Heiliger Newton, bitt für uns

Die Magie der Marken und der Irrsinn des Retrocomputings

Apple produzierte in den Neunzigern eine Modellreihe von PDAs (vgl. Newtons ausrangierter Apfel), die sich während ihrer kurzen Lebenszeit (1993 - 1998) zwar eine treue Anhängerschaft erarbeiten konnte, aber aus verschiedenen Gründen ökonomischen Schiffbruch erlitt. Seither hat die Newton-Community die Plattform nie aufgegeben, sondern kämpft verbissen um die Instandhaltung der Hardware, die Modernisierung und Weiterentwicklung der Software und wünscht sich nichts sehnlicher als eine Wiederauferstehung ihres Lieblingsfetischs in modernem Gewand. Eine aktuelle kulturwissenschaftliche Studie hält dieses Verhalten für religiös.

"Religiosity in the Abandoned Apple Newton Brand Community" heißt das Papier, geschrieben haben es Albert M. Muniz und Hope Jensen Schau, veröffentlicht wurde es in der März-Ausgabe des Journal of Consumer Research.

Die beiden Autoren verfolgten einen interessanten Ansatz: während Muniz sich selbst einen Newton 2100 besorgte, um sich mit aller Konsequenz unter die Gläubigen zu mischen, plante seine Mitautorin, sich die Sache "von außen" anzusehen. Insgesamt drei Jahre lang beobachteten sie die Newton-Fans, und zwar durch Teilnahme an einschlägigen Mailinglisten, Umfragen unter den Teilnehmern dieser Listen, telefonische sowie persönliche Interviews. Sie erlebten die Rituale der Gemeinschaft mit, das zyklische Auftauchen der immer wieder gleichen Diskussionsthemen, und erkannten, dass die Newton-Community mit den Mitteln der Religionssoziologie und der Kulturanthropologie beschrieben werden kann.

In ihrer Studie drücken sie die Überzeugung aus, dass es sich bei den organisierten Newton-Fans um eine quasireligiöse Gruppe mit klar definierbaren Liturgien, Ritualen und Mythen handelt, analog zu den Fangruppen, die sich mit der Science Fiction-Serie Star Trek, Autos der Marke Saab und Apple-Macintosh-Computern beschäftigen. Besonders die Geschichten, die die Mitglieder dieser Religion einander über das Leben mit ihrem Lieblingsfetisch erzählen, machen nach Muniz und Schau den religiösen Charakter des Gruppenlebens deutlich.

Es gebe fünf voneinander unterscheidbare Sagentypen. Erstens könne man Sagen der Verfolgung ausmachen. Die Newtonianer sehen sich einer bedrohlichen Situation ausgesetzt: Seit Apple den Newton aufgegeben hat, ist er ein elektronisches Fossil. Die Geräte werden Zug um Zug verschwinden, auch der hartnäckige Widerstand der Fans wird daran nichts ändern. Ein veraltetes Gerät wie den Newton zu benutzen, bedarf der Rechtfertigung durch ständige Selbstvergewisserung und Selbstüberhöhung. In mancher Hinsicht begreift sich die Community als eine Elite, die im Gegensatz zu den anderen die Herrlichkeit des Apple Newton begriffen hat. Dennoch wird die fortgesetzte Benutzung des Geräts als Stigma erlebt. Es gibt Berichte von mobbingartigen Situationen am Arbeitsplatz, die der Newton-User zu ertragen hat.

Bekehrungsversuche durch andere PDA-Sekten werden teilweise aggressiv abgewehrt, oder gar mit einer Gegenoffensive beantwortet - immer wieder erzählen begeisterte Newton-User, wie sie durch eine kurze Vorführung des Newtons Ungläubige beeindruckt und überzeugt haben. Der harte Kern der Gemeinde erlebt sich als bedroht, weil sein Fetisch vom unweigerlichen Veralten bedroht ist. Dann gibt es den Sagenkreis, der sich damit beschäftigt, wie der rechte Glaube am Ende doch immer belohnt wird. Dieses mythologische Motiv wird gerne bedient, wenn der Newton entweder seine Fähigkeit beweist, mit der modernen IT-Welt Schritt zu halten, oder wenn er überraschenderweise moderneren Geräten überlegen ist. Als der Newton zum Beispiel lange nach seiner offiziellen Einstellung WLAN-fähig wurde, war das dankbare Aufseufzen in der Gemeinde groß; noch heute ist es vielen Mitgliedern Gesänge der Dankbarkeit wert, wenn sie mit dem Newton per WLAN eine Mail verschickt haben.

Drittens gibt es all die Geschichten von einzelnen Geräten, die gegen alle Wahrscheinlichkeit Umstände überlebten, bei denen andere PDAs schon lang den Geist aufgegeben hätten. Ein Klassiker in dieser Hinsicht ist die Geschichte vom Newton, der an der Tankstelle auf dem Autodach liegen bleibt, beim Start herunterfällt, und dennoch weiter funktioniert. Muniz und Schau weisen darauf hin, dass in diesen wie in anderen Newton-Sagen die Geräte oft menschliche Züge annehmen, ja dass ihnen sogar ein geheimer Überlebenswillen angedichtet wird. Viertens hört man in der Gemeinde oft Geschichten von wundersamer Heilung, die sich vor allem auf die unerwartete Wiederbelebung tiefenentladener Newton-Akkupacks beziehen. Muniz und Schau machen sogar ein spezifisches Ritual des Ladens und Entladens dieser Akkupacks aus, das die Wiederbelebung der Energiequellen sicherstellen soll. Zuguterletzt wird unter den Gläubigen immer wieder darüber diskutiert, ob Apple je eine modernisierte Fassung des Newton herausbringen wird. Gerüchte zu diesem Thema tauchen zyklisch auf und führen zu langanhaltenden Debatten über die möglichen Eigenschaften des zu erwartenden Geräts, das sich manche offenbar wie den endgültigen PDA vorstellen.

