als "tödlichstes Kunstprodukt in der Geschichte der menschlichen Zivilisation" beschrieben.1 Proctor schätzt ein, dass das Tabakrauchen im 20. Jahrhundert weltweit etwa 100 Millionen Todesopfer gefordert hat.

Derzeit wird die weltweite Zahl der jährlichen Opfer des Rauchens auf 7 Millionen geschätzt, wie die WHO am Weltnichtrauchertag 2017 bekannt gab. Nach Angaben der EU-Kommission sterben in der Europäischen Union jährlich etwa 700.000 Menschen an den Folgen des Rauchens. Allein in Deutschland fallen dem Rauchen jährlich circa 120.000 Personen zum Opfer.2

Diese Zahlen zeigen aber auch, dass es die Tabakindustrie nicht einfach hat. Denn jedes Jahr muss sie Millionen neuer Kunden gewinnen, weil die alten vorzeitig sterben. Damit die "Spezies Raucher" nicht ausstirbt, halten die Tabakkonzerne mit ausgefeilten Werbestrategien dagegen und wenden dafür allein in Deutschland rund 200 Millionen Euro pro Jahr auf. Außerdem wurden in den letzten Jahren Alternativen zu den herkömmlichen Tabakwaren mit angeblich niedrigerem Gefährdungspotential auf den Markt gebracht, um die Zahl der Raucher stabil zu halten beziehungsweise noch zu erhöhen.

Der vorliegenden Artikel ist eine Aktualisierung eines Textes, der 2019 in der pharmaunabhängigen medizinischen Fachzeitschrift "internistische praxis" erschienen ist.3

Im ersten Teil wird das sehr hohe Gefährdungspotential für die Gesundheit durch das Rauchen von herkömmlichen Tabakwaren beschrieben, zu denen vor allem Zigaretten, aber auch Feinschnitt, Zigarren, Zigarillos und Pfeifentabak gehören.4 Der Gebrauch von orientalischen Wasserpfeifen (Shishas), der auch bei Jugendlichen beliebt ist, gehört ebenfalls in diese hohe Schadenskategorie.5 Auch rauchlose Tabakprodukte wie Schnupftabak, Kautabak und Snus, eine vor allem in den skandinavischen Länden gebräuchliche Form des Oraltabaks, haben ein hohes Gefährdungspotential.6

Im zweiten Teil wird dann das Gefährdungspotential von E-(elektronischen) -Inhalationsprodukten wie E-Zigaretten einschließlich der neuen Tabakerhitzer beleuchtet, soweit das heute aufgrund der vorliegenden Daten möglich ist, wobei allerdings Langzeit-Untersuchungen fehlen.7 Die Tabakindustrie hat als Zielgruppe für diese Produkte vor allem junge Menschen im Visier.

Gefährdungspotential des Tabakrauchens

Unter den 10 wichtigsten Risikofaktoren für Krankheitslast und Todesfälle in den Ländern mit hohem Einkommen (ein Begriff der UNO) steht der Tabakkonsum vor Bluthochdruck, Alkoholüberkonsum, ernährungsabhängigen Risikofaktoren wie zu hohes Cholesterin, Übergewicht und zu geringe Aufnahme von Obst und Gemüse sowie körperlicher Inaktivität an erster Stelle.8

Das ist das Ergebnis einer großen Zahl von wissenschaftlichen Untersuchungen der letzten Jahrzehnte. Besonders hervorgehoben werden muss dabei die britische Ärztestudie, eine 1952 begonnene prospektive Kohortenstudie an etwa 34.000 männlichen britischen Ärzten mit Follow-up-Zeiten von zunächst 10, dann 20 und später 50 Jahren, deren Ergebnisse zuletzt 2004 publiziert wurden.9

Außerdem verdient eine neuere kontrollierte Kohortenstudie an fast einer Million Probanden beiderlei Geschlechts mit einer Beobachtungszeit von 12 Jahren besondere Beachtung, in der gezeigt wurde, dass für den größten Teil des erhöhten Risikos für Raucher bei 21 anerkannten Krankheiten Faktoren verantwortlich sind, die durch das Tabakrauchen verursacht werden.10 Diese Studie hat ergeben, dass die Sterblichkeit bei Rauchern zwei- bis dreimal höher liegt als bei Menschen, die niemals geraucht haben, und dass 17 Prozent aller Todesfälle dem Rauchen zugeordnet werden müssen.

Gesundheitsschäden des Rauchens

Diese werden durch die eingeatmeten Tabakabbrandprodukte verursacht. Der Tabakrauch entsteht bei Temperaturen von etwa 600 bis 900 Grad Celsius und enthält circa 5300 Inhaltsstoffe, darunter zahlreiche, die als giftig und krebserregend eingestuft werden.11

Dazu gehören Schadstoffe wie polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, zum Beispiel Naphthalin, Nitrosamine und aromatische Amine, organische Verbindungen wie zum Beispiel Phenylchlorid, Acetaldehyd, Formaldehyd und Benzol und anorganische Verbindungen wie Arsen, Cadmium und Blei, weiterhin Kohlenmonoxyd und das radioaktive Polonium-210, ein Alpha-Strahler, außerdem das Alkaloid Nikotin, das die Entwicklung einer Abhängigkeit beziehungsweise Sucht verursacht.

