Heimunterricht schafft die christliche Avantgarde

Die Zahl der Kinder in den USA, die nicht mehr in Schulen, sondern Zuhause unterrichtet werden, wächst, für christliche Fundamentalisten ein Weg, um die Gesellschaft und die Wissenschaft zu verändern

Wie viele Kinder genau in den USA nicht mehr öffentliche und private Schulen besuchen, sondern Zuhause unterrichtet werden, ist nicht bekannt. 2003 ging die letzte Schätzung des National Center for Education Statistics (NCES), eine Behörde des US-Bildungsministeriums, von 1,1 Millionen Kindern bis zur 12. Klasse oder 2,2 Prozent aller Schüler. Nach dem nicht unabhängigen National Home Education Research Institute sollen es mittlerweile 1,9 bis 2,4 Millionen Schulkinder sein. Hier geht man von jährlichen Wachstumsraten zwischen 7 und 15% aus. Hauptmotiv der Eltern, ihre Kinder Zuhause aufzuziehen, ist die Gewähr für eine weltanschaulich ungestörte, in aller Regel christlich ausgerichtete Erziehung. Man glaubt auch, dass die Kinder fern von den Schulen sicherer seien und eine bessere Ausbildung bekommen.

Sollten die großen Zuwachsraten stimmen, dass immer Eltern ihre Kinder in eigener Regie Schuldbildung vermitteln wollen, dann könnte dies nicht nur auf die Dauer das öffentliche Schulsystem unterminieren, sondern auch die wissenschaftliche Grundbildung der Menschen in den USA durch wachsende weltanschauliche Parallelgesellschaften verändern. Hausunterricht tritt schließlich zu den weltanschaulich geprägten privaten Schulen hinzu. Nach der Erhebung des NCES waren Schüler mit Hausunterricht eher als die Kinder, die öffentlichen Schulen besuchten, weiß, sie stammten eher aus Familien mit drei und mehr Kindern. Im Hauhalt lebten die Kinder eher mit beiden Elternteilen zusammen, von denen meist nur einer zur Arbeit ging. Überwiegend lebten sie in Städten (über 50.000 Einwohner). Beim Haushaltseinkommen lagen diese Familien etwa gleichauf mit denjenigen, bei denen die Kinder öffentliche Schulen besuchen, jedoch unter Familien, die ihre Kinder auf Privatschulen schicken. Beim Bildungsgrad der Eltern liegen die Kinder, die Zuhause erzogen werden, in der Mitte, unter denjenigen, die ihre Kinder in Privatschulen schicken.

Für den Hausunterricht entscheiden sich Eltern vor allem, um ihre Kinder fern von den Schulen zu halten, in denen sie um ihre Sicherheit fürchten und Sorge haben, dass sie an Drogen kommen oder unter den Druck von Mitschülern geraten. Fast ebenso oft werden religiöse oder moralische Gründe genannt. 72% der Eltern gaben an, ihre Entscheidung für den Hausunterricht sei aufgrund des Wunsches entstanden, religiöse und moralische Lehren zu vermitteln. Sexualität oder Keuschheit spielt bei den Fundamentalisten natürlich auch eine große Rolle. Man sorgt sich nicht nur, dass die Jugendlichen von ihren Altersgenossen verführt, sondern womöglich auch noch homosexuell werden könnten. Auch Lehrer gelten als sexuelle Bedrohung.

Als die Bewegung für Hausunterricht in den USA in den 70er Jahren entstand, stand die Kritik am staatlichen Schulsystem im Vordergrund. Die Alternativen und Liberalen von einst sind seit den 80er und vor allem den 90er Jahren durch die christlichen Fundamentalisten ersetzt worden, die ihre Kinder möglichst unbeeindruckt von anderen Anfechtungen erziehen wollen, wie sie beispielsweise auch von bestimmten Schulfächern wie der Biologie ausgehen, in denen abgelehnte Inhalte wie die Evolutionstheorie gelehrt werden.

Immer mehr Eltern sehen es als ihre Aufgabe an, die Kinder selbst zu erziehen und ihnen dabei die Werte zu vermitteln, die sie selbst für wichtig halten. Darunter sind viele Christen - aber auch Atheisten, Mormonen, Muslime und Juden tun das. Sie fragen sich: Warum lassen wir unsere Kinder jeden Tag mehrere Stunden durch andere Menschen prägen, die vielleicht ein ganz anderes Weltbild und Wertesystem haben? Warum prägen wir sie nicht selbst? Hausschüler leben nicht isoliert.

Brian D. Ray, Direktor des National Home Education Research Institut, in einem Interview

Die Bedingungen, eine Genehmigung für den Heimunterricht zu erhalten, sind von Staat zu Staat verschieden, aber meist nicht schwer zu erfüllen. Zum Unterricht Zuhause kommt mittlerweile immer stärker der Fernunterricht, zunehmend über das Internet. Eine Kontrolle der Unterrichtsinhalte und der benutzen Materialien findet praktisch nicht statt. Hinter der Bewegung stehen Organisationen wie das Discovery Institute, die Foundation for American Christian Education oder Exodus Mandate. Alle wollen die amerikanische Kultur erneuern und auf christliche Werte gründen. Exodus Mandate strebt als „Strategie für die Erneuerung der Gesellschaft“ an, mit dem Exodus zum Hausunterricht das öffentliche Schulsystem zum Einsturz zu bringen. Der Staat soll sich aus dem Bildungssystem ganz zurückziehen und dies wieder „den Kirchen und Familien“ überlassen.

