Heilen mit Information?

Homöopathie-Gründervater Samuel Hahnemann feiert 250.Geburtstag

Samuel Hahnemann (1755-1843) erfand zu Beginn des 19.Jh. die Lehre von der Homöopathie, die heute an der Schwelle zur Anerkennung durch die Schulmedizin steht - obwohl ihr Wirkungsmechanismus immer noch rätselhaft ist.

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Der in Meißen geborene Christian Friedrich Samuel Hahnemann (1755-1843) promovierte 1779 in Erlangen zum Doktor der Medizin und führte dann, so weiß der Brockhaus, als praktischer Arzt zunächst ein unstetes Wanderleben. Soweit also ein sympathischer Zeitgenosse. Auch dass er im Alter von 80 Jahren in zweiter Ehe eine junge Französin heiratete und mit ihr nach Paris zog, spricht kaum gegen seine Heilkunst. Hahnemann trat als Hygieniker und Pharmazeut hervor und schrieb ein ebenso erfolg- wie umfangreiches Apothekerlexikon. Im Jahre 1790 las er eine Abhandlung des schottischen Arztes William Cullen über die Behandlung der Malaria mit der Rinde des Chinabaumes.

Samuel Hahnemann

Cullen behauptete, dass die Chinarinde Malaria heilte, weil sie den Magen stärke. Der wissbegierige Hahnemann entschloss sich zur Prüfung dieser These in einem Selbstversuch. Nach der Einnahme der Chinarinde empfand er jedoch keine Magenstärke, sondern bekam vielmehr Symptome, die stark einer Malaria ähnelten. Hier hatte Hahnemann bereits das entdeckt, was er später das Ähnlichkeitsgesetz nennen sollte, die Basis der Homöopathie.

Aus Vorsicht hatte der Forscher sein Präparat in mehreren, unterschiedlich starken Verdünnungen zu sich genommen und dabei die verblüffende Entdeckung gemacht, dass entgegen der normalen Erwartung stärker verdünnte Lösungen eine kräftigere Wirkung zeigten als konzentriertere Lösungen. Diese beiden Prinzipien, das Ähnlichkeitsgesetz und die Lehre von der wirksamkeitssteigernden Verdünnung, machen bis heute den Kern der homöopathischen Lehre aus. Hahnemann entwickelte und verbreitete seinen Ansatz weiter scharte immer mehr Anhänger um sich.

Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden in Deutschland von Laien geführte Vereine, die sich mit Homöopathie und Naturheilkunde befassten. Von staatlich bzw. universitär ausgebildeten Ärzten wurden diese Verfahren jedoch zumeist abgelehnt. Staatliche Aufmerksamkeit erregte die Homöopathie erst mit der Machtergreifung der Nazis. 1935 wurde der Nazi-Gesundheitspolitiker Georg Gustav Wegener mit Gleichschaltung der Volksheilkundeverbände beauftragt und zwang zunächst sieben Laienverbänden in die "Reichsarbeitsgemeinschaft der Verbände für naturgemäße Lebens- und Heilweise" unter seine Führung. Der "Reichsbund für Homöopathie und Lebenspflege" unter Leitung von Immanuel Wolf leistete dagegen keinen Widerstand, sondern bemühte sich, die staatlichen Vorgaben sogar zu übertreffen. Andere Vereinigungen wie die sozialistischen Arbeitergesundheitsvereine wurden verboten.

Für einige macht dies die Homöopathie bis heute verdächtig, andere haben ein entspannteres Verhältnis zur deutschen Geschichte. Heute wird die Homöopathie vor allem durch die Karl und Veronica Carstens-Stiftung, 1982 durch Bundespräsident Karl Carstens gegründet, die Samuel-Hahnemann-Stiftung, den Herstellerverband Deutsche Homöopathie-Union sowie durch den Deutschen Zentralverein homöopathischer Ärzte öffentlich vertreten.

Homöopathische Arzneien stammen vorwiegend aus dem Mineral-, Pflanzen- und Tierreich (z.B. Arsen, Arnika und Bienengift) und werden als "potenzierte", d.h. verdünnte und verschüttelte Arzneien angewendet. Dabei wird in der klassischen Homöopathie immer nur eine Arznei verordnet, kein aus mehreren Arzneien zusammengesetztes "Komplexmittel".

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Homöopathische Arzneien werden nach der noch auf Hippokrates zurückgehenden, von Hahnemann wiederentdeckten Ähnlichkeitsregel verordnet: "Similia similibus curantur": Ähnliches solle mit Ähnlichem kuriert werden. Eine Arznei heilt demnach jene Krankheit, welche sie selbst am gesunden Menschen hervorzurufen vermag.