Darüber hinaus fügen die Tabakwarenhersteller ihren Produkten bis zu 600 Zusatzstoffe hinzu, die bis zu 10 Prozent des Gesamtgewichts eines Produktes ausmachen können.12 Diese dienen dazu, den Geschmack, den Geruch und die Inhalation für den Raucher so angenehm wie möglich zu machen, um das Abhängigkeitspotential zu erhöhen. Dazu gehören Menthol, Zucker, Lakritze und Kakao. Beim Abbrand dieser Stoffe entstehen dann zusätzlich dutzende von krebserregenden Verbrennungsprodukten sowie Kohlendioxyd, Stickoxide und Schwefeldioxid.

In Deutschland rauchten 2013 etwa 25 Prozent der Bevölkerung ab dem 18. Lebensjahr - rund 30 Prozent der Männer und 20 Prozent der Frauen.13 Jeder vierte Erwachsene rauchte - etwa jeder dritte Mann und jede fünfte Frau. Im Alter zwischen dem 20. und 50. Lebensjahr rauchten mehr als 40 Prozent der erwachsenen Bevölkerung. Der Anteil der rauchenden Männer hat sich in den letzten Jahren leicht vermindert, der relative Anteil der Frauen ist jedoch gewachsen.

Bei den Jugendlichen (11 bis 17 Jahre) in Deutschland ist das Rauchen seit einigen Jahren jedoch von etwa 20 Prozent auf 12 Prozent zurückgegangen und hat sich damit fast halbiert.14 Das Einstiegsalter für das Rauchen hat sich jedoch in den letzten Jahrzehnten bei beiden Geschlechtern deutlich zu jüngeren Jahrgängen hin verschoben. Es liegt jetzt im Mittel bei 14 Jahren und es besteht kein Unterschied mehr zwischen den Geschlechtern.

In den meisten europäischen Ländern liegt der Raucheranteil bei 20 bis 30 Prozent der erwachsenen Bevölkerung. Eine Ausnahme bildet Schweden mit nur 16 Prozent, möglicherweise aber auch wegen des häufigen Gebrauchs von Snus.15

Wie bei einer Reihe von weiteren Risikofaktoren gibt es auch beim Tabakrauchen einen sozialen Gradienten, das heißt, bei den unteren Einkommensschichten ist das Rauchen zwei- bis dreimal häufiger als bei den oberen. So rauchen zum Beispiel bei den Männern 85 Prozent der Möbelpacker, 50 Prozent der Arbeiter und 13 bis 17 Prozent der Akademiker und bei den Frauen 40 bis 50 Prozent der Arbeiterinnen und 6 bis 13 Prozent der Akademikerinnen.16 Diese Unterschiede dürften ein wesentlicher Faktor dafür sein, dass in Deutschland die durchschnittliche Lebenserwartung in den unteren Einkommensschichten etwa 10 Jahre niedriger ist als in den oberen.17

Unter den 121.000 Personen, die 2013 an den Folgen des Rauchens verstarben, waren 84.782 Männer und 36.300 Frauen.18 59.000 davon starben an Krebserkrankungen, 26.000 an Atemwegserkrankungen und 36.000 an Herz-Kreislauferkrankungen.

Nach der oben angeführten großen kontrollierten Kohortenstudie befinden sich unter den 21 anerkannten Krankheiten, die für den größten Teil des erhöhten Risikos bei Tabakrauchern verantwortlich sind, mindestens 12 verschiedene Krebskrankheiten und damit mehr, als bisher angenommen wurden.19

Die wichtigsten sind die Krebskrankheiten der Lunge und der übrigen Rauchstraße (Lippen, Mundhöhle, Kehlkopf und Speiseröhre). Rund 80 Prozent der Fälle von Lungenkrebs- 87 Prozent bei Männern und 64 Prozent bei Frauen- werden heute dem Zigarettenrauchen ursächlich zugerechnet.20 In Abhängigkeit von der Zahl der gerauchten Zigaretten ist nach der britischen Ärztestudie die Lungenkrebsrate bei Rauchern bis 25-mal höher als bei Nichtrauchern, im Durchschnitt liegt das relative Risiko bei 14, das heißt, das Risiko ist bei Tabakrauchern 14-mal höher als bei Nichtrauchern.21

Weiterhin gehören dazu Karzinome des Magens, des Dickdarms, der Leber, der Bauchspeicheldrüse, der Harnblase, der Nieren und des Nierenbeckens, myeloische Leukämien, aber auch der Gebärmutterhalskrebs. Und auch für Brustkrebs und Prostatakrebs wurde ein erhöhtes Risiko gefunden.22 Insgesamt werden 20 bis 30 Prozent aller Krebserkrankungen und krebsbedingten Todesfälle durch das Rauchen verursacht.23 Rauchen ist also der Risikofaktor Nr.1 für Krebs.