Eine der Initiativen von Exodus Mandate zur Unterminierung des staatlichen Schulsystems durch Ausbreitung der Hauserziehung war etwa der gelungene Versuch, eine Resolution in den Southern Baptist Convention (SBC) einzubringen, der mehr als 16 Millionen Mitglieder hat. In der Resolution wurde ein vorgeschlagenes Homosexuality School Risk Audit gebilligt, nach dem Schulen und ihre Umgebung auf Förderung oder Akzeptanz/Toleranz von Homosexualität und anderen sexuellen „Abweichungen“ geprüft werden sollen. Die Ergebnisse sollen veröffentlicht und die Schulen bzw. Lehrer unter Druck gesetzt werden. Homosexualität. So heißt es, setzte die Lebenserwartung um 8-20 Jahre herab, lösen Brustkrebs bei Frauen aus und erhöhe die Wahrscheinlichkeit, auch zu rauchen oder Drogen zu nehmen. In diesem Jahr soll über eine „Ausstiegsstrategie“ aus dem staatlichen Schulsystem abgestimmt werden, so dass Heimunterricht für Waisen, Alleinerziehende und andere benachteiligte Gruppen gefördert wird.

Schools have long ceased to be a positive reinforcer of traditional values. In fact, they are not even neutral on many crucial issues which are important to people of faith. Unfortunately, public education has been hijacked by people who reject Biblical teachings on man's origin, the proper role of sex and the acceptability of homosexuality. These are non- compromising issues for Christians.

Rick Scarborough, Gründer von Vision AmericaPublic und Mitstreiter von Exodus Mandate

Nachdem die Fundamentalisten es mitunter nicht erreichen, im Unterricht etwa die Evolutionstheorie durch den Kreationismus bzw. Intelligent Design zu ergänzen oder gar zu ersetzen, könnte der Drang zum Ausstieg aus der Schule noch stärker werden. Lehrbücher für Biologie, die beispielsweise vom Beka Verlag für den Heimunterricht angeboten werden, sind denn auch ideologisch auf Bibeltreue getrimmt. Abweichungen von wissenschaftlichen Lehren und Theorien betreffen allerdings nicht nur die Biologie, sondern auch andere Fächer, wie der New Scientist in „Preach Your Children Well“ berichtet. Irgendwie scheint auch die göttliche Schöpfung nicht mit den möglichen Folgen des Klimawandelns zusammenzupassen. Gott habe, so heißt es im Lehrbuch „Science Order and Reality“, in der Schöpfung für Korrekturmechanismen – „checks and balances“ – gesorgt. „um viele der globalen Störungen zu verhindern, die von Umweltschützern vorhergesagt werden“. Notwendig ist also nur das notwendige Gottvertrauen. In Geologiebüchern wird beispielsweise versichert, dass der Grand Canyon während der Biblischen Flut entstanden sei. In Astronomiebüchern bastelt man etwa am Problem herum, warum das Licht von Sternen, die viele Millairden Lichtjahre entfernt sind, die Erde nur in den paar Tausend Jahren der Schöpfung erreichen könne. Vielleicht, so lernen die Kinder im Heimunterricht der aufrechten Fundamentalisten, war die Lichtgeschwindigkeit früher einfach schneller, vielleicht hat auch Gott das Licht erst geschaffen.

Noch haben die christlichen Fundamentalisten die Schulen und manche wissenschaftliche Theorien, die sich mit der wörtlichen Auslegung der Bibel stoßen, nicht abgeschafft. Viele der Kinder, die Hausunterricht hatten und als Avantgarde oder Speerspitze der angestrebten Kulturrevolution gelten, schaffen es auch, die Tests zu bestehen, mit denen sie studieren können. Allerdings gibt es auch mehr und mehr entsprechende christliche Hochschulen, um den Glauben zu stärken und für eine höhere Ausbildung zu sorgen. Beispielsweise hat die 1983 gegründete Home School Legal Defense Association (HSLDA), die erfolgreich rechtlichen Beistand zur Durchsetzung des Heimunterrichts leistete, im Jahr 2000 das Patrick Henry College (PHC) gegründet. Hier sollen, führende Menschen ausgebildet werden, die gesellschaftlich und politisch die Ziele Hausunterrichtsbewegung und der christlichen Kultur durchsetzen.

The mission of Patrick Henry College is to train Christian men and women who will lead our nation and shape our culture with timeless biblical values and fidelity to the spirit of the American founding.

2004 schon, so der New Scientist, waren sieben der 100 Praktikanten im Weißen Haus vom PHC, obgleich dort nur 240 Studenten eingeschrieben sind. Zwei Graduierte des PHC arbeiteten im Weißen Haus, sechs für Kongressmitglieder und acht für andere Bundesbehörden wie dem FBI. Das PHC hat bei aller christlichen Verpflichtung hohe akademische Maßstäbe und bildet eine Art Jesuiten der Evangelikalen aus. Zwar lehrt man den Kreationismus, aber legt hohen Wert auf Rhetorik und Gewandtheit in Diskussionen. Damit scheint man große Erfolge zu erzielen. So wurden nationale Wettbewerbe gewonnen, in denen es um das Argumentieren in fiktiven Prozessen geht, zwei Mal waren die PHC auch bereits den Studenten der Universität Oxford in Diskussionswettbewerben überlegen. Die akademischen und beruflichen Erfolge machen das College attraktiv, das mittlerweile auf der Basis einer „Bible-based worldview“ auch „Teen Leadership Camps“ ausrichtet, um Schülern „strategische Intelligenz“ und die notwendigen rhetorischen Mittel zur Durchsetzung des Kreationismus, der Ablehnung von Homosexualität oder der Abtreibung beizubringen.

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