Hegel und der Geist des Weines

Otto A. Böhmer über den Philosophen und das Genussmittel

Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel war nicht nur der Vollender der idealistischen Philosophie zu ihrer klassischen Periode in Deutschland, sondern auch einer, der einen guten Tropfen durchaus zu schätzen wusste. Zwar billigte der idealistischer Philosoph der Natur, anders als dem Geist, keine Entwicklungsmöglichkeit zu und ordnete sie ihm als reines Durchgangsstadium unter, welches der Geist zu negieren habe, um zu sich selbst zu gelangen, stellte aber gleichfalls fest, "die Natur ist ein bacchantischer Gott, der sich nicht zügelt und fasst", sprach von einem "absoluten Gärungsprozess" und erkannte an, dass der Wein ein Zeichen dafür sei, "dass Geist in der Natur ist." Der Schriftsteller Karl Eduard Holtei beschrieb den Schöpfer der "Drei-Liter-Philosophie" so: "Der Alte sprach viel und trank nicht wenig, manchmal sprach er auch nicht wenig und trank viel."

Der Großmeister der Dialektik nahm also nicht nur zu Anlässen wie dem Ende seines Geburtstags am 27. August oder dem Beginn des Erdenjubiläums seines Freundes und Kollegen Johann Wolfgang von Goethe am 28. August ein Glas Wein zur Hand oder orderte an jedem 14. Juli zur Feier auf den Sturm der Bastille eine Flasche Champagner, sondern hinterließ auch in seinem Werk Passagen, die von einem innigen Verhältnis des Ausnahme-Denkers zu den sich entfaltenden Aromen und köstlichen Wirkungen des Rebensaftes künden.

So schrieb er in seiner Phänomenologie des Geistes: "Das Wahre ist so der bacchantische Taumel, an dem kein Glied nicht trunken ist" und ließ sein erstes Meisterwerk in einem Champagner-Finale enden: "Aus dem Kelche dieses Geisterreiches schäumt ihm seine Unendlichkeit." Darüber hat nun der Schriftsteller Otto A. BöhmerHegel & Hegel oder der Geist des Weines::http://www.kloepfer-meyer.de/Default.ASP?Buch=172. Telepolis sprach mit dem Autoren.

Herr Böhmer, wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine Erzählung über Hegel und "den Geist des Weines" zu schreiben?
Otto A. Böhmer: Hegel hat mich schon immer interessiert, wobei der Ausgangspunkt meiner Neugier die vergleichsweise unspektakulären, ja biederen Lebensumstände des Philosophen waren, dazu sein eher bedächtig verlaufender Karrieregang, der die wahren Talente dieses Mannes, die im nachsetzenden Grübeln, in der manchmal fast abwegig anmutenden inneren Gedankenschau lagen, lange, aber eben dann doch nicht: zu lange, verdeckt hielt.
Zu welchen Anlässen hat denn der Philosoph des objektiven Idealismus zu tief ins Glas geguckt? Hätte Hegel anders gedacht und geschrieben, wenn er dem Dionysischem mehr abhold gewesen wäre?
Otto A. Böhmer: Hegel war meines Erachtens ein Genusstrinker, er brauchte den Geist des Weines nicht, um sich auf den Weg des Denkens zu machen und dabei auch verstiegene Nebenpfade einzuschlagen, sondern nur, weil es ihm tägliches Elixier privater Freude bedeutete.
Gibt es Stellen im Werk des Philosophen, die den Wein-Kenner verraten und was zeichnen diese im Vergleich zu anderen Ausführungen aus?
Otto A. Böhmer: Textstellen, in denen der Wein direkt und ungeschützt gepriesen wird, gibt es meines Wissens nicht; im Anhang meines Buches ("Es ist in mir - Durch die Nacht mit Hegel") habe ich zwar eine kleine Zitatenrevue zusammengestellt, bei der ich mir aber (Stichwort: schriftstellerische Freiheit) kleine Eingriffe und behutsame Ergänzungen erlaubt habe, die dem Hegelschen Gedankenduktus, hoffe ich zumindest, nicht zuwiderlaufen, sondern entsprechen.
Ist Weinkonsum dem Verstehen von dialektischen Prozessen eher hinderlich oder förderlich?
Befeuert vom Wein und anderen stärkenden Getränken lässt sich eine Zeitlang ganz ordentlich, manchmal sogar begeisternd denken, dialektisch und auch weniger dialektisch; wenn man allerdings seinen Pegel, früher oder später. erreicht hat, ist's mit dem präzisen Denken nicht mehr so weit her.
Können sie Abschätzung abgeben, ob die Philosophie Immanuel Kants anders geworden wäre, wenn er sich auch einmal ein Glas Wein zur Brust genommen hätte? Ist es möglich, dass sich dann die Antinomien, die Kant ausersonnen hat, sich letztendlich als interessante Gegensätze und Ambivalenzen, die zum Leben gehören entpuppt hätten, dass also der Königsberger Askese-König mit dem Konsum stärkender und geistiger Getränke auch sein Kategoriensystem hätte ändern müssen?
Otto A. Böhmer: Kant ist, solange es ihm gesundheitlich gut ging und seine insgesamt eher zarte Konstitution mitspielte, ein ausgesprochen munterer, amüsanter Gesprächspartner und Gastgeber gewesen, der sich auch das eine oder andere Glas Wein gönnte. Ob er bei gesteigertem Konsum anders gedacht hätte, weniger logisch oder verwickelt (je nach Sichtweise), entzieht sich zu Recht unserer Kenntnis.
Karl Marx, Link auf http://www.heise.de/tp/artikel/13/13030/1.html und Link auf http://www.heise.de/tp/artikel/7/7783/1.html haben allesamt ganz ordentlich gepichelt. Können Sie bei diesen marxistischen Philosophen eine Fortsetzung der hegelschen Trink-Tradition ausmachen?
Otto A. Böhmer: Eine interessante Theorie: die Herren Marx, Bloch, Lukács als würdige (?) Denk- und Trinknachfolger Hegels. Da könnte was dran sein. ...Letztlich aber trinkt jeder für sich allein (auch in Gesellschaft), und was wir uns in der geistesgeschichtlichen Retrospektive zurechtlegen, verdankt sich, vom Ausgang her, immer subjektivem Deute-Wagemut, der sicherlich besonders gefragt wäre, wenn man sich an eine Philosophie- und Literaturgeschichte unter dem Gesichtspunkt des anhaltenden Suffs machte ...
Neben Hegel hat auch ein anderer Geistes-Riese, nämlich Johann Wolfgang von Goethe dem Wein kräftig zugesprochen. Welche geistige Parallelen können Sie zwischen den beiden ausmachen, die man eventuell auf ihre alkoholischen Vorlieben zurückführen könnte?
Otto A. Böhmer: Zum Leistungsstand Hegelscher und Goethescher Trinkkultur gibt es die beiden Schlusskapitel in meinem Buch, die das vorgeblich Faktische in einer ironischer Brechung deuten, aus der sich Ähnlichkeiten mit rigiden, unangenehm gut gemeinten Bedenken und Gesundheitsvorschriften ergeben, denen wir heute ausgesetzt sind, ohne dass ein Ende in Sicht wäre. (Reinhard Jellen)