Nun wird man den Autor dieses Artikels mit Recht nach eigenen Homöopathie-Erfahrungen fragen. Und die sind gut. Vor zwei Jahren begann ich meinen Heuschnupfen mit homöopathischen Globuli zu behandeln und kann seither auf Pharmaka verzichten. Und dies obwohl ich an einer Heilung mit Wirkstoffen zweifelte, die durch Verdünnung an Potenz zunehmen. Ja, die gerade dann besonders wirken sollen, wenn ihr Gehalt praktisch bei Null liegt.

Die Begründung, es werde "Information" auf die Lösungsmittel übertragen, schien mir mit wissenschaftlichen Informationstheorien nur schwer vereinbar. Doch dann sah ich, wie ein befreundeter Informatiker seine Pollen-Allergie mit Globuli erfolgreich behandelte. Ich probierte also das Mittel "Galphimia Glauca D4" aus. Und es wirkte auch ohne aufwändige Diagnoseprozedur. Die Kosten für die kleinen Zuckerkügelchen sind übrigens gering. Für fünf Antihistamin-Tabletten bezahlte ich vorher fast so viel, wie heute für den Globuli-Bedarf der ganzen Graspollen-Saison. Und die üblen Nebenwirkungen entfallen völlig. Alles Einbildung?

Die schulmedizinischen Kritiker, insbesondere eine Gruppe um die Initiatoren der berüchtigten "Marburger Erklärung" (1995) gegen die Irrlehre der Homöopathie, verweisen auf Placebo-Effekt, Suggestion, Scharlatanerie, Betrug. Auch die erfolgreiche Anwendung der Homöopathie in der Veterinärmedizin wird ähnlich erklärt (Rosenthal-Effekt, vom Versuchsleiter unbewusst auf die Versuchstiere übertragene Placebowirkung). Inzwischen liegen jedoch Ergebnisse vor, die auch harter Kritik widerstehen dürften: Selbst präparierte Darmzellgewebe reagierten auf ultrahochverdünnte homöopathische Mittel, die keinen substanziellen Wirkstoff mehr enthalten dürften.

Forscher an der Universität Leipzig wollten das Geheimnis der Homöopathie lüften, so eine ARD-Fernsehdokumentation Ihre Placebo-unverdächtige Versuchsperson: ein Stück lebender Rattendarm. Das Darmgewebe wurde so eingespannt, dass seine Bewegungen genau gemessen werden konnten. Der erste Schritt war eine künstlich verkrampfende Reizung: Acetylcholin wirkte entsprechend auf die Darmzellen. Das Darmstück verkrampft sich und wurde kürzer. Im nächsten Schritt kam ein homöopathisches Mittel dazu: Atropin, eine krampflösende Substanz in homöopathisch ultrahochverdünnter Dosis. Und tatsächlich: Das Darmpräparat entspannte sich und wurde wieder länger. Auf Basis schulmedizinischer Erkenntnisse war zu erwarten gewesen, dass die Gabe eines homöopathischen Mittels gegen Darmkrämpfe in der gegebenen auf fast Null reduzierten Konzentration keinen Effekt haben dürfte. Wolfgang Süß, Pharmazie-Professor der Universität Leipzig, erklärte dazu:

Nun ist das Atropin aber gar nicht mehr drin. Das heißt: Wir brauchen ein Abbild des Atropins in dem Lösungsmittel. In welcher Weise aber nun dieses Abbild wirkt, etwa über eine elektromagnetische Welle, das wissen wir noch nicht.

Bisher konnte keiner das besagte Abbild entdecken, sei es elektromagnetische Welle, Schwingung, "In-Formation" oder was auch immer. Also weiß bislang noch niemand, auf Basis welcher physikalisch-chemischen Effekte die Homöopathie funktioniert. Auch Wissenschaftler der Berliner Charité, wollten dem Phänomen der Homöopathie auf den Grund gehen. Zwei Jahre lang ließen Stefan Willich und Claudia Becker-Witt deshalb bundesweit Ärzte über 4.000 Patienten danach fragen, wie gut ihnen die homöopathische Behandlung bekommen ist. Resultat: Über 50 Prozent der Befragten ging es nach homöopathischer Mittelgabe besser, insbesondere Kopfschmerz, Heuschnupfen und Neurodermitis seien erfolgreich zu behandeln.

Was die mangelhafte Erklärung des Wirkungsmechanismus angeht, mache ich persönlich mir keine allzu großen Sorgen. Sollte es tatsächlich nur ein Placebo-Effekt sein, so soll es mir Recht sein. Andere Mittelchen, die einem Heuschnupfenkranken heute von Freunden und Bekannten so in die Hand gedrückt werden, hatten bei mir keinerlei Wirkung. Schließlich: Auch die Schulmedizin entdeckte wichtige Pharmaka zufällig, etwa das Penicillin oder Neuroleptika gegen Schizophrenie. Und bis heute klingt, was Neurochemiker über Neuroleptika im schizophrenen Hirnstoffwechsel sagen, nicht viel glaubhafter als die Erklärungen der Homöopathie für Hahnemanns segensreiche Erfindung. (Thomas Barth)

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