Die chronisch-obstruktive Lungenerkrankung (abgekürzt: COPD) ist die wichtigste chronisch-entzündliche Erkrankung der Atemwege, die durch Tabakrauchen verursacht wird und der jährlich etwa 20.000 Menschen in Deutschland zum Opfer fallen. 90 Prozent der Krankheitsfälle an COPD werden durch das Tabakrauchen verursacht.24 Rauchen ist auch die wichtigste Ursache für weitere Erkrankungen der Lunge und der Bronchien wie die chronische Bronchitis und das Emphysem.25 Daneben erhöht das Rauchen auch das Risiko für akute Atemwegserkrankungen wie Pneumonie, Influenza, Erkältungen und Tuberkulose.

Bei der zweiten Volkskrankheit der Atemwege, dem Asthma bronchiale, wirkt sich das Rauchen ebenfalls sehr ungünstig auf den Krankheitsverlauf aus, indem die Überempfindlichkeit des Bronchialsystems gesteigert wird und akute Entzündungen der Bronchien gefördert werden.26

Darüber hinaus verursacht Tabakrauchen bei Kindern und Heranwachsenden chronische Schäden der Lunge, zum Beispiel eine Verminderung des Größenwachstums der Lunge und einen frühzeitigen Beginn der Abnahme der Lungenfunktion. Dieser Aspekt ist deswegen ganz besonders wichtig, weil viele Jugendliche heute früher, das heißt schon im Alter von 11 bis 15 Jahren, mit dem Zigarettenrauchen beginnen.27

Und schließlich gibt es erste Hinweise dafür, dass auch für Covid-19, einer akuten Virusinfektion, die jetzt in aller Munde ist und bei der es bei einem schweren Krankheitsverlauf zu einem Lungenversagen kommen kann, das Tabakrauchen ein wesentlicher Risikofaktor sein könnte.

Das wäre aber auch nicht weiter verwunderlich, denn es liegt auf der Hand, dass eine durch Tabakrauch vorgeschädigte Lunge, zum Beispiel im Sinne einer COPD, einer Ausbreitung der Virusinfektion weniger Widerstand entgegensetzen kann als eine gesunde. Über einen derartigen möglichen Zusammenhang hört man in der Öffentlichkeit leider nichts.

Zu den chronischen Herz-Kreislaufkrankheiten, die zu einem wesentlichen Teil durch Tabakrauchen verursacht werden, gehören die Herzkranzgefäßeinengung, die so genannte koronare Herzkrankheit (abgekürzt: KHK) mit dem Herzinfarkt, das Aortenaneurysma (eine arteriosklerotisch bedingte Erweiterung der Aorta), die Durchblutungsstörungen des Gehirns mit dem Schlaganfall und die arteriellen Durchblutungsstörungen der Beingefäße, die so genannte periphere arterielle Verschlusskrankheit (abgekürzt: PAVK).28

Die Sterblichkeit an diesen Herz-Kreislaufkrankheiten ist bei Rauchern um das 1,6- bis 1,9-fache höher als bei Nichtrauchern. Bei 60-jährigen Rauchern ist die Zahl der Herzinfarkte verdoppelt und bei 50-jährigen Rauchern verdreifacht im Vergleich zu Nichtrauchern.29

Viele Tabakraucher leiden an weiteren chronischen Erkrankungen oder Funktionsstörungen, die ganz oder teilweise auf das Rauchen zurückzuführen sind.30 Dazu gehören Geschwüre von Magen und Zwölffingerdarm, Linsentrübungen, Zahnfleischentzündungen, Osteoporose und Hüftfrakturen, eine verminderte Fruchtbarkeit, Potenzstörungen auf Grund von Störungen der Erektion, eine vorzeitige Alterung der Haut und Schwangerschaftskomplikationen wie eine höhere Abortrate (Abbruchrate der Schwangerschaft), ein erniedrigtes Geburtsgewicht der Neugeborenen und der plötzliche Kindstod, der bei rauchenden Müttern bis 5-fach erhöht vorkommt.31

Weiterhin ist bei Rauchern eine ungünstige Beeinträchtigung des Heilungsprozesses nach chirurgischen Eingriffen zu verzeichnen, auch aufgrund einer höheren Rate von entzündlichen Komplikationen im Bereich der Atemwege.32

Schließlich ist bei Tabakrauchern bei vielen Erkrankungen eine Verschlechterung ihres Verlaufs festzustellen.33 Dazu gehören die chronische Nasenschleimhaut-entzündung, die multiple Sklerose, der Morbus Parkinson, die endokrine Orbitopathie, die Makuladegeneration der Sehrinde und das Glaukom (erhöhter Augeninnendruck), aber auch der Diabetes mellitus Typ 2 mit zunehmender Insulinresistenz und diabetischen Schädigungen von Sehrinde und Nieren sowie die rheumatoide Arthritis, die häufigste entzündliche Gelenkerkrankung.