All das könnte mich völlig kalt lassen. Aber ich bin selber seit einem Jahr begeisterter Newton-User. Mir kommt das Lob für diese Maschine leicht über die Lippen, sie ist mein ständiger Begleiter auf Reisen, und ich kann jederzeit erläutern, warum sie mir besser gefällt als die anderen PDAs, die ich bisher benutzt habe. Möglicherweise habe ich das seltsame Verhalten, das in der Studie zur Religiosität von Newton-Anhängern analysiert wird, in Ansätzen selber an den Tag gelegt. Und da ich natürlich an allem interessiert bin, was mit dem Newton, seinem Scheitern und seinen Triumphen zu tun hat, bin ich auch seit einiger Zeit Mitglied der Mailingliste, die für Muniz und seine Co-Autoren eine der Haupt-Informationquellen war.

Bei den Diskussionen mit anderen Mitgliedern hatte ich jüngst auch ein Erlebnis im Zusammenhang mit der Studie, das mich endgültig von ihrer Stichhaltigkeit überzeugte. Neuerdings sollte nämlich eine definitive Liste all der einzigartigen Fähigkeiten aufgestellt werden, die den Newton vor allen anderen PDAs auszeichnen. Das war an sich schon eine Idee, die die Studie tendenziell bestätigt, aber einer der besonders eifrigen Anhänger trieb es auf die Spitze, indem er davon zu faseln begann, dass sein einzigartiges Betriebssystem dem Newton einen gewissen Grad an "Bewusstsein" ermögliche, seine einzigartige Flexibilität ermögliche ihm eine "autonome Existenz" unabhängig von Desktopmaschinen, mit denen er zwar interagieren könne, aber nicht müsse wie eben andere PDAs; der Newton sei auf diese Weise nicht nur für seine Zeit revolutionär gewesen, sondern verkörpere auch heute noch die Zukunft.

Auf meinen Einwurf hin, dass solche Formulierungen doch wohl die besten Beispiele für das seien, was in der Studie von Muniz und Schau als Anthropomorphisierung und Idealisierung beschrieben wird, verteidigte sich der Mitdiskutant heftig: Wer immer in dieser Weise am Newton zweifle, habe nichts begriffen, er jedenfalls betrachte ihn als ein echtes "Zusatzgehirn" (spare brain) und sei weiterhin von seiner Einzigartigkeit überzeugt, was immer diese modernen Smartphones, Blackberrys, Palms usw. an Features aufhäuften. Andere Mitglieder machten sich nicht etwa über diesen Glaubenseifer lustig, sondern schlugen in die gleiche Kerbe.

Kurz: eine bessere Bestätigung der These, dass die Newton-Community eine Ersatzreligion darstellt, hätte man schwer finden können. Neben vielen anderen Dingen erklärt sie übrigens auch, dass die wahren Gläubigen dem einzigen Projekt, welches das Überleben des Betriebssystems auf lange Zeit sicher stellen können, mit einer gewissen Skepsis begegnen: Paul Guyot einer der aktivsten Entwickler der Szene, beschäftigt sich seit geraumer Zeit mit der Aufgabe, das Newton OS auf moderne Hardware zu portieren. Ein ganzes Entwicklerteam hätte damit gut zu tun, aber er macht es fast allein und ist bisher immerhin zu einem Emulator gekommen, der auf einem Mac lauffähig ist.

Die Gemeinde ist weniger begeistert als man annehmen sollte, denn auf neuen, nicht von Apple stammenden Geräten wäre es wohl doch nicht mehr dasselbe. Newton OS wäre nur ein Betriebssystem unter vielen, das auf jeder geeigneten Hardware und nicht nur auf den magischen, den echten, den authentischen Geräten läuft, die von der Firma Apple stammten und die einzig wahren Träger der Botschaft waren. Wie heißt es doch so schön unter den Gläubigen: "Keep the faith, keep the green!" (Die Hintergrundbeleuchtung der Newtons ist grün).

Muniz und Schau stellen ihrer Untersuchung die Behauptung voran, dass Religion eben zum Menschsein gehöre. Das ist eine ebenso steile wie einfache These, die aber selbst dann, wenn sie stimmt, nicht im Detail erklären kann, wie sich die Newtonianer (ihrer Meinung nach doch eine technologische Elite) plötzlich einem synkretistischen Kult hingeben, der sich aus Elementen des Animismus und monotheistischer Erlöserreligionen zusammensetzt. Muniz und Schau lehren Marketing an der DePaul-University in Chicago bzw. der Temple University in Philadelphia. Da sie eher daran interessiert sein dürften, die fanatische Loyalität der Hardcore-Newton-User auf existierende Marken zu übertragen, kann man von ihnen keine Antwort zu der Frage erwarten, wie das von ihnen beschriebene pseudoreligiöse Verhalten entsteht. Aber ein interessantes Problem ist das schon.

Der Artikel wurde mit einem Apple Newton MP 2100 verfasst und übermittelt.

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