Heimatloser Lärmschutz

Über einen teilweise tabuisierten Bereich in der politischen Landschaft Deutschlands

"Dankbar" sei er gewesen, "zutiefst dankbar" - so ein Münchner, der in der Nähe des Oktoberfestgeländes wohnt. Dankbar, sowohl um das massive Polizeiaufgebot, das in diesem Jahr rund um das Areal für eine seit der Aufhebung der Sperrstunde 2004 nicht mehr da gewesene Nachtruhe sorgte, als auch für die Terrordrohung des Irren mit dem Schlips, die diese erst möglich machte. Und er hoffe, so der in den Vorjahren nicht nur durch Lärm, sondern auch durch penetranten Uringestank geplagte Anwohner, dass es im nächsten Jahr wieder eine Drohung geben werde. Keinen Anschlag selbstverständlich - Gott bewahre! - nein, aber eine bloße leere Drohung.

Er selbst würde sich zwar so etwas nicht trauen, aber er hätte Verständnis, wenn andere Anwohner versucht seien, nach der Ruheerfahrung 2009 im nächsten Jahr selbst mit einem Anschlag zu drohen, wenn es sonst keiner macht. Nicht, um einen durchzuführen, selbstverständlich, sondern um sicherzustellen, dass die Polizei (anders als in den Jahren zuvor) nachts wieder für Ruhe sorgt und Ballermann-Vandalismus verhindert. Allerdings sei es traurig, dass erst eine Terrordrohung kommen müsse, um die Anwohner vor dem alltäglich gewordenen Terror zu schützen, gegen den keine Beschwerden, keine Eingaben, keine Ordnungswidrigkeitenanzeigen und kein Betteln bei Behörden geholfen habe.

In fast allen Emissionsschutzanliegen gab es seit den 1970ern Fortschritte: Die Luft ist heute praktisch überall in Deutschland sauberer als vor 30 Jahren, damals tote Gewässer beherbergen essbare Fische und wilde Müllkippen sind weitgehend verschwunden. Nur beim Lärmschutz wurde zwar manches besser - aber noch mehr deutlich schlimmer. Das zeigt sich unter anderem an den Absatzzahlen von Ohropax, die auch in der Krise beständig wachsen.

Tatsächlich ist der Lärmschutz eines der von allen politischen Parteien vernachlässigten Themen. Was möglicherweise auch daran liegt, dass der Bereich auch von den straßenfestkultur- und wohngemeinschaftsmasochismusgeprägten Grünen in seinen mit am wichtigsten Ausprägungen ausgespart wurde. Kritik an solchen Lärmformen ist in der Politik mittlerweile geradezu tabuisiert. Das zeigt sich unter anderem an den von allen politischen Gruppierungen bis hin zu den Freien Wählern bejubelten Plänen, Zivilklagen gegen Ruhestörung durch Jugendliche zu verbieten.

In dieser Situation kommt es immer wieder zu unangemessener Selbsthilfe, wie zu jener von Unbekannten in der Münchner Heiglhofstraße, die einem 24jährigen im letzten Jahr die Haustür mit einer brennbaren Flüssigkeit übergossen und diese anzündeten. Der Krankenpfleger gab gegenüber der Polizei selber zu, dass es wohl an der Lautstärke seiner Parties lag, mit der er einen oder mehrere seiner Nachbarn zu dieser Verzweiflungstat getrieben habe, bei der durch die Löscharbeiten erheblicher Sachschaden entstand.1 Die Tat war kein Einzelfall: Tatsächlich verbarg sich aus Lärm erwachsene Verzweiflung hinter zahlreichen der unspektakuläreren Amokläufe der letzten Jahre, die es nicht auf die Titelseite der Bild-Zeitung, sondern nur in den Polizeibericht und den Lokalteil schafften: sei es der Rentner, der auf seine Nachbarn schoss, oder der Italiener, der ihnen mit der Kettensäge beikommen wollte. Dass es gerade Lärm ist, der zu unüberlegten Handlungen treiben kann, ist eine altbekannte Tatsache, die schon im Gilgamesch-Epos, einem der ältesten schriftlichen Aufzeichnungen der Menschheit verarbeitet wurde: Dort lässt der oberste Gott Enlil die Welt mit einer Sintflut vernichten, weil er durch den "Tumult der Menschheit" nicht mehr schlafen kann.

Die mangelnde Bereitschaft von Behörden, gegen Lärm vorzugehen, scheint jedoch im 21. Jahrhundert bis zu einem gewissen Grad ein speziell deutsches Problem zu sein. Nach einem Taz-Bericht von Tilman Baumgärtel hat man in Entwicklungsländern mit vermeintlich schlecht funktionierenden Behörden die Bundesrepublik in Sachen Hilfegewährung mittlerweile überholt. Ganz zu schweigen von Japan, wo ein Koban-System nicht nur nächtliche Ruhestörung unterbindet, sondern auch die Sicherheit auf den Straßen beträchtlich erhöht. Auch Japaner wanken nachts betrunken heim - aber durch die Kobans unterlassen sie dabei das Grölen. Eine Einschränkung der allgemeinen Handlungsfreiheit, die angesichts der gesundheitlichen Bedeutung der Nachtruhe durchaus angemessen erscheint.

Im Oktober warnte auch die WHO vor bislang unterschätzten Gefahren nächtlicher Ruhestörung. Der Weltgesundheitsorganisation zufolge führt diese nicht bloß zu Schlaflosigkeit und Schlafstörungen, sondern auch zu Bluthochdruck und schließlich zum Herzinfarkt. Sogar dann, wenn Menschen sich scheinbar an den nächtlichen Lärm gewöhnen, reagiert ihr Körper noch auf die Störungen, die evolutionsbiologisch gesehen als Warnsignale interpretiert werden. Hinzu kommt der durch Lärm erzeugte "Schlafdruck", die Angst vor der Tagesmüdigkeit und der dadurch verursachten geringeren Arbeitsleistung. Nach neueren Berechnungen übersteigt das lärmbedingte Herzinfarktrisiko das Lebenszeitrisiko, durch Luftschadstoffe an Krebs zu erkranken, sogar um das Zehnfache.

Laut WHO leiden in Europa 20 Prozent der Bevölkerung in gesundheitsgefährdendem Ausmaß unter nächtlichem Lärm. Besonders betroffen sind finanziell weniger gut gestellte Menschen. Nicht nur, weil sie in besonders lauten und schlecht schallgeschützten Wohnungen leben, sondern auch, weil sich Behörden in ihren Vierteln häufig noch nachlässiger um Ruhestörungen kümmern als anderswo. (Peter Mühlbauer)

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