Heilslehren und Heiligenfiguren

In Venezuela verehrt man jetzt ein beim U-Bahn-Bau erschienenes Zufallsabbild des ehemaligen Präsidenten Hugo Chávez

Synkretismus ist ein Begriff aus der Religionswissenschaft. Er bezeichnet das Phänomen, dass Strukturen und Inhalte einer älteren Religion in einer neuen weiterleben. Ein klassisches Beispiel dafür ist die venezolanischen Heiligenfigur Maria vom Jaguar, in der sich nicht nur katholische und indianische, sondern auch afrikanische Elemente finden. Das Phänomen ist jedoch nicht auf den klassisch-religiösen Bereich begrenzt.

Wie gut vor allem das Politische mit dem Religiösen synkretistische Verbindungen eingehen kann, zeigt sich aktuell recht eindrucksvoll ebenfalls in Venezuela: Dort berichtete Staatspräsident Nicolás Maduro im Fernsehen anscheinend emotional bewegt darüber, dass er glaube, sein am 5. März im Alter von 58 Jahren an Krebs verstorbene Vorgänger Hugo Chaves sei bei Bauarbeiten an der U-Bahn-Linie 5 in der Hauptstadt Caracas "erschienen". Beleg dafür seien Schattierungen an einen Tunnelwand, die seinem Antlitz ähneln. Arbeiter hatten ihm die Stelle gezeigt, als er vor einigen Tagen die Fortschritte beim U-Bahn-Bau besichtigte.

Chávez-Erscheinung statt Marienerscheinung

Die Chávez-Erscheinung beim U-Bahn-Bau ist eine so genannte "Pareidolie", bei der Menschen in Dingen Gesichter oder Wesen erkennen. Im Regelfall betrifft dies christliche Heilige, vor allem die katholische Muttergottes. Das Chávez in Venezuela von seinen Anhängern in ähnlich religiöser Weise verehrt wird, zeigt die Wortwahl Maduros Maduro, der schwärmte, er habe angesichts des "Blicks" der Erscheinung eine Gänsehaut bekommen. Das U-Bahn-Bildnis und andere "unerklärliche Phänomene" sind seinen Worten nach Zeichen dafür, dass Chávez "überall" gegenwärtig sei und dass "wir alle" Chávez seien.

Der Salon-Autor Buzz Poole hat in seinem 2007 erschienenen Buch Madonna of the Toast Pareidolien aus aller Welt gesammelt: Neben klassischen religiösen Figuren wie Jesus auf einer Teigtasche, Johannes Paul II. auf einem Pfannkuchen, Mutter Theresa auf einem Zimtbrötchen und dem arabischen Allah-Schriftzug auf einem Fisch betreffen sie immer öften Figuren aus der populären Kultur: Mickey Mouse erschien zum Beispiel auf einer schwarz-weiß-gefleckten Holsteinkuh, Jar Jar Binks auf einem Scheunentor, Lenin als Schimmel auf einem Duschvorhang - und das Michelin-Männchen zeigte sich als Karotte. Auch letztere erzielen bei Versteigerungen teilweise bemerkenswert hohe Summen. (Peter Mühlbauer)