"Heimat" setzt sich zur Wehr: gegen Nazis

Am 19. Juni 1941 beschlagnahmte ein Gestapo-Kommando das Olper Pallottiner-Kloster; vor dem Gebäude fanden sich immer mehr Frauen, Männer und Kinder zum Protest gegen die braune Räuberbande ein. (Repro: Stadtarchiv Olpe)

Im Juni 1941 lehrten die Bewohner der Kreisstadt Olpe ein Gestapo-Kommando das Fürchten - Das Modell empfiehlt sich auch heute angesichts brauner Umtriebe

Beim inflationären und zumeist inhaltslosen Gerede über sogenannte regionale "Identität" wird gerne unterschlagen, dass kollektive "Identitäten" immer etwas mit Konstruktionen, Bildmächtigkeit und Deutungshoheit zu tun haben. Alles entscheidet sich an der Frage, von welchen Geschichtserfahrungen, "Traditionen", "Vor-Bildern" und Visionen denn die Rede sein soll, wenn das magische Zauberwort "Heimat" ins Spiel kommt.

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Die Sache sei - auch aus aktuellem Anlass - anschaulich gemacht mit Ausführungen über Südwestfalen. Während in Altena der Bürgermeister Andreas Hollstein (CDU) eine Attacke erleidet, die von der Staatsanwaltschaft als "Tatverdacht des versuchten Mordes" behandelt wird, und der Täter die menschenfreundliche und intelligente Flüchtlingspolitik Hollsteins angeprangert hat, wird in der weiteren Nachbarschaft die Kreisstadt Olpe samt Umland von braunen Umtrieben heimgesucht.

Noch im Jahr 1933 hatte der "schwarze Kreis Olpe" eines der schlechtesten (sprich: vorbildlichsten) Stimmergebnisse für die NSDAP in ganz Deutschland aufzuweisen. Heute versucht die kleine Nazi-Kaderpartei "Der III. Weg" ausgerechnet dort, einen von bundesweit rund 20 Stützpunkten im Zuge eines "kontinuierlichen Strukturaufbaus" dauerhaft zu verankern. Schon 2016 wollten diese Anhänger der reinen Lehre des National-Sozialismus im Kreisgebiet mit einer Postkartenaktion gezielt solche Leute einschüchtern, die ihrem "nationalrevolutionären" Heimatwahn entgegenarbeiten.

Unter der Parole "Volk und Vaterland" sollen feierliche Mörder-Ehrungen, ein "arischer Sozialismus" (für "gleichblütige nordische Menschen"), völkisch-germanische "Religion" (statt christlicher Prägungen), Homophobie und "Bürgerwehr"-Spektakel (auf der Basis von erfundenen Horrormeldungen) beworben werden. In eindeutiger Absicht verbreiten Netzseiten der extremistischen Bewegung Nachrichten über Anschläge auf Mitmenschen, die als Flüchtlinge ins Land gekommen sind. Die Vertreter des III. Weges sehen sich als Vollstrecker eines vermeintlichen Mehrheitswillens und skandieren: "Olpe setzt sich zur Wehr."

Diese Parole haben sich die Neonazis jedoch aus einem Kapitel der Heimatgeschichte geklaut, das für einen "kontinuierlichen Strukturaufbau" der Braunen im "Heimatgebiet Olper Land" ganz und gar nicht beansprucht werden kann. Die Sache führt uns zurück zum 19. Juni 1941: Drei Tage vor dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion kommt ein Gestapo-Kommando nach Olpe, um das Pallottiner-Kloster am Ort zu besetzen und die Ordensleute aus ihrer Heimat zu vertreiben.

Die Nazi-Beamten haben jedoch nicht mit den Reaktionen der Bevölkerung auf ihren Raubzug gerechnet. An drei aufeinander folgenden Tagen ziehen mehrere hundert Frauen, Männer und Jugendliche zu Demonstrationen vor das Kloster in Olpe, singen Protestlieder gegen die braunen "Feinde Christi", läuten Glocken und beschimpfen lautstark die Nazi-Bande. Weil die Gestapo-Männer Teilnehmer der Proteste verprügeln, bewaffnen sich einige Bauern sogar mit Eichenknüppeln.

Die "Laien" am Ort hatten die Initiative zu diesem Aufruhr ergriffen, ohne die kirchliche Obrigkeit vorher um Erlaubnis zu fragen. Die Gestapo lernte daraufhin im südlichen Sauerland das Fürchten. Die Olper Demonstrationen wurden 1941 weit über die Grenzen des Sauerlandes hinaus bekannt und vom NS-Machtapparat in Berlin an höchster Stelle wahrgenommen.

Gegen einige Beteiligte ging man mit Gewalt, Repression und Gefängnishaft vor. Am Ende entschieden sich die Behörden des Nazi-Staates jedoch dazu, die Strafverfahren gegen "Olper Aufrührer" (Arbeiter und Handwerker) nicht weiter zu betreiben. Man wollte die Erinnerung an das Aufbegehren der südsauerländischen Katholiken nicht wieder lebendig werden lassen.

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Der Pallottiner Norbert Hannappel hat 1991 noch lebende Zeitzeugen befragt - gleichsam "in letzter Minute". So entstand eine Sammlung von über 60 Berichten zum Olper Klostersturm, ergänzt durch Quellen aus dem Ordensarchiv und die Erinnerungen einer sehr wagemutigen "Laien-Agentin" des Ordens. Eine soeben erschienene Neuedition des ursprünglich nur hektographierten Werkes "Menschen im Widerstand" erschließt zahlreiche weitere Dokumente, auch zur amtlichen bzw. "parteiamtlichen" Sicht der Olper Ereignisse von 1941.

Das im Buch auf breiter Quellenbasis dokumentierte Geschichtskapitel ist für die überregionale Forschung von Interesse. Angesichts der Umtriebe des III. Weges im südlichsten Westfalen enthält es aber auch ein aktuelles Modell für geschichtsbewusste "Heimatpatrioten": Olpe setzt sich zur Wehr - gegen Nazis.

Ein hochrangiger CDU-Politiker aus Westfalen hat mir soeben zur Mordattacke von Altena geschrieben: "Erst Hass und Hetze, dann folgt die Gewalt. Wir müssen Position bekennen. Wegducken gilt nicht." Das sei auch allen Christdemokraten ins Stammbuch geschrieben, die sich nicht schämen, bei den Blau-Braunen Anleihen zu machen und gleichzeitig die "eigenen Leute" zu verhöhnen, wenn sie christlichen Grundsätzen treu bleiben.

Literaturhinweis:

Norbert Hannappel: Der Gestapo-Angriff auf das Pallottinerkloster in Olpe. 19. Juni 1941: Menschen im Widerstand - Zeitzeugenberichte und Dokumente. Norderstedt: BoD 2017. (Paperback; 380 Seiten; 15,90 Euro; ISBN-13: 978-3-7460-3040-1)

(Peter Bürger